Descalzas Reales - Weltflucht auf hohem Niveau

von Thomas Büser

Weltflucht auf hohem Niveau Descalzas Reales

Die Spanier, seit der Thronbesteigung Karls I. (Kaiser Karl V. von Deutschland) im Jahre 1516 integraler Bestandteil des habsburgischen Weltreichs, mussten sich im 16. Jh. wie die Angehörigen eines auserwählten Volkes fühlen.

Die habsburgische Glorie bildete das Gerüst des Weltreichs, seine wahre Essenz war jedoch der Katholizismus, der Glaube an seine Dogmen. Dieser Glaube war unverrückbar, er war der einzig wahre Weg zu Heil und ewigem Leben. Dieser Glaube versetzte Berge, er hatte den muslimischen Feind in die Flucht geschlagen. Er hatte den Konquistadoren den Wagemut zur Überquerung fremder Ozeane verliehen und das habsburgische Spanien mit Gold aus dem Aztekenreich und dem fernen Land der Inkas überflutet. Es gab weder für den Mann aus dem Volk noch für den Aristokraten den leisesten Zweifel daran, dass der Glaube an den einzig wahren Gott all diese Wunder zustande gebracht hatte.

Dieser Glaube wurde offensiv verteidigt, wo immer er bedoht schien. Spanische Truppen waren auf allen europäischen Kriegsschauplätzen präsent, egal ob im Deutschen Reich, im rebellischen Holland, im benachbarten Frankreich, gegen das „perfide Albion“ oder im Mittelmeer gegen die Türken. Doch auch im eigenen Land wurde keine Anstrengung gescheut, den eigenen Glauben zu inszenieren und zu zelebrieren. Eine der zentralen Ideen der Gegenreformation war ja, die katholischen Glaubensgrundsätze aktiv ins Volk zu tragen, und so warfen sich die Spanier während der Prozessionen der Karwoche begeistert auf die Straβe, um die Jungfrau Maria und Jesus Christus anzubeten. Natürlich wachte auch die Inquisition mit Argusaugen über die Einhaltung der Dogmen, die Angst vor einer neuerlichen Verbreitung des Judentums auf der iberischen Halbinsel lieβ die Scheiterhaufen allenthalben brennen.

Der direkte Weg ins Himmelsreich: ein Konvent als Rückzugsort und fromme Stiftung

Der Wille, durch Rechtgläubigkeit das ewige Paradies zu erlangen, zog sich quer durch alle Volksschichten. Auch die habsburgische Hocharistokratie nahm es mit dieser Glaubensfestigkeit durchaus ernst. Ein probates Mittel, sich durch fromme Taten einen leichteren und schnelleren Himmelszugang zu verschaffen, war die Gründung eines Konvents. Diese Einrichtungen waren aus den spanischen Städten dieser Zeit nicht wegzudenken, denn sie erfüllten gleich mehrere Funktionen. Zum einen waren sie Herbergen für fromme Seelen (oder unverheiratete Frauen), zum anderen aber auch Orte des Rückzugs für die Damen der höheren Gesellschaft, und in einigen Fällen auch prachtvoller architektonischer Beweis der Gottesehrfurcht, je nach Finanzlage des Stifters.

Diese war bei Juana de Austria, Schwester des spanischen Königs Philipp II., wohl ausgezeichnet. Sie war 1554 nach gerade mal zweijähriger Abwesenheit als Königin von Portugal in ihre Geburtsstadt Madrid zurückgekehrt, da ihr Ehemann Juan de Portugal an einer Tuberkulosekrankheit verstorben war. Vom Drang nach Einkehr und Rückzug beseelt  ordnete sie an, an der Stelle des Palastes des früheren Schatzkanzlers Alonso Gutiérrez einen Konvent zu errichten. 1534 war Juana in diesem Palast zur Welt gekommen und hatte dort eine glückliche Kindheit verlebt. Grund genug also, wieder zu den eigenen Anfängen zurückzukehren.

Die Bauarbeiten selbst begannen unter Leitung von Antonio Sillero und wurden unter der Führung eines der Stararchitekten der Epoche, Juan Bautista de Toledo, nach fünfjähirger Bautätigkeit im Jahre 1564 zum Abschluss gebracht. Streng, nahezu ohne jegliche Dekoration erscheint die Auβenfassade des Konvents bis heute dem Besucher, in seiner formalen Schlichtheit ein typisches Beispiel der spanischen Spätrenaissance.

Die Descalzas Reales: eine architektonische und künstlerische „Collage“

Geschickt konstruierten Sillero und Toledo den neuen Konvent um den alten Palast herum, von dem etliche Teile wie zum Beispiel das plattereske Hauptportal oder der Innenhof komplett erhalten blieben. Diese Einbindung bereits existierender Bauwerke in neue Konstruktionen mit der aus dem Übereinanderstülpen mehrerer historischer Bauschichten resultierenden Stilmischung war ein Kennzeichen der habsburgischen Konstruktionsweise jener Zeit. Der Patio des ehemaligen Palastes bildete nun das „soziale“ Zentrum des Klausurkonvents. Zum einen diente er den Konventsbewohnerinnen als Obst-und Gemüsegarten. Zum anderen ging von ihm der überwiegende Teil der Schlafkammern ab. Die Verbindung aus ehemaligem Palast und bukolischen Gärten verdeutlicht geradezu sinnbildlich, dass es den Damen der habsburgischen Hocharistokratie bei aller Liebe zu Einkehr und Gebet doch nicht an dem standesgemäβen Komfort fehlen sollte. Der Konvent unweit der Plaza Mayor avancierte daher im späten 16. und 17. Jh. zum spirituellen Zentrum des habsburgischen Hochadels. Nicht nur die Stifertin Juana de Austria beschloss in den Konventsmauern ihr Leben, auch ihre Schwester María de Austria zog hier im Jahre 1580 nach dem Tod ihres Mannes, Kaiser Maximilian II. ein. María kam jedoch nicht allein, sondern vielmehr in Begleitung ihrer gerade mal 13jährigen Tochter Margarita. Die bösen Zungen behaupten bis heute, die junge Frau sei ihrer Mutter nicht nur aus religiöser Inbrunst gefolgt, sondern auch um den Nachstellungen ihres Onkels Philipp II. zu entkommen. Ganz im Gegensatz zum Bild, das sowohl die protestantisch geprägte „leyenda negra“ als auch spätere Autoren wie Friedrich Schiller von dem spanischen König kolportierten, war dieser trotz seiner Glaubensstrenge ganz und gar kein sexueller Asket.

Konventsstifertin Juana de Austria war jedoch nicht nur auf Komfort bedacht, der Konvent musste auch mit Religiosität gefüllt werden. Aus diesem Grund veranlasste die Königsschwester den Umzug einer Klarissengemeinde vom valencianischen Gandía nach Madrid. Bei dem Nonnenorden, der fortan in den madrilenischen Mauern unter Leitung der Äbtissin Francisca de Jesús leben sollte, handelte es sich um einen ganz besonders asketischen Zweig der Klarissen, der sich als Barfüβigenorden dem ursprünglichen christlichen Ideal von Armut und Askese verschrieben hatten. Letzteres Detail ist auch der Grund, warum der Konvent bald den Beinamen „Descalzas Reales“ (auf Deutsch: die königlichen Barfüβigen) erhielt, den er bis in die heutige Zeit beibehalten hat. Die Anwesenheit der Klarissen verhinderte jedoch nicht, dass Kaiserin María den Konvent im Jahre 1602 zum Schauplatz eines rauschenden Festes auserkor, bei dem sogar König Philipp III. zu Gast war. Ziel des Banketts war es, den Umzug des Hofes von Madrid nach Valladolid zu verhindern. Letztendlich hatte María damit keinen Erfolg. Sie starb ein Jahr später und erlebte daher die Rückkehr von König und Hof nach Madrid im Jahre 1606 nicht mehr mit.

Der architektonische „Collagecharakter“ verstärkte sich bei. den Descalzas Reales im 17. Jh. noch zusätzlich. In ästhetischer Hinsicht hinterlieβ die Barockära. vielleicht noch spektakulärere Spuren als die Epoche davor. Die aus dem späten 17. Jh. stammende Capilla del Milagro beispielsweise steht ganz im Zeichen eines Barock, der sich voll und ganz von dem im Jahrhundert zuvor geltenden Ideal der formalen Strenge abgewendet hatte. Bei der Capilla del Milagro kam die Technik der illusionistischen Malerei zur Anwendung, mit der in Wirklichkeit nicht existierende Räume bzw. räumliche Dimensionen vorgetäuscht wurden. Die italienischen Maler Agostino Mitelli und Miguelangelo Colonna waren einer Einladung des groβen Diego Velázquez nach Spanien gefolgt, und die Capilla del Milagro ist unbestritten eines ihrer Meisterwerke auf spanischem Boden. Ähnliches geschah auch bei der malerischen Ausgestaltung der Haupttreppe mit illusionistischer Freskomalerei. Schwebende Figuren, vorgetäuschte Räume und Perspektiven und dazwischen Porträts der habsburgischen Königsfamilie schmücken den Treppenaufgang und verwandeln ihn somit in ein durch und durch barockes Verwirrspiel um Täuschung und Enttäuschung, Pomp und Suggestion.

Trotz ihres schmucklosen Äuβeren beherbergen die Descalzas einen faszinierenden Teil des Madrider Kunsterbers, das im Laufe der Generationen durch zahlreiche teils spektakuläre Schenkungen der aristokratischen Bewohnerinnen noch um ein Vielfaches vergröβert wurde. Und wie durch ein Wunder hat dieses Kunsterbe die Jahrhunderte unbeschadet überstanden. Dies gilt insbesondere für die dramatischen Jahre des Bürgerkriegs, in denen der Konvent zwar den anarchistischen Brandschatzungen, nicht aber den Bomben der Franco-Luftwaffe entkam. Doch glücklicherweise richteten diese keinen nennenswerten Schaden an, so dass Teile dieses Kunstschatzes bis heute in einer geführten Tour (meist auf Spanisch) zu besichtigen sind. Man sollte frühzeitig vor der Eingangstür Position beziehen, denn die ca. einstündigen Führungen erfolgen stets in geschlossenen Gruppen von ca. 20-25 Personen.

Der Konvent ist bis heute noch als Klausurkonvent intakt, angeblich bewohnt von 33 Nonnen. Um ihre Zahl ranken sich immer wieder Spekulationen, oft wird auf die Übereinstimmung mit den Lebensjahren Christi angespielt. Ein interessantes Detail wird jedoch nur selten erwähnt: die Tatsache, dass die Äbtissinnen des Konvents seit einem königlichen Dekret aus dem Jahre 1715 zugleich auch den exklusiven Titel eines „Granden“ von Spanien tragen, der höchsten Auszeichnung nicht nur innerhalb des spanischen, sondern sogar des gesamten europäischen Adels. Also bitte ein bisschen Respekt beim Besuch!

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