Prinzessinnenhandel und Frauenporträts im Prado

von Thomas Büser

Prinzessinnenhandel an den europäischen Höfen: Grundstein beeindruckender Gemäldesammlungen

Wer durch die Hallen des Prado-Museums schlendert, der wird sich in manchen Sälen wie in einer habsburgischen Familiengalerie fühlen. Könige und Königinnen, Prinzen und Prinzessinnen geben sich ein munteres Stelldichein. Kein Wunder, bildeten die Gemäldesammlungen der spanischen Habsburger, die im 16. und 17. Jahrhundert die iberische Halbinsel regierten, doch den Grundstock der aktuellen Kollektion des Prado mit ihren knapp 2.000 ausgestellten Werken. Als Museumsbesucher achtet man allerdings meistens eher auf modische Details, charakteristische Gesichtszüge oder Ähnlichkeiten der Familienmitglieder untereinander. Stichwort: habsburgische Unterlippe. Die persönlichen und machtpolitischen Hintergründe der Kunstwerke aus den Werkstätten von Velázquez und Co. erschließen sich jedoch meistens nicht auf den ersten Blick.

Der spanische Historiker Juan Eslava Galán publizierte 2018 eine Analyse der Familienporträts im Prado-Museum und spannt dabei einen Bogen von den Katholischen Königen Isabella und Ferdinand im späten 15. Jahrhundert bis hin zu Habsburgern und Bourbonen. 500 Jahre spanische Geschichte, die sich hinter Porträts aus Meisterhänden verbergen. Mit teils drastischer Wortwahl verdeutlicht Eslava Galán dabei auch die Intrahistorie hinter der offiziellen Geschichtsschreibung: Mode, Hofetikette, Essgewohnheiten, Liebesaffären, geistige und körperliche Gebrechen. Vor dem Leser entrollt sich eine opulente Panoramaaufnahme, die eine bittere Wahrheit vor Augen führt, die in Zeiten von Instagram und vulgärem Promikult allzu oft untergeht: Das Leben bei Hof war hart und nicht selten sogar erbarmungslos. Inmitten von Luxus und Privilegien ging man mit persönlichen Befindlichkeiten nicht zimperlich um.

Allseits ist bekannt, dass es sich bei den meisten der Ehen im Hochadel um arrangierte Vermählungen handelte. Ein Phänomen, das sich quer durch alle sozialen Schichten zog und natürlich in krassem Gegensatz zu unserem heutigen Konzept der romantischen Liebe stand. In aller Regel wurden die königlichen Sprösslinge bereits in zartem Babyalter zur Verlobung freigegeben. Und speziell im Fall junger Prinzessinnen wurde ein namhafter Maler mit einem ersten Porträt beauftragt. Von diesem Original aus fertigten dann Künstler der zweiten Kategorie Kopien an, die an zahlreiche europäische Höfe verschickt wurden. Nahezu an allen europäischen Fürstenhäusern existierte ein regelrechtes Porträtarchiv sämtlicher für eine Heirat verfügbarer Prinzessinnen, das in periodischen Abständen mit aktualisierten Bildern vervollständigt wurde. Eine wahrhaft frenetische Malaktivität, die nicht nur die Künstlerwerkstätten nahe den Fürstenresidenzen beständig mit neuen Aufträgen versorgte, sondern auch die königlichen Kunstsammlungen mit immer neuen Bildnissen anschwellen ließ. Das malerisch festgehaltene Aussehen der jeweiligen Kandidatin war aber in den meisten Fällen nur einer von vielen anderen Faktoren fûr die Anbahnung einer Ehe im Hochadel. Mit akribischer Genauigkeit wurden parallel zum Porträt auch Informationen zur eventuellen Fruchtbarkeit festgehalten. Dabei galt es, zahlreiche biologische Aspekte in Betracht zu ziehen: Hatte die Mutter des Mädchens viele Kinder zur Welt gebracht? Und waren darunter auch viele Jungen - essentiell in einer Zeit, da in fast allen Monarchien die Erbfolge nur über männliche Nachfolger gewährleistet war. Sogar Erkundungen über den Verlauf der Entbindungen bei den weiblichen Familienmitgliedern und die mögliche Größe ihres Geburtskanals wurden eingeholt!

Genau diese gandenlose Fixierung auf die weibliche Gebärfähigkeit sorgte für zahlreiche menschliche Tragödien bei Hofe. So wurde die Gattin des letzten Habsburgers Karl II., María Luisa von Orléans auf den Straßen Madrids wegen ihrer vermeintlichen Unfähigkeit, einen Nachfolger zur Welt zu bringen, mit Häme und Spott überzogen. Dass ihr königlicher Gemahl geistig und körperlich behindert sowie zeugungsunfähig war, spielte bei dieser Schmutzkampagne keine Rolle. Die uneheliche Tochter Karls V., Margarita von Parma, wurde im zarten Alter von 14 Jahren kurzerhand und aus rein strategischen Gründen mit dem päpstlichen Favoriten Alejandro Médicis verheiratet, einem allseits als sadistisch und grausam bekannten jungen Mann, dessen Perversionen bis zu seiner Ermordung auch vor seiner hilflosen jungen Gattin nicht Halt machten.

Im Prado-Museum sind zahlreiche andere Darstellungen spanischer Prinzessinnen zu sehen, deren Existenz nach der arrangierten Eheschließung von Leid und Unglück geprägt war. So zum Beispiel Johanna "die Wahnsinnige", Tochter der Katkolischen Könige, die vor Eifersucht auf ihren habsburgischen Ehemann Philipp den Schönen den Verstand verlor und nach dessen Tod von ihrem eigenen Vater lebenslänglich in einem Verließ weggesperrt wurde. Oder war dies am Ende nur ein Mittel um die legitime Königin und politische Rivalin aus dem Weg zu räumen, wie immer mehr Historiker behaupten? Im Raum, der den Velázquez-Porträts gewidmet ist, ist eine meisterhafte Darstellung der österreichischen Habsburgerin Maria Anna (oder Mariana auf Spanisch) zu sehen, die mit dem ihr zugewiesenen Gatten, ihrem eigenen Onkel Philipp IV., auch nicht das große Los in der Liebeslotterie gezogen hatte. Der spanische Monarch hatte sich bei seinen vielen Streifzügen durch die Madrider Bordelle vermutlich eine Syphiliskrankheit zugezogen, aber nichtsdestotrotz musste seine habsburgische Nichte ihre Pflicht erfüllen und einen männlichen Nachfolger zum Erhalt der Dynastie in die Welt setzen. Ihren Auftrag erfüllte Mariana. Buchstäblich im letzten Anlauf wurde ein Sohn gezeugt. Doch der bereits erwähnte Karl II. war als Produkt generationenlanger Verwandtenehen geistig und körperlich zurückgeblieben, weshalb mit seinem Tod im Jahre 1700 die spanischen Habsburger regelrecht ausstarben.

In vielen Fällen kam zu der arrangierten Vermählung mit einem unbekannten Mann noch das Trauma der Hochzeitsnacht hinzu. Sowohl die Jungfräulichkeit der Braut als auch der korrekte Vollzug des Geschlechtsaktes wurden von einer veritablen Heerschar an Hofbeamten bezeugt. Bis ins 19. Jahrhundert hinein kam es wegen fehlender Intimität am Hof und auch wegen der konservativen Erziehung vieler Prinzessinnen zu regelrechten Dramen in der Hochzeitsnacht. Wenn Sie also vor dem Porträt der sächsischen Prinzessin María Josefa Amalia stehen, dann denken Sie an das Desaster ihres nicht erfolgten Ehevollzugs mit ihrem Gatten, dem spanischen Bourbonen Ferdinand VII. Der Anblick des alternden Monarchen im Adamskostüm schien die junge Frau in einen Schockzustand versetzt zu haben, der zu einer sofortigen, durchfallartigen Reaktion führte. Klarer kann ein Misstrauensvotum nicht ausfallen.

 

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