Goya war Madrid

von Thomas Büser

Goya war Madrid

Goya ist zwar kein gebürtiger Madrilene, aber wohl kein Maler hat die Stadt jemals wieder aus so vielen unterschiedlichen Perspektiven verewigt.

Die Symbiose Goya-Madrid wird vom Kulturmarketing der spanischen Hauptstadt beileibe nicht so ausgeschlachtet, wie es Barcelona mit Picasso tut. Dabei hat Goya, im Unterschied zum Maler aus Málaga, fast 50 Jahre seines Lebens in Madrid verbracht. Und in diesem halben Jahrhundert hat der in einem aragonesischen Dorf geborene Künstler im Dunstkreis des Bourbonenhofes so ziemlich alle menschlichen sowie künstlerischen Höhen und Tiefen erlebt. Von den bescheidenen Anfängen als Vorlagenmaler in der königlichen Teppichfabrik über seine Karriere als Hofmaler unter Karl IV. bis hin zu seinem abgründig-pessimistischen Spätwerk der "schwarzen Malereien". Seine Karriere im Umfeld des bourbonischen Jet Sets der Zeit um 1800 stand in scharfem Kontrast zu persönlichen Tragödien wie einem Gehörsturz mit nachfolgender Taubheit oder der politischen Verfolgung nach der Restauration des absolutistischen Regimes 1814. Kein Zweifel: Goya war Madrid, bis zu seiner Flucht ins französische Exil, wo er seine letzten Lebensjahre verbrachte.

Wer im Prado-Museum auf Spurensuche nach dieser Symbiose gehen möchte, muss sich auf eine kleine Schnitzeljagd begeben. Denn wenngleich nur ein Bruchteil der insgesamt mehr als 900 Goya-Werke, die sich im Besitz der Pinakothek befinden, im Prado auch ausgestellt sind, so sind sie dennoch über drei Stockwerke verteilt. Die Porträts, u.a. der Familie Karls IV. oder das Doppelporträt der Majas im ersten Stock, das Spätwerk mit den "Pinturas negras" im Erdgeschoss, die galant-kostumbristischen frühen Schöpfungen für die Teppichfabrik im zweiten Stock. Alles zusammen bildet ein Kompendium der Geschichte Spaniens und Madrids während dieser schicksalhaften Epoche zwischen 1780 und 1820.

Die reformgetriebene Aufbruchstimmung unter Karl III. (1759-1787) wird am ehesten durch die verspielten Sittengemälde verdeutlicht, mit denen Goya die Alltagsgewohnheiten des normalen Volkes illustrierte. Seine Darstellung der Wallfahrt zur Wiese vor dem Brunnen des Stadtpatrons Isidro zählt zu den wichtigen Elementen der Madrider Identität. Die sorg-und zwanglose Atmosphäre dieser Volksbelustigung wird ebenso eingefangen wie bei seinem Werk "Merienda". In ihm stellt Goya ein nachmittägliches Picknick mehrerer junger Leute an den Ufern des Stadtflusses Manzanares dar - bevor der vom Barockdichter Quevedo als "Eselspisse" verspottete Bach im 20. Jahrhundert dann für mehrere Generationen unter einer gigantischen Stadtautobahn begraben wurde. Eine Orangenverkäuferin kokettiert ohne jede Verstellung mit mehreren Wein trinkenden Burschen. Ein Tribut, den Goya der damaligen Vorliebe der spanischen Aristokratie für das Volk als Motiv kostbarer Wandteppiche zollte. Eine Vorliebe, die häufig etwas von einem wollüstigen Schaudern hatte, das die Besucher eines Zoos beim Betrachten wilder Tiere empfanden.
Auf Karl III. folgte 1787 sein etwas vertrottelter und regierungsunwilliger Sohn Karl IV., von Goya 1800 im Schatten seiner resoluten und entschieden dem männlichen Geschlecht zugeneigten Gattin María Luisa de Parma dargestellt. Eines der Hauptwerke der gesamten Prado-Kollektion, und deshalb auch am Ende der Zentralachse im ersten Stockwerk platziert. Ein visueller, aber auch thematischer Blickfang, illustriert er doch (unter Umständen sogar unbeabsichtigt) die Dekadenz der spanischen Bourbonen, ihre Jagd nach galanten Abenteuern und edlen Stoffen, während im benachbarten Frankreich Revolution, Jakobiner und Napoleon bereits das definitve Ende des Ancien Régime einläuteten. Mit dem Doppelporträt der nackten und bekleideten Maja haben wir Goya nicht nur einen der wenigen Frauenakte der spanischen Malerei zu verdanken, sondern auch einen Blick hinter die Kulissen des Liebestreibens am Bourbonenhof. Das Sittenporträt der Zeit um 1800 wird durch Darstellungen wichtiger Mitglieder des aufgeklärten Hochadels vervollständigt.
1808 hatte es sich am spanischen Hof dann definitiv ausgetanzt. Die napoleonische Invasion fegte die bourbonischen Nichtsnutze mit einem Schlag vom Thron. Doch Madrid wurde mit dem Volksaufstand vom 2. Mai 1808 zum Zentrum des Widerstandes gegen die französischen Besatzer. Fünf Jahre Guerrillakrieg und brutale Exekutionen waren die Folge, und im Erdgeschoss ist mit dem Diptychon von Volksaufstand und anschließender Hinrichtung der spanischen Rebellen in der Nähe des heutigen Principe Pío-Bahnhofes nicht nur ein Stück spanischer Geschichte zu sehen. Es handelt sich auch um eines der ersten Beispiele für Anti-Kriegs-Malerei in der Kunstgeschichte: das französische Erschießungskommando als graue, entmenschlichte, automatenhafte Masse spricht Bände. Direkt im Seitentrakt daneben dann der düstere Höhepunkt von Goyas Schaffen: die schwarze Malerei. Resultat einer Art inneren Exils des Malers nach der Rückkehr der bourbonischen Absolutisten auf den Thron. Goya kauft ein Landhaus am Manzanares-Ufer, malt ganz für sich, füllt die Wände seines Rückzugsorts mit der Verarbeitung von Alpträumen und düsteren Endzeitphantasien: Hexen, im Sand ertrinkende Hunde, fanatisierte und verlumpte Menschenmassen, menschenfressende Väter. Der Initiative eines französischen Goya-Fans war es zu verdanken, dass die Werke Jahrzehnte später von den Wänden des Landhauses abgetragen und auf Leinwand übertragen wurden.

Keine Frage: keiner war wie Goya. Keiner hat das Leben im Madrid seiner Zeit in all seiner Fülle so facettenreich dargestellt wie er. Die Kunstwelt der Stadt, ja ihre gesamte Idiosynkrasie sind ohne Goya nicht denkbar.


Francisco Goya: Merienda

Francisco Goya: La familia de Carlos IV

Francisco Goya: La maja desnuda

Francisco Goya: Los fusilamientos del 3 de Mayo ("Die Hinrichtungen am 3.Mai 1808")

Francisco Goya: Aquelarre ("Der Hexensabbat")

 

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