Salvador Dalí: der Masturbator und seine Traumata

von Thomas Büser

Reina Sofia Dali

Salvador Dalí war ein enfant terrible, aber eines mit Tiefgang

Unauffällig und diskret durchs Leben zu gehen war nicht seine Sache. Zahllose Skandale ranken sich um seine Person, viele von ihnen auch von dem Maler selbst zu Marketingzwecken ausgeschlachtet. Denn Salvador Dalí war zeit seines Lebens eine Publicity-Maschine, die beinahe auf Schritt und Tritt Aufmerksamkeit erheischte. Das begann schon in den zwanziger Jahren während seines Kunststudiums in Madrid, als der katalanische Neuankömmling in mittelalterlich-gotisch inspirierter Tracht durch die Straßen der Hauptstadt spazierte. Ein Sonderling, das war auf den ersten Blick klar. Doch hinter der exzentrischen Fassade verbarg sich ein zerbrechliches, ja vermutlich sogar traumatisiertes Wesen.<br><br>Dalí war 1904 im katalanischen Figueras als Sohn eines Anwalts zur Welt gekommen. Doch seine Geburt war bereits von einem tragischen Ereignis überschattet, einer Katastrophe, die drei Jahre zuvor über die gut situierte Familie Dalí hereingebrochen war. Der ältere Bruder war im zarten Kindesalter gestorben. Und nicht nur das: er hieß ebenfalls Salvador. Dass Salvador junior sich wie eine Kopie des Verstorbenen fühlen musste, wird angesichts eines makabren Besuchs am Grab verständlich. Dalí war damals fünf Jahre alt, und seine Eltern trichterten ihm ein, er sehe seinem Bruder nicht nur ähnlich, nein, er sei sogar seine Reinkarnation. Ist es verwunderlich, dass der Maler später in vielen seiner Werke symbiotische, zwillingshafte Figuren kreierte und selbst in formlos-amorphe Objekte eine mysteriöse Dualität interpretierte? Oder war am Ende alles übertrieben und sogar zum Teil erfunden? Aus der Kindheit gehen wohl die allerwenigsten Menschen gänzlich unbeschadet hervor. Und Salvador Dalí war nicht nur eine Art Doppelgängerkomplex mit auf den Weg gegeben worden. Auch der Tod der geliebten Mutter - Felipa Domènech war 1918 an Gebärmutterkrebs gestorben - erwischte den jungen Mann im schwierigen Alter von 14 Jahren. Und nicht genug damit: der junge Salvador musste auch noch hilflos mit ansehen, wie sein Vater kurze Zeit später die Schwester der Verstorbenen ehelichte. Aus all diesen Versatzstücken eines problematischen Familienpuzzles formte sich der zugleich schüchterne und doch auch nach Anerkennung hungernde Charakter des angehenden Künstlers.

Ein problematischer Cocktail, der viele junge Menschen auf den Irrweg gebracht hätte. Aber Dalí hatte Glück im Unglück. Nicht nur das Glück eines Vaters, der trotz autoritärer Züge das malerische Talent des Sohnes erkannte und förderte. Sondern auch noch das viel größere Glück, bei seinen Studien in der Hauptstadt Madrid auf einen Kreis ebenso skurriler und und talentierter Künstler zu stoßen. Personen, die den Katalanen aus seiner fast krankhaften Verklemmtheit rissen und ihn zur Entfaltung seiner Talente anspornten. Der andalusische Autor Federico García Lorca mit seiner raumgreifenden Persönlichkeit, seinem ständigen Suchen in der wahren Essenz der andalusischen Folklore. Oder der robuste Aragonese Luis Buñuel, mit dem Dalí wenige Jahre später ein filmisches Experiment verwirklichen sollte, das zu einer Art Manifest des Surrealimsus wurde: "Der andalusische Hund". Und das immense Glück eines Orts, einer Institution, die junge Talente beflügelte und nicht ins Korsett zwängte: die Residencia de Estudiantes. Weit mehr als ein simples Studentenwohnheim. Viel mehr ein Treffpunkt der Intellektualität des ganzen Landes und aus allen Teilen der Erde. Einstein war zu Gast, der große Picasso ließ sich blicken. Und sogar die seltsamsten Rituale wie die spielerische Simulation des eigenen Todes, die das Dreigestirn Dalí-Lorca-Buñuel regelmäßig inszenierte, erregten keinen nennenswerten Skandal.

Surreal nennen wir so etwas heute. Und tatsächlich war der Surrealismus in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre schwer in Mode. André Breton, René Magritte und andere junge Künstler aller Kunstgattungen trieben ihn von Paris aus voran. Sigmund Freud zählte zu den unfreiwilligen Taufpaten der Bewegung, zu deren Wesensmerkmal es gehörte, in der traumhaft-unbewussten Sphäre nach der wahren, von der Zivilisation unverfälschten Essenz zu suchen. Und in punkto aufgewühltem Innenleben hatte der junge Dalí in seinen Zwanzigern so einiges zu bieten. Zu der turbulenten Gemengelage aus Doppelgängerkomplexen und Trauer um den Verlust der Mutter gesellte sich wohl auch noch das Problem einer verspäteteten sexuellen Entwicklung. Vieles deutet darauf hin, dass Dalí mit knapp 23 Jahren noch Jungfrau war. Die immer wieder auftretenden Spekulationen um eine Beziehung zu Federico García Lorca sind offenbar genau das - Spekulationen. Inspiriert von der surrealistischen Wahrheitssuche trat Dalí die Flucht nach vorn an, und eines seiner enigmatischsten Werke war die Konsequenz dieser Auseinandersetzung mit der eigenen, angstbesetzten Vergangenheit: "Das Gesicht des großen Masturbators"

Einmal mehr eine Provokation. Aber entsprach sie auch der Wahrheit? Dalí maß dem Werk offenbar eine derat zentrale Bedeutung für sein Oeuvre bei, dass er es ausführlichst in seiner Autobiographie besprach. 1929 im katalanischen Küstenstädtchen Cadaquès entstanden, ist das Gemälde nur so gespickt mit autobiographischen Referenzen. Beginnend mit einem gelblichen Stein, wie er an der Costa Brava oft anzutreffen ist, der jedoch ganz eindeutig Dalís Züge trägt. Das Selbstporträt des Malers liegt, auf die Nase aufgestützt, auf dem Meeresboden, übergehend in eine wellenartig-verschwommene Figur. Die mehrfarbig hervorgehobenen Wimpern dienen als Einfallstor in die Gedanken-und Traumwelt des Versteinerten. Diese Traumwelt und die eigene Vergangenheit sind allgegenwärtig. Ein Grashüpfer, integraler Bestandteil von Dalís Alpträumen, saugt sich an den Mund der leblosen Figur an. Auch sonst wimmelt es um das Gestein herum nur so vor unappetitlichen Kreaturen. Ameisen und sonstiges Kleingetier treiben als Symbol des Todes, aber auch der sexuellen Unruhe ihr Unwesen. Und wenn es um Alpträume geht, dann darf in Dalís Universum einer der ganz Großen nicht fehlen: Hieronymus Bosch. Aus seinem Horrorarsenal scheint die Löwenfigur mit ihrer phallusartigen Zunge entsprungen. Das Erotische als Gruselkabinett, daran kann auch das auf dem Meeresboden liegende Ei als Symbol der Fruchtbarkeit nichts ändern.Und nicht nur die vom Sexuellen dominierten Alpträume des Malers nehmen viel Raum ein, auch die eigene Vergangenheit verlässt ihn nie. In die Rückseite des Kopfes bohrt sich ein Angelhaken, Verweis auf die Gefangenheit in Familientraditionen. Und auf dem Kopf das Gewicht weiterer Steine, so schwer ist der familiäre Ballast, dem man nie und nimmer entkommt.

Doch wer den Blick weiter nach rechts wandern lässt, für den hält das Gemälde eine überraschende Wendung bereit. Das unappetitlich-gelbliche Gekröse geht in den Kopf einer wunderschönen, langhaarigen Frau über, die an in knallenge Hosen gepressten Genitalien herumnestelt. Kein Zweifel. Hier ist sie, die große Wendung in Dalís Leben: Gala. Ihres Zeichens russische Emigranten und Geliebte des französischen Surrealisten Paul Élouard. Dieser hatte sie unvorsichtigerweise in Cadaquès in der Obhut seines Malerfreundes Dalí zurückgelassen. Und während der Gatte seine Reise ins ferne Paris antrat, brach am Mittelmeer die ganz große Liebe aus. Für Dalí schien es so etwas wie ein sexuelles Erweckungserlebnis gewesen zu sein, das er postwendend auf der Leinwand verewigte. Aber selbst dieser wahr gewordene Traum, selbst Gala, räumt die Probleme des Künstlers nicht aus der Welt. Denn ihre Figur nähert sich eben nur den Geschlechtsteilen eines Mannes, von dem lediglich die Beine zu sehen sind. Kein Liebesakt ist zu erblicken, es bleibt eine geheimnisvolle Distanz zwischen Geschlecht und begehrter Frauenfigur. Eine Distanz, die von einer Lilie begleitet wird, Symbol der Reinheit.

Wie man diese Szene zu interpretieren hat, das gab Dalí in späteren Jahren vor. Es sei ein Verweis auf die Masturbation, seiner, Dalís, Ansicht nach die reinste Form der Liebe. Eines der vielen Verwirrspiele des Malers oder vielleicht doch ein kurzer Blick in die tiefsten Tiefen seiner Seele? Wie so oft bei Dalí bleibt nicht nur eine vermeintliche Distanz im Erotischen, sondern ganz sicher eine absichtlich verbreiteter Unschärfe um seine Person und seine Malerei herum. Und gamz sicher ein Schlüsselwerk des Surrealismus, das im Reina Sofía-Museum von Madrid zu sehen ist.

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