Auf der Suche nach Cervantes

von Thomas Büser

Auf der Suche nach Cervantes Convento de las Trinitarias

Ein Wissenschaftskrimi geht zu Ende: nach jahrelanger Suche wurden die sterblichen Überreste des bedeutendsten spanischen Schriftstellers aufgefunden. Jetzt hat Cervantes endlich sein Grab.

Wer den Convento de las Trinitarias mitten im einstigen madrilenischen Dichterviertel betritt, der sollte sich ruhig und anständig benehmen. Der im 17. Jh. errichtete Bau dient nämlich noch heute als Klausurkonvent, und nicht wenige allzu aufdringliche und zur Unzeit nach interessanten Fotomotiven dürstende Touristen werden von der Putzfrau höchstpersönlich in die Schranken verwiesen. Für die ruhebedürftigen Nonnen müssen die letzten Monate deshalb eigentlich eine einzige Tortur gewesen sein, denn sowohl Kirche als auch Konvent wurden wochenlang von Archäologen, Journalisten und zahllosen Schaulustigen belagert.

Grund der Aufregung war ein Mann namens Miguel de Cervantes, seines Zeichens Autor des wohl berühmtesten spanischen Romans aller Zeiten: Don Quijote de la Mancha, 1605 und 1615 in zwei Bänden publiziert. Doch anders als für seinen beständig vom Erfolg verwöhnten Zeitgenossen Lope de Vega verlief Cervantes' Weg alles andere als geradlinig. Bereits im Alter von 22 Jahren musste der 1547 in der Universitätsstadt Alcalá de Henares geborene Cervantes nach Italien fliehen, um der Gefangennahme durch die Justiz Philipps II. zu entkommen. Von dieser wurde er steckbrieflich gesucht, weil er einen Rivalen bei einem Duell getötet haben sollte. Für den jungen Haudegen begann mit dieser Flucht ein rastloses, stets vom Krieg überschattetes Leben. 1571 nahm Cervantes an der Schlacht bei Lepanto gegen die Türken teil, vier Jahre später wurde er (zusammen mit seinem Bruder Rodrigo) vor der katalanischen Küste von einem osmanischen Flottengeschwader gefangengenommen und nach Algier verschleppt. Ungefähr fünf Jahre dauerte die Gefangenschaft in den Kerkern des türkischen Gouverneurs, mehrere Fluchtversuche wurden vereitelt. Erst im Jahre 1580 wurde der Spanier durch Vermittlung des einflussreichen, auf derartige Geschäfte spezialisierten Trinitarierordens freigekauft. Sein Leben lang sollte sich der Schriftsteller in der Schuld der Ordensmänner fühlen.
Spionagemissionen in Nordafrika, diverse Liebschaften, uneheliche Kinder, erneute Gefangenschaft (dieses Mal in Sevilla wegen des Vorwurfs der Untreue als königlicher Steuereintreiber): Cervantes fehlte es beileibe nicht an Inspiration für seine zahlreichen Kurzgeschichten und natürlich auch für seinen großen Roman. Kurz vor seinem Tod im Jahre 1616 verfügte er, dass er in dem nur wenige Meter von seinem Wohnhaus entfernten Trinitarierinnenkonvent beigesetzt werden wolle. Eine letzte Dankesbezeugung an den Orden, dem er seine Befreiung aus muslimischer Gefangenschaft zu verdanken hatte.

Der Konvent war nur wenige Jahre vor Cervantes' Tod von der Generalstochter Francisca Romero gestiftet worden. Die Beisetzung des Schriftstellers war das erste große religiöse Ereignis in dem gerade erst sieben Jahre alten Bauwerk. Doch wie so viele andere Kirchenbauten war auch der Convento de las Trinitarias Dauerbaustelle und architektonisches Experimentierfeld in einem. 1673 begannen die Arbeiten für die Erweiterung, welche erst 25 Jahre später abgeschlossen wurden. Zahlreiche kleinere Modifikationen folgten im Lauf der Jahrhunderte. Das Resultat der bautechnischen Umgestaltungen war die eigenartige Struktur eines um die Kirche herumgebauten Konvents. Und genau an diesem Punkt beginnt das große Versteckspiel um das Grab des spanischen Dichterfürsten, denn dieses war offenbar wegen der Bauarbeiten des 17. Jh. in einen anderen Teil der Konventskirche verlegt worden. Doch mit Sicherheit wusste dies einige Generationen später niemand mehr zu sagen. Einen der wenigen Anhaltspunkte für das Verbleiben der cervantinischen Überreste bildete lediglich die unter den Nonnen des Konvents mündlich weitergegebene Empfehlung: "Achtung am Inmaculada-Altar, dort liegt Cervantes".

Mit solchen eher vagen Anhaltspunkten wollten sich Stadthistoriker und Archäologen nicht mehr zufrieden geben. Im April 2014 wurde den Gräbern in der Kirche mit modernsten wissenschaftlichen Methoden wie Georadar und Infrarotdurchleuchtung auf die Pelle gerückt. Insgesamt 500 m² Grundfläche sowie der Untergrund des Kirchenbaus wurden hierbei untersucht. Neben den Nischengräbern in der eigentlichen Kirche stand auch die Krypta mit mehr als 25 Gräbern im Mittelpunkt des Interesses. Zwar war diese als Bestattungsort in der Regel männlichen Geistlichen vorbehalten, aber bei all den Renovierungen und Umbettungen von Gebeinen war keine Hypothese auszuschließen. Sogar Bürgermeisterin Ana Botella stattete den Forschern einen Besuch ab und informierte sich über die Erstellung der Laserstrahlkartografie des gesamten Bauwerks, mit deren Hilfe die Beschaffenheit der sterblichen Überreste in den einzelnen Nischengräbern genau dokumentiert werden sollte. Knochensuche als Regierungssache.
Nach der Auswertung des im April 2014 zusammengetragenen Materials gewann die anfangs als unwahrscheinlich betrachtete Hypothese der Krypta als Bestattungsort die Oberhand. Die zweite Phase der "Operation Cervantes" konnte nun beginnen, und Phase 2 bedeutete hierbei die genau Analyse der Gräber mit Hilfe von endoskopieartigen Mini-Kameras von ca. 1cm Durchmesser, die vorsichtig ins Innere der Sarkophage eingeführt werden sollten. Nach Meinung der Forscher kein invasiver Eingriff, das Öffnen der Gräber sei dazu nicht notwendig. Dass einige Strenggläubige dies anders sahen, wurde schnell offensichtlich, als zwei Privatklagen gegen diese Prozedur eingereicht wurden und den Fortgang der Arbeiten für mehrere Monate verzögerten. Doch der positive Entscheid der Madrider Erzdiözese gab schließlich grünes Licht für die entscheidende Phase der Suche.

Jetzt heißt es also filmen und abwarten. Und vor allem heißt es gespannt sein, ob nicht am Ende doch die Nonnen recht haben. Bei der Georadaranalyse im April stießen die Forscher nämlich auf ein grabähnliches Rechteck an der Oberseite der Krypta. Seine Ausmaße von 2,50 m Länge, 80 cm Breite und 1,50 m Tiefe lassen vermuten, dass es sich hierbei tatsächlich um ein Grab handeln könnte. Seltsam und zugleich vielsagend ist, dass das Behältnis offenbar im Laufe der Jahrhunderte nicht verschoben oder angetastet wurde - und dass es sich direkt gegenüber dem Inmaculada-Altar befindet.

Nachtrag (Juni 2015)

Am Ende war es die Krypta des Konvents, wo die sterblichen Überreste des Autors aufgefunden wurden. Die Kombination aus hochmoderner Technologie und mündlicher Überlieferung der Nonnen brachte die Suche also zu einem erfolgreichen Abschluss. Anders als andere spanische Berühmtheiten hat der Autor des Don Quijote sein rechtmäßiges Grab gefunden. Er ruht seit dem 11.6. in einem Wandgrab, das in der Kirche des Trinitarierinnen-Konvents zu Ehren des illustren Toten errichtet wurde. Das Monument wird von einem Zitat aus Cervantes' Spätwerk "Persiles und Segismunda" geschmückt: "Die Zeit ist kurz, die Sehnsucht wächst, doch die Hoffnung schwindet...." Reinster, abgründiger Barock.

Weiterführende Informationen zu geführten Touren zu Cervantes' Grab (auf Spanisch und Englisch) finden Sie unter ccaa.elpais.com/ccaa/2016/04/19/madrid/1461095380_200927.

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