Picassos "Frau in blau"

von Thomas Büser

Die "blaue Phase" im Schaffen des spanischen Malers: rar gesäte Kunstschätze

Málaga, Barcelona, Paris waren die wichtigsten Stationen im Schaffen des neben Goya und Velázquez sicherlich einflussreichsten spanischen Malers aller Zeiten. Doch auch in Madrid machte Picasso in den Jahren um 1900 Station. Das Land und seine Hauptstadt befanden sich gerade im Krisenmodus. Zwei Jahre zuvor waren die letzten Kolonien Kuba, Puerto Rico und die Philippinen an die aufstrebende Großmacht USA verloren gegangen. Das spanische Kolonialreich hatte sich in Luft aufgelöst. Die Existenzkrise der einstigen Kolonialmacht hatte aber auch ihre guten Seiten, bildete sie doch den Startschuss für eine intellektuell-künstlerische Erneuerungsbewegung. Die so genannte "Generation von 1898" versuchte, über die Rückbesinnung auf eigene Traditionen aus den Fehlern der Geschichte zu lernen und einen Plan für ein neues, modernes Spanien zu entwerfen.

Genau in diese Krisen- und Erneuerungsphase des Landes fiel die Ankunft in Madrid des gerade 19 Jahre alten Andalusiers, dessen außergewöhnliches malerisches Talent bereits von seinem Vater, einem Universitätsprofessor, entdeckt und gefördert worden war. Bereits 1897, inmitten der Kriegswirren, hatte das junge Talent sein Studium an der königlichen Kunstakademie aufgenommen. Nach einem Intermezzo in Paris kehrte er um 1900 wieder nach Madrid zurück, mietete sich ein Atelier im Stadtteil Chamberí - und malte. Der Kunstbetrieb in der Hauptstadt war zu dieser Zeit von einem starren Akademismus mit strengem Regelwerk geprägt. Junge, unruhige Talente wie Picasso blickten daher in Richtung Barcelona, wo der Modernismus eine völlig neue Bildsprache in Architektur und Malerei erschuf. Ondulierende, schwingende, fließende, der Natur nachempfundene Kunstwerke im Stile der vollkommen persönlichen Gebäudelandschaften Antoní Gaudís. Kein Wunder also, dass es Picasso nur kurz In Madrid aushielt und dass er bald nach Katalonien aufbrach.
Dennoch hatte Madrid etwas zu bieten, womit keine andere spanische Stadt mithalten konnte: die schier unermessliche Gemäldesammlung des Prado-Museums, für viele junge Künstler ein idealer Ort der malerischen Ausbildung und Inspiration. Picasso hatten es vor allem die verzerrten, mit Pathos aufgeladenen Werke El Grecos angetan. Dessen Manierismus war über Generationen hinweg in Vergessenheit geraten,. doch zu Beginn des 20. Jahrhunderts wuchs das Interesse an seinem Schaffen. Neben den Abstechern in den Prado beschäftigte sich Picasso auch mit dem Malen von Frauenfiguren aus dem Gedächtnis heraus. Zumeist einsame, morbide, am Rande der Gesellschaft lebende Gestalten. Seine Kreationen tauchte er in ein kaltes, bläuliches Licht. Eine unnatürliche Illumination wie bei Greco, genauso wie die seltsame Verlängerung und Verzerrung vieler seiner Figuren und ihre Platzierung vor einem undefinierten Hintergrund, der ihre Isolation noch zu verstärken schien. Kunsthistoriker werden die Zeitspanne zwischen 1901 und 1904 als "blaue Phase " im Wirken Picassos bezeichnen, eine Schaffensperiode unmittelbar vor der Hinwendung zu abstrakten und kubistischen Formen und mit relativ wenigen Werken.

Umso wertvoller "Die Frau in blau", die im Reina Sofía ausgestellt ist. Das Bild entstand unmittelbar vor Picassos Abschied aus Madrid im Jahre 1901. Mit dem Werk im Gepäck brach der 20jährige nach Barcelona auf, um dort an einer nationalen Kunstausstellung teilzunehmen. Doch anstatt des Hauptpreises erhielt er lediglich eine lobende Erwähnung, weshalb der enttäuschte Künstler seine blaue Frau wohl in den Ausstellungsräumen zurückließ. Über unbekannte Umwege gelangte das Bild schließlich in die Bestände des Nationalmuseums für zeitgenössische Kunst, wo es sage und schreibe 50 Jahre in den Lagerräumen vermoderte. Erst bei Archivierungsarbeiten wurde man auf das Werk mit der Unterschrift "P. Ruiz Picasso" aufmerksam. Seit 1988 ist es Teil der ständigen Ausstellung des Reina Sofía-Museums.
Der Besucher sieht eine Frau im Stil eines fast pflanzlichen Arrangements, in pariserisch anmutender Kleidung. Der katalanische Modernismus ließ hier zweifelsfrei grüßen. Etwas Traumhaft-Irreales im Stile El Grecos ist jedoch ebensowenig zu übersehen, wie der an Velázquez erinnernde, undefiniert-tiefe Hintergrund. Doch die Irritation, die beim Betrachten des Werkes zurückbleibt, hat nicht so sehr mit diesen vielfältigen Einflüssen, sondern vielmehr mit der beherrschenden Farbe zu tun. Für die meisten Betrachter ist "Die Frau in blau" überhaupt nicht blau, sondern grün. Mit der Zeit hatte das Werk immer mehr seiner Blautöne eingebüßt und war immer grüner geworden. Vermutlich eine Folge unsachgemäßer Restaurationsarbeiten und eines sich gelblich verfärbenden Lacks. Dank einer Spende von seiten einer Investmentbank konnte das Reina Sofía im Jahr 2010 ein Team von acht Restauratoren zusammenstellen, die an der Wiederherstellung des ursprünglichen Farbtons arbeiteten. Leider jedoch nicht mit komplettem Erfolg: Für viele Besucher ist die Picasso-Dame nach wie vor eher grün als blau.

Wer Picasso bei einem seiner ersten Werke Modell gestanden hatte, ist jedoch bis heute unbekannt. Eventuell sagt der Maler ja die Wahrheit, wenn er behauptet, er habe die Frau aus dem Gedächtnis heraus gemalt.


Pablo Picasso: Mujer en azul ("Frau in blau")

 

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