Die armen Bourbonen

von Thomas Büser

Die armen Bourbonen

Die Kette der Skandale um den Ex-König Juan Carlos I reißt nicht ab. Sie können einem wirklich leid tun, diese Bourbonen.

Einer der wenigen Vorteile der unendlich scheinenden Lockdown-Wellen, die über Spanien und alle anderen europäischen Länder hereinbrechen, besteht darin, dass man wieder Zeit zur Lektüre hat. Nach fast einem Jahr der Zwangspause im Tourismus ist bei mir so einiges an Literatur zusammengekommen. Lesen ist immer noch eine der besten Methoden gegen die Verzweiflung. Und manchmal verhilft es einem wirklich zu einigen unbeschwerten Momenten. Wie beispielsweise vor einigen Wochen, als mir ein Werk des spanischen Journalisten Juan Eslava Galán über Familienporträts im Prado in die Hände fiel. Mehr als eine kunsthistorische Analyse zahlreicher königlicher Familienporträts ist der Band eine unterhaltsam geschriebene, groβzügig bebilderte Abhandlung über die Schrullen und Exzentrizitäten der spanischen Monarchen seit dem Spätmittelalter.

Eine meiner ganz wenigen Touren führte mich im Dezember mit einer Gruppe spanischer Anwälte zum Palacio Real, wo ich die ein oder andere dieser von Eslava Galán aufgezeichneten Anekdoten zum besten geben konnte. Selbstverständlich mit der gebotenen Vorsicht und Rücksichtnahme auf mögliche monarchistische Gefühle einiger der Teilnehmer. Denn angesichts der Flucht des emeritierten Herrschers Juan Carlos ins arabische Morgenland tobt in Spanien ein neuerlicher Kulturkampf zwischen Monarchisten und Republikanern. Immer neue Aussagen der offiziell als "Freundin des Ex-Königs" betitelten Adligen Corinna von Sayn Wittgenstein lassen den Abgedankten in einem alles andere als schmeichelhaften Licht erscheinen. Die immer noch herrschenden Bourbonen sind also wieder einmal in aller Munde, und der Palacio Real mit seinen vermutlich mehr als 3.000 Zimmern ist das in Stein gehauene Symbol dieser Dynastie. Grund genug also für einen kleinen Exkurs in die bourbonische Skandalgeschichte. Und zu meiner Überraschung hatten die meisten der Teilnehmer meiner Führung wirklich keinen blassen Schimmer von diesen Aspekten ihrer Königsfamilie..

Eslava Galán spart in seiner Publikation nicht mit makabren Details, die die Gemäuer des knapp 300 Jahre alten Bauwerks zum Erzittern bringen könnten, hätte es nur Ohren. Dabei fing alles recht vielversprechend an: mit Philipp V., einem Enkel Ludwigs XIV., vom Sonnenkönig nach einem verheerenden Erbfolgekrieg auf dem Thron der neuen bourbonischen Südschiene platziert. Der junge Monarch leitete einige Reformen in dem abgehalfterten Land in die Wege, konnte aber zwei Schicksalsschläge nicht verwinden: den Verlust seines über alles geliebten Versailles und den Tod seiner ersten Gattin María Gabriela von Savoyen. Der Herrscher verfiel immer wieder in monatelange Depressionen, wusch sich nicht, verlegte seine Aktivitäten (inklusive Audienzen) in die Nacht, um am Tag zu schlafen. Die Phasen depressiver Verstimmung gingen oft einher mit einer regelrechten Sexsucht, deren Opfer auch Philipps zweite Gattin Isabel Farnesio wurde. Die kluge Italienerin versuchte, ihren Gatten mit einem ehrgeizigen Bauprogramm neuer Paläste und einem ganz exquisiten Geschenk bei Laune zu halten: einem persönlichen Kontratenorsänger namens Farinelli. Der italienische Kastrat verstand es, den tieftraurigen Bourbonen mit seinen kunstvoll kolorierten Arien über Jahrzehnte bei Laune zu halten. Eine nächtliche Männerfreundschaft dank der Musik. 

Farinelli ging auch am Hof von Philipps Sohn Ferdinand VI. ein und aus, ebenso wie sein Vater Opfer depressiver Verstimmungen. Der ansonsten eher vorsichtige Herrscher, der während seiner 13jährigen Regentschaft zwischen 1746 und 1759 so etwas wie die schwarze Null im spanischen Haushalt durchsetzte, war wegen seiner depressiven Schübe alles andere als ein umgänglicher Zeitgenosse. Genau wie sein Vater verlieβ er oft wochenlang sein Gemach nicht, und wenn, dann meistens bei Nacht. Der Hofangestellte, der dann das Pech hatte, ihm in den Fluren des Königspalastes über den Weg zu laufen, wurde gerne mal aufs Wüsteste beschimpft oder sogar mit Bissen und Tritten attackiert. Kein Wunder, dass Ferdinands Stiefbruder Karl III. gegen den Familienfluch Depression drastische Gegenmaßnahmen ergriff: spartanische Lebensführung und unabänderliche, in Stein gemeißelte Tagesroutinen. Aufstehen um fünf Uhr morgens, beten, arbeiten, jagen, beten, arbeiten. Die Rosskur schien zu wirken, denn Karl blieb sein Leben lang von der Heimsuchung seiner Vorfahren verschont und ging wegen seiner unzähligen Bauprojekte als bester Bürgermeister in die Geschichte seiner Hauptstadt ein.

Mit Karl IV. schienen sich die schwermütigen Neigungen aus den bourbonischen Palästen verabschiedet zu haben. Als armer, gehörnter Tropf ging der König schließlich in die Geschichtsbücher ein. Seine Gattin María Luisa de Parma trieb es offenbar kunterbunt mit dem halben Garderegiment und beförderte einen ihrer Liebhbaer, einen gewissen Manuel Godoy, am vermutlich unwissenden Ehemann und Herrscher vorbei auf den Posten des Premierministers. Das bereits unter den ersten Bourbonen im Vordergund stehende Thema Sex gewann dann im 19. Jahrhundert immer mehr an Protagonismus. Erzfiesling Ferdinand VII., der nach dem Krieg gegen Napoleon das ausgeblutete Land mit despotischen Verfolgungsorgien überzog, war auch den erotischen Orgien alles andere als abgeneigt. Gleich vier Ehefrauen verschliss das Scheusal, was naturgemäß nicht ganz ohne Dramen ablaufen konnte. Seine dritte Gattin, die aus Deutschland importierte María Josefa von Sachsen, war in der Hochzeitsnacht offenbar dermaßen vom Anblick des Satyrn im Adamskostüm entsetzt, dass sie sich beim ersten Geschlechtsakt anal entleerte. Unappetitlich, aber doch irgendwie ein kleines Quentchen Gerechtigkeit gegenüber einem Monarchen, der zigtausende politische Gegner an den Galgen befördert hatte.

Auch Ferdinands Tochter Isabel II. offenbarte bereits in jungen Jahren eine ausgesprochene Neigung zu libidinösen Ausschweifungen. Die Zahl ihrer Liebhaber war schier unendlich und Diskretion war keineswegs die Stärke der Königin. Zwischen 1840 und 1868 ging es im Palacio Real operettenhaft-frivol zu, unter reger Anteilnahme nicht nur des Hofstaates, sondern auch des gesamten Volkes. Nur mit einem einzigen Mann im königlichen Dunstkreis wollte sich die erotische Verbindung nicht so recht einstellen: mit Isabels Gatten Francisco de Asís, gleichzeitig auch ihr Cousin. Bereits als ihr von Regierungsseite der Name ihres zukünftigen Ehemannes verkündet wurde, soll Isabel ausgerufen haben: "Mit Paquita nicht!" Und ihre unheilvollen Vorahnungen wurden von der Realität sogar noch übertroffen. Mit ihrem üblichen kaltschnäuzigen Humor stellte sie nach der Hochzeitsnacht in Gegenwart mehrerer Hofdamen fest, ihr Gatte habe mehr Spitzenunterwäsche getragen als sie. Unter diesen Umständen - erheblicher Männerverschleiß von seiten der Königin, und Homosexualität des Gatten - war es nicht weiter verwunderlich, dass der Thronfolger nicht königlichen Lenden entsprungen, sondern Sprössling eines simplen Militäringenieurs war, der die amourösen Wege der Königin gekreuzt hatte.

Alfons XII. war sein Name. Zusammen mit seiner Mutter musste er 1868 den bitteren Weg ins Pariser Exil antreten und aus der Ferne der Ausrufung der Republik zusehen. Doch der junge Mann war ein Glückskind: bereits nach kurzer Zeit hatte sich das republikanische Experiment verschlissen, ein Interimskönig aus Saboyen ergriff angesichts des spanischen Chaos die Flucht - und der Weg war frei für den Ingenieurssohn. Die Bourbonendynastie wurde 1875 restauriert, der König war allseits beliebt. Ebenso wie bei seiner Mutter waren auch seine Affären vox populi. Doch allzuviel Skandalöses gab es über den zwölften Alfons nicht zu vermelden, da er in jungen Jahren an der Tuberkulose starb. Sein Sohn, Alfons XIII., hatte seinen Vater nie kennengelernt, wurde 1902 als Herrscher vereidigt und ging auf Brautschau. Die Wahl fiel auf die englische Prinzessin Victoria Eugenia von Battenberg, eine der unzähligen Enkelinnen Queen Victorias. Die erste spanisch-englische Königshochzeit nach knapp vier Jahrhunderten. Doch die junge Liebe stand von Anfang an unter keinem guten Stern. Bereits am Hochzeitstag wurde auf die königliche Kutsche ein anarchistisches Bombenattentat verübt. Mehr als 20 Menschen starben, das Paar kam jedoch mit dem Schrecken davon. Leider hatte die Engländerin eine damals noch schwer heilbare Erblast mit in die Familie gebracht: die Bluterkrankheit. Die beiden ältesten Söhne des Ehepaares waren davon betroffen und starben in jungen Jahren nach Autounfällen. Lediglich der Sohn Jaime, Vater des uns allen präsenten Juan Carlos I., entkam dem genetischen Fluch.

Alfonso und Victoria Eugenia entzweiten sich, gingen bald getrennte Wege. Alfons hielt sich jedoch auf sexueller Ebene schadlos, versuchte sich sogar als Produzent von Pornofilmchen, über eine Produktionsfirma mit dem pikanten Namen "Royal Films". Im Politischen hatte er, wie seine drei Vorfahren auch, kein besonders gutes Händchen. Nach den Munizipalwahlen von 1931 trat er, wie schon seine Großmutter Isabel, den Weg ins französische Exil an. Auch der Sieg der nationalistischen Militärs unter General Franco im Spanischen Bürgerkrieg beförderte den Ex-König nicht auf den Thron zurück. Franco hielt die Bourbonen für politisch abgewirtschaftet, und auch die Intrigen des Möchtegern-Thronanwärters Jaime de Borbón änderten an dieser Position nichts. Erst Jaimes Sohn Juan Carlos schaffte es 1975 wieder auf den spanischen Thron. Seine knapp vierzigjährige Regentschaft hatte zweifelsohne ihre Verdienste. Aber in punkto Skandale stand er, wie wir heute wissen, den meisten seiner Vorfahren in nichts nach.

Fast könnte man nach dieser doch reichlich halbseidenen Familienchronik von einem Schicksal sprechen, vor dem es kein Entrinnen gibt. Oder wird sich Philipp VI. als Ausnahme von der Familienregel erweisen?

Philipp V. von Spanien (Louis-Michel van Loo)
Ferdinand VI. von Spanien (Louis-Michel van Loo)
Karl III. von Spanien (Anton Raphael Mengs)
Karl IV. und María Luisa von Parma (Francisco de Goya, Ausschnitt)
Ferdinand VII. (Francisco de Goya)
Isabella II. (Franz Xaver Winterhalter)
Alfons XII. (Federico Madrazo)
Alfons XIII. und Victoria Eugenia von Battenberg
 

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