Mord im Morgengrauen

von Thomas Büser

Mord im Morgengrauen - Calle del Olmo Lavapies

Der Mord an der hochbegabten Hildegart im Jahre 1933 war eines der spektakulärsten Verbrechen in der Madrider Kriminalgeschichte

Die Sonne war an jenem 9.6.1933 gerade über Madrid aufgegangen, als Aurora Rodríguez Carballeira sich wusch und ankleidete. Danach trug sie dem Hausmädchen Julia Sanz auf, die Hunde auszuführen und bei ihrer Rückkehr die Nachbarin Doña Benigna herbeizurufen. Diese sollte Hunde, Katzen und diverse Koffer bei sich lagern, denn Aurora und ihre Tochter Hildegart würden zu einer längeren Reise aufbrechen. Als Julia Sanz die Wohnung in der Madrider Calle Galilieo 57 (heute Nummer 51) im Stadtteil Argüelles verlassen hatte, ging Aurora zu ihrem Nachttisch und zog einen nur wenige Monate zuvor gekauften Revolver heraus. Mit der Waffe begab sie sich zu einem der anderen Zimmer der Wohnung. Sie öffnete die Tür zum Schlafzimmer der gerade 18jährigen Hildegart, näherte sich ihrer schlafenden Tochter und gab aus nächster Nähe vier Revolverschüsse ab. Es war gerade acht Uhr morgens. Scheinbar völlig unbeeindruckt verließ Aurora Rodríguez das Haus, in dem sie gerade ihre eigene Tochter exekutiert hatte und begab sich schnurstracks zur Wohnung des Anwalts Juan Botella Asensi. Dem völlig überrumpelten Botella gestand die Besucherin ohne Umschweife die schreckliche Tat.

Was waren die Motive für diesen scheinbar mit volllkommener Kaltblütigkeit durchgeführten Mord?

Das erste Wunderkind geht

Die Familie Carballeira war eine bürgerliche, im galicischen Ferrol ansässige Familie. Skandalumwittert war in der beschaulichen Hafenstadt vor allem der Lebenswandel von Auroras älterer Schwester Josefa, die mit zahllosen Männeraffären für Furore sorgte. Als sie einen Jungen zur Welt brachte, verließ Josefa ihre galicische Heimat und brachte das Baby bei der zehn Jahre jüngeren Aurora unter. Diese kümmerte sich hingebungsvoll um den jungen "Pepito", las ihm unermüdlich phantastische Geschichten vor und ließ ihn stundenlang auf ihrem Klavier klimpern. Pepito entpuppte sich schnell als hochbegabt, und bereits im Alter von zwei Jahren entlockte er dem Piano seiner Tante die ersten einfachen Melodien. Als galicisches Wunderkind trat Pepito Arriola schon ein Jahr später vor Publikum auf. Angesichts dieses überwältigenden Talents dauerte es auch nicht lange, bis Auroras ältere Schwester Josefa sich ihres Sohnes erinnerte und wieder in Ferrol vorstellig wurde.

Fest entschlossen, das Talent Pepitos auszunutzen, zog Josefa mit dem Jungen nach Madrid, wo er das staatliche Konservatorium besuchte. Während dessen faszinierten seine Auftritte auch die Musikliebhaber der Hauptstadt. Bis ins Königshaus drang der Ruf des Wunderknaben, und so dauerte es nicht lange, bis die Königin höchstpersönlich das Studium des kleinen Jungen in Deutschland finanzierte. Bereits als Kind unternahm Pepito Konzertreisen in die USA, wo er als neuer Mozart gefeiert wurde. Für seine Mutter erwies er sich denn auch als wahrhafte Goldgrube, die Einkünfte seiner Konzerte ermöglichten Josefa ein unbeschwertes Leben in sämtlichen Metropolen dieser Welt.

Ein neues Erziehungsprojekt muss her

Die in Ferrol zurückgebliebene Aurora musste damit leben, das Talent ihres Neffen zwar entdeckt und gefördert zu haben, jedoch keinen materiellen Nutzen daraus ziehen zu können. Eine Schlussfolgerung hatte sie aber dennoch aus der Erweckung eines Wunderkindes gezogen: sie verfügte über Tyalent als Erzieherin. Voll und ganz widmete sie sich nun ihren pädagogischen Studien, die die junge Frau in Eigenregie, ohne jegliche universitäre Anleitung vorantrieb. Besonders faszinierten sie die Eugenik-Theorien des englischen Wissenschaftlers Francis Galton, die das Ziel einer Verbesserung der menschlichen Gesellschaft durch gezielte Fortpflanzung und Auslese der Intelligenten und Talentierten verfolgten. Ein Vorläufer der späteren nationalsozialistischen Euthanasiebestrebungen, denn für vermeintlich Minderbemittelte war in Galtons Universum kein Platz.

Immer tiefer drang Aurora Rodríguez in diese Gedankenwelt ein, so tief, dass sie sogar das Projekt eines Camps für Hochbegabte in der Nähe Madrids entwickelte, zu dem nur körperlich und geistig makellose Menschen Zutritt haben sollten. Die Nachkommenschaft sollte dann über ganz Spanien verteilt und somit die spanische Nation auf eine höhere Entwicklungsstufe gehoben werden.

Bald musste Aurora jedoch einsehen, dass die Idee einer perfekten Community viel zu aufwendig und kostspielig war. Es blieb ihr also nichts anderes übrig, als ihre hochfahrenden Ambitionen auf eine eigene Familie zu reduzieren. Ein zweiter Pepito könnte von ihr erzogen werden, mit dessen Hilfe auch sie zu Ruhm und Reichtum gelangen könnte. Auf ihrer Suche nach einem geeigneten Befruchter -wohlhabend, intelligent, gebildet- wurde Aurora nach einer akribischen Kandidatenauswahl fündig. Erziehen wollte sie ihr Kind allerdings alleine, ohne väterlichen Einfluss, voll und ganz ihre pädagogischen Ideen zur Anwendung bringend. Am 9.12.1914 kam schließlich das Versuchsobjekt zur Welt, dem Aurora den Namen Hildegart (Garten der Weisheit) verlieh.

Hildegart wurde von ihrer Mutter von Anfang an dazu trainiert, ein Genie zu sein: Buchstabenpuzzles und die neuesten mnemotechnischen Erziehungsmethoden kamen zum Einsatz. Mit Erfolg, denn bereits im Alter von knapp zwei Jahren begann das Mädchen zu lesen. Mit vier Jahren war Hildegart im Stande, komplizierte Diktate fehlerfrei auf der Underwood-Schreibmaschine der Mutter zu tippen. Mit zehn schrieb und las das Mädchen in vier Sprachen. Mit 12 Jahren publizierte das Wunderkind seinen ersten Artikel zum Thema Sexualität und Empfängnisverhütung. Unnötig zu erwähnen, dass Hildegart bereits mit 14 Jahren ihr Abitur absolvierte und mit erstklassigen Noten ein Jura-Studium aufnahm.

Ein Konflikt bahnt sich an

Ähnlich wie das Klaviergenie Pepito zog auch Hildegart die Aufmerksamkeit der spanischen Öffentlichkeit auf sich. Mit Brillanz und intellektueller Schärfe entwickelte sie auf Kongressen oder in Publikationen ihre Theorien zur Emanzipation der Frau, zur Banalität des Geschlechtsaktes, zur Rassenhygiene und ähnlichen kontroversen Themen. Doch in Wirklichkeit war der scheinbar geniale Teenager nichts anderes als das intellektuelle Sprachrohr seiner Mutter, die ihre Kreation keine Minute aus den Augen ließ. Von Aurora angespornt engagiert sich Hildegart für die sozialistische Partei, für die sie in der frühen Phase der II. Republik ab 1931 agitiert. Doch die sozialen Errungenschaften wie Ehescheidung und allgemeines Wahlrecht auch für Frauen gehen der jungen Aktivistin nicht weit genug, und schnell überwirft sie sich mit der Parteileitung. Nichtsdestotrotz entfaltet Hildegart auch nach diesem Zwist eine frenetische publizistische Aktivität, die ihr über die spanischen Landesgrenzen hinweg den Beinamen "die rote Jungfrau" einbrachten. Sozialkritische Publikationen mit provozierenden Titeln wie "Quo vadis, Bourgeoisie?", "Die Tricks des Sozialismus" oder "Weder Jesus noch Marx" machten die 18jährige immer bekannter.

Aurora hätte über den Erfolg ihrer Tochter glücklich sein können, aber Gefahr drohte ausgerechnet aufgrund ihrer wachsenden Berühmtheit. Hildegart knüpfte nämlich immer engere Kontakte zu wissenschaftlichen Kreisen im Ausland, so zum Beispiel zu dem britischen Sexualwisssenschaftler Havelock Ellis oder sogar zu unumstrittenen Berühmtheiten wie Sigmund Freud oder H.G. Wells. Aurora wurde von immer schlimmeren Befürchtungen heimgesucht, sah in den Lobpreisungen nur noch Komplotte und den perfiden Versuch, ihre Tochter von ihr zu trennen. Ihre Schöpfung drohte ihr zu entgleiten. Da waren anonyme Drohbriefe, die die Familie nach Hildegarts Abkehr vom Sozialismus erhielt. Da waren Männerbesuche vermeintlich wissenschaftlicher Natur. Da waren die stetig wachsende Aufmüpfigkeit und die verschwörerischen Blicke, welche Tochter und Hausmädchen austauschten. Hildegart wehrte sich immer vehementer gegen die Bevormundung durch die Mutter, vertrat in ihren Artikeln plötzlich resolut die These, die Kinder seien nicht der Besitz der Eltern.

Aurora Rodríguez kaufte sich daraufhin einen Revolver und übte damit auf der Dachterrasse. Selbstverteidigung gegen äußere Feinde war also angesagt, denn diese äußeren Feinde versuchten ganz offensichtlich, einen Keil zwischen Mutter und Tochter zu treiben. Wie sonst waren beispielsweise die Einladungen zu Kongressen zu verstehen, bei denen Aurora überhaupt nicht mehr berücksichtigt wurde? Hildegart ihrerseits lässt sich nichts mehr verbieten, gibt ganz offen zu, sie brauche Luft zum Atmen, wolle nicht mehr mit der Mutter zusammenleben. Sie wolle die Welt und andere Menschen sehen und kennenlernen.

Der tödliche Showdown

Ein Kongress in London bildet schließlich den Auslöser für die finale Katastrophe. Hildegart möchte unbedingt nach England reisen, die Mutter verbietet es ihr. Ihre Verschwörungstheorien fasst Aurora Rodríguez in einem Artikel mit dem Titel "Kain und Abel" für die wissenschaftliche Zeitung Tierra zusammen. Publiziert wird er unter dem Namen Hildegarts, aber Aurora gibt Jahre später zu, dass sie das Essay voller düsterer Andeutungen verfasst habe. Darin verteidigt sie den Brudermörder Kain als Exekutor der dreifachen Kunst des Liebens, Kämpfens und Tötens. Hildegart antwortet wenig später mit einem wirklich von ihr geschriebenen Artikel, der folgende Kampfansage an die Mutter enthält: "Eine Person mit Talent muss unter allen Umständen triumphieren. Der Starke und Intelligente muss gewinnen. Und ich bin der Stärkere!"

Nach diesem publizistischen Scharmützel war klar, dass sich das Mutter-Tochter-Drama zu einer Katastrophe ausweitete. Angesichts der Gefahr, die Tochter für immer zu verlieren, zieht die Mutter die tödlichen Konsequenzen: vier Schüsse auf die schlafende Hildegart.

Nach Bekanntwerden der Ermordung gehen Schockwellen durch Madrid. Hildegart war eine prominente Figur. Niemand konnte die Motive für die Bluttat verstehen, denn nur wenige kannten die wahren Ausmaße des Konflikts zwischen Mutter und Tochter. Hildegarts Beerdigung geriet zum Massenspektakel, bei dem mehrere tausend Personen dem Sarg zum Almudena-Friedhof folgten. Aurora Rodríguez machte derweil in keinem Moment Anstalten, ihre Schuld zu verleugnen. Während des Strafprozesses attestierten ihr mehrere psychiatrische Gutachten eine schwere Paranoia. Am Ende der Verhandlungen wurde die Mörderin zu einer Haftstrafe von 26 Jahren verurteilt. Während der langjährigen Haft schwanden ihre geistigen Fähigkeiten zusehends. Ihre letzten Jahre verbrachte Aurora Rodríguez nur noch damit, eine riesige Puppe zu basteln und zu bemuttern.

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