Sodom und Gomorrha in Madrid

von Thomas Büser

Sodom und Gomorrha in Madrid Estatua Felipe 4

Ein Mord- und Sexskandal in den allerhöchsten Sphären erschütterte das habsburgische Spanien im 17. Jahrhundert.

Homosexuelle Beziehungen wurden in den allermeisten christlichen Gesellschaften als schwere Sünde betrachtet. Die Härte der Verfolgungen variierte je nach Land und historischem Kontext, aber eines war klar: die relative Permissivität der griechischen und römischen Antike lag in unerreichbarer Ferne. Die katholische Sexualmoral betrachtete gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen als unerlaubten, nicht der Fortpflanzung dienenden Weg zu sinnlicher Erfüllung. Im katholischen Spanien war die Vorgehensweise der Autoritäten jedoch höchst uneinheitlich. Während in Kastilien normale Gerichte für die Verfolgung der "Sodomie" zuständig waren, kamen derartige Fälle in Aragón vor die Inquisition. Dennoch wurde auf der iberischen Halbinsel lange Zeit eine relative Toleranz praktiziert, welche aber mit der katholischen Gegenreformation nach dem Konzil von Trient ein definitives Ende fand. Nach 1563 gab es kein Pardon mehr. Alle katholischen Glaubensdogmen wurden nun mit absoluter Unerbittlichkeit durchgesetzt, und die monogame Ehe zwischen Mann und Frau war eines jener Dogmen. Beim Kampf gegen die Ausbreitung des Protestantismus und alle anderen Formen der Heterodoxie gerieten nun auch Spaniens Schwule und Lesben immer stärker in die Mühlen der Justiz.
Dass dabei der allerkatholischste Herrscher des Kontinents, Philipp II., die Strafen drastisch verschärfte, war nicht verwunderlich. Wesentlich merkwürdiger erscheint es aber bis heute, dass die Verfolgung von Homosexuellen ausgerechnet in der Regierungszeit des sinnenfrohen Schürzenjägers Philipp IV. (1621-1665) die radikalsten Ausmaße annahm.

Der Conde de Villamediana: Star der barocken High Society

Sinnenfroh und zugleich prüde bis zur Bigotterie. Die Geschichte ist reich an derartigen Widersprüchen, und auch die Ära Philipps IV. war ein exzellentes Beispiel für diese Widersprüchlichkeit. Der Monarch selbst ist hoch kultiviert und kunstsinnig. Bereits nach seiner Thronbesteigung engagiert er den bis dato unbekannten Provinzmaler Diego Velázquez als Hofmaler und ebnet damit einem der ewigen Genies der Malerei den Weg. Gleichzeitig lässt der Herrscher bei seinen Streifzügen durch Madrids Bordelle nichts anbrennen. Böse Zungen behaupten, Philipp habe mehr als 30 Kinder in die Welt gesetzt, fast alle natürlich unehelich. Am Habsburgerhof regiert ein eigenartiges Gemisch aus statuenhafter Strenge des Hofprotokolls und hemmungsloser Wollust hinter den Kulissen - vom König höchstpersönlich vorgelebt.
Der knapp 40jährige Conde de Villamediana war dabei der unumstrittene Star der ausschweifenden Madrider Barockgesellschaft: ein brillanter und zugleich arroganter Entertainer, hochbegabter Philosoph und Dichter. Eine im 17. Jahrhundert offenbar unwiderstehliche Mischung, die Don Juan de Tassis (so war sein Name) zum Mittelpunkt aller Hofgesellschaften machte. Auch der König höchstpersönlich war von Villamediana angetan und ernannte ihn zum Kammerherrn seiner Gattin, der Königin Isabel von Borbón. Die zahllosen Liebesaffären, die dem Conde nachgesagt wurden, waren dabei kein Hindernis für seine höfische Karriere. Der König selbst war ja diesbezüglich kein Kind von Traurigkeit.
Aber die Gunstbezeugungen und seine herausragende Stellung am Hof schienen dem königlichen Günstling zu Kopf zu steigen. Seine Liebesaffären begannen, mit denen Philipps IV. zu kollidieren. Es machten sogar Gerüchte um eine mögliche Liaison Villamedianas mit der Königin die Runde. Der Stern des Conde begann zu sinken, aber sein Aufteten bei Hof blieb alles andere als diskret. Anonyme Morddrohungen schlug er achselzuckend in den Wind. Stattdessen verhöhnte er seine Gegner bei Hof öffentlich mit seinen sarkastischen Versen.

Villamedianas Ermordung

Politische Satire war im absolutistischen Spanien der Habsburger nicht gern gesehen, was auch andere scharfzüngige Zeitgenossen wie Francisco Quevedo am eigenen Leib erfahren mussten. Aber zu seinem Unglück befand sich der Höfling Villamediana mit seinen politischen Satiren am Königshof in einem regelrechten Wespennest. Zusammen mit seinen endlosen Liebesaffären trug ihm das Feindschaften an allen Ecken und Enden ein. Mit tödlichen Konsequenzen: am Abend des 22.8 1622 wurde Villamediana an der Ecke von Calle Mayor und Puerta del Sol von Unbekannten erdolcht, als er gerade aus seiner Kutsche aussteigen wollte.
Doch mit Tassis' Ermordung begannen die Verwicklungen erst so richtig. Während sein Leichnam ins nordspanische Valladolid überführt wurde, brodelte in Madrid die Gerüchteküche. Besonders aufsehenerregend war für die Zeitgenossen die Passivität der Behörden bei der Aufklärung des Mordes an einer derart hochgestellten Persönlichkeit. Kein Wunder, dass die Mörder niemals dingfest gemacht werden konnten.

Wer stand hinter der Ermordung?

Bei einem umstrittenen Mann wie Villamediana gab es natürlich allerhand Personen, die ein Interesse an seiner Beseitigung haben konnten. Allen voran Philipp IV., dem die vermeintliche Liebesaffäre zwischen Tassis und der Königin missfallen haben könnte. Für eine derartige These sprach die Schwerfälligkeit der Ermittlungen. Zeitgenössische Schriftsteller wie Góngora oder Quevedo bezeichneten den Monarchen daher auch halböffentlich als den Anstifter der Bluttat. Doch die These der Eifersucht als Tatmotiv ließ zahllose andere gehörnte Ehemänner als Tatverdächtige in Frage kommen.
Bis heute lässt jedoch ein anderes Ereignis aufhorchen, dass zeitlich nahezu mit der Ermordung Villamedianas zusammenfiel: die Eröffnung eines sensationellen Prozesses wegen Sodomie und Unzucht. Hauptangeklagter: Juan de Tassis.

Homosexualität als Mittel zum Rufmord?

War der Anschlag auf den königlichen Günstling schon spektakulär, so erst recht ein derartiges Verfahren gegen einen Mann, der überall als ausgesprochener Frauenheld bekannt war. War Tassis also ein Meister in der Kunst der Verstellung? Hatte er die gesamte Öffentlichkeit jahrelang hinters Licht geführt? Oder hatte er seine ausschweifende Sexualität in alle nur denkbaren Richtungen ausgelebt?
Die treibende Kraft hinter dem Prozess wegen des "crimen nefando", womit damals in Spanien homosexuelle Beziehungen zwischen Männern bezeichnet wurden, war niemand anderes als der königliche Premier höchstpersönlich: der Conde Duque de Olivares, seit der Thronbesteigung Philipps IV. der starke Mann im Staat. Beruhte das Verfahren auf wahren Erkenntnissen oder war es nur ein juristischer Winkelzug, mit dem Olivares einen brillanten Konkurrenten bei Hof auszuschalten versuchte? Aber wie ließ sich dann bei dieser Argumentationsrichtung die Ermordung Villamedianas vor Prozesseröffnung erklären? Für Olivares zumindest wäre es doch eine grenzenlose Genugtuung gewesen, seinen Rivalen in einem schmutzigen Verfahren öffentlich diskreditiert zu sehen. Gab es am Ende rivalisierende Kräfte am Hof, die eine Aussage Villamedianas in einem Skandalprozess mit allen Kräften verhindern wollten? Wusste Don Juan zu viel und stellte eine Gefahr für wichtige Persönlichkeiten dar?

Sodomie-Prozess und Verfolgungswelle

All diese Fragen blieben unbeantwortet und bleiben es bis heute. Die Prozesspapiere im Kastilien-Rat, der mit dem Verfahren beauftragten Institution, gelten als verschollen. Fest steht jedoch, dass im Rahmen des Villamediana-Prozesses eine große Zahl an Hausbediensteten aus den illustresten Adelsfamilien wegen ihrer Homosexualität auf die Anklagebank kam. Die Strafe lautete: Tod auf dem Scheiterhaufen und wurde am 5.12.1622 gegen fünf der Angeklagten auf der Plaza Mayor vollstreckt. Der Erstgeborene des Conde de Lemos konnte seiner Hinrichtung nur durch die Flucht nach Italien entgehen.
In den folgenden Jahren blieb es jedoch nicht bei diesem einen Prozess. Eine regelrechte Verfolgungswelle wegen des Vorwurfs des "crimen nefando" setzte ein. Auch Adlige wie der Sohn des Conde de Cabra, Luis de Córdoba, wurden exekutiert. In ihrem Falle jedoch nicht durch den Scheiterhaufen, sondern durch das Würgeeisen.
Parallel zu dieser Repressionswelle der zwanziger Jahre des 17. Jahrhunderts wurden auch neue Kleidungsvorschriften erlassen, die den spanischen Männern eine größere Züchtigkeit und Diskretion bei Schnitt und Farbauswahl auferlegten. Ein regelrechter Kreuzzug gegen die Homosexualität auf allen Ebenen. Wie sehr sich der Alltag schwuler Männer im 17. Jahrhundert hierdurch verändert hat, können wir nur erahnen. Die Zahl der Sodomieprozesse ging in den nächsten Jahrzehnten jedenfalls stark zurück. Ob dies nun an der nachlassenden Repression oder der wachsenden Vorsicht der Betroffenen lag, muss dahingestellt bleiben.

Ebenso wie die tatsächlichen Hintergründe der Ermordung des Conde de Villamediana.

Lesetipp: Peña Díaz/ Bruquetas; Pícaros y homosexuales en la España moderna; Barcelona 2005.

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