Eine Königin, zwei Porträts

von Thomas Büser

Eine Koenigin zwei Portraets Museo del Prado

Mariana de Austria war Österreicherin und spanische Königin. Doch glücklich wurde sie in Madrid nie.

Inmitten des allgemeinen Geschreis des spanischen Vorwahlkampfes, der uns aus Zeitungen, Fernsehapparaten und dem Internet anbrüllt, ist ein Abstecher in ein Museum so etwas wie ein Akt geistiger Hygiene. Also bewege ich mich mal wieder in den Prado, ganz auf den Spuren kunstsinniger Intellektueller wie Eugenio d'Ors. Der hatte vor mehr als einem halben Jahrhundert sein didaktisches Werk "Tres horas en el Museo del Prado" verfasst, eine Art Best of Prado in drei Stunden. Mir reicht jedoch oft schon eine Stunde Kunst, um meine innere Schieflage wieder halbwegs ins Lot zu bringen. So auch dieses Mal. Ich begebe mich schnurstracks zu Diego Velázquez und seinen höfischen Porträts, lasse Murillos liebliche Madonnen und die Rubens-Akte links liegen. Für viele ist dies sicher ein wenig altbacken, aber mich transportiert diese Mischung aus Realismus und Vergänglichkeit immer ganz weit weg vom Hier und Jetzt. Wer aufmerksam hinschaut, wird in der Ahnengalerie der spanischen Könige diverse Herrscherpersönlichkeiten des 17. Jahrhunderts gleich mehrmals dargestellt finden. Auch ich werde dieses Mal fündig und entdecke mehrere Porträts einer Habsburgerkönigin des 17. Jahrhunderts. Zunächst die Herrscherin in jungen Jahren, eingezwängt in einen reich bestickten Reifrock, das tiefernste Gesicht grell geschminkt, wie eine Fremde im eigenen Körper. Mehrere Jahrzehnte später sehen wir dieselbe Monarchin dann an ihrem Arbeitstisch. Das mondäne Gewand hat sie gegen die Nonnentracht eingetauscht, doch die Gesichtszüge mit den nach unten gezogenen Mundwinkeln zeigen denselben Ausdruck unterdrückten Widerwillens. Die Porträts sind das Werk der beiden berühmtesten Hofmaler, die Spanien um die Mitte des 17. Jahrhunderts zu bieten hatte: Diego Velázquez und Juan Carreño de Miranda. Und beide stellen die spanische Königin Mariana de Austria dar. Velázquez und Carreño werfen einen Blick auf die zerfallende Welt der spanischen Habsburgermonarchie, eine Welt der Erstarrung, Dekadenz und Weltflucht. Ein an sich selbst zugrunde gehendes Imperium mit einer österreichischen Königin als unfreiwilliger Protagonistin.

Mariana de Austria kommt am 24. November 1635 als Tochter Kaiser Ferdinands III. und seiner Gattin María de Austria zur Welt. Der Logik der damaligen politischen Großwetterlage folgend wird die junge Habsburgerin dem Spross der spanischen Linie der altehrwürdigen Dynastie versprochen, dem Prinzen Balthasar Carlos. Eventuell ein Versprechen auf eine glückliche Zukunft, denn der Prinz ist ein hübsches, intelligentes Jüngelchen, das mit seiner Anmut seine gesamte Umgebung verzaubert. Für die Strategen an den Königshöfen in Madrid und Wien zählt das Glück zweier Kinder jedoch wenig. Sie sind vor allem an der Staatsräson interessiert, und diese gebietet in jenen Jahren in allererster Linie eiserne Solidarität zwischen den beiden blutsverwandten Mächten Spanien und Österreich. Beide stehen im 30jährigen Krieg mit dem Rücken zur Wand. Vor allem für das von dem kunstsinnigen, aber politisch inkompetenten Philipp IV. regierte Spanien geht es in jenen Jahren ums nackte Überleben. Eine militärische Niederlage nach der anderen gegen Franzosen und Holländer treibt das einst mächtigste Reich der Welt in den politischen und ökonomischen Bankrott. Die Kassen sind leer, die französischen Truppen überqueren die Pyrenäen, Katalonien und Portugal erklären ihre Unabhängigkeit, ja sogar die Seeverbindungen in die amerikanischen Kolonien werden von der niederländischen Flotte unterbrochen.

In dieser geradezu verzweifelten Situation ereilt den ohnehin schwächlichen Philipp ein weiterer Schicksalsschlag: sein über alles geliebter Sohn Balthasar Carlos sowie seine Gattin Isabel von Borbón sterben urplötzlich innerhalb kürzester Zeit. Für die im fernen Wien lebende Mariana bedeutet dies die entscheidende Wende in ihrem noch jungen Leben. In Madrid und Wien will man die politische Allianz um jeden Preis. Der königliche Witwer Philipp scheut nicht davor zurück, seinem Vetter in Wien im Namen der spanischen Krone einen Heiratsantrag für das junge Mädchen Mariana zu unterbreiten, das vor kurzem noch seinem Sohn versprochen worden war. Dem Antrag wird von Ferdinand III. ohne großes Zögern entsprochen. Weder der immense Altersunterschied von mehr als dreißig Jahren noch die Tatsache, dass seine Tochter ihren eigenen Onkel heiraten würde, hält den Kaiser von seiner Zustimmung ab. Wie so oft in der Geschichte der Habsburgerdynastie wird eine Ehe zwischen Verwandten eingefädelt.

So tritt die 13jährige Mariana im Jahr 1649 die Reise ins ferne Madrid an, begleitet von einem prunkvollen Gefolge. Ein Ring im Wert von 40.000 Dukaten ist der zukünftigen spanischen Königin entgegengeschickt worden. Protokoll und Etikette gebieten es Spanien, dem bankrotten Riesenreich, seine Würde nach außen hin zu bewahren. Der alternde König ist entzückt, als er seine junge Verlobte zu Gesicht bekommt. Zwar ist Mariana keine Ausgeburt an Schönheit – ihre übertriebene Blässe und die hervorstechende Unterlippe sind unübersehbare Makel. Aber sie strahlt Jugend und Frische aus. Genug für einen frühzeitig gealterten Lustgreis vom Schlage des spanischen Königs. Philipp IV., in sämtlichen Bordellen Madrids gern gesehener Gast, hat während seiner vielen sexuellen Eskapaden mehr als 30 Kinder in die Welt gesetzt. Doch hat keiner seiner leiblichen Nachkommen das Erwachsenenalter erreicht. Ein Thronfolger muss also her, nur aus diesem Grund ist die blutjunge Mariana nach Spanien transportiert worden. Die Ehe wird noch im Escorial vollzogen. Im Juni 1651 bringt Mariana ihr erstes Kind zur Welt. Doch es ist ein Mädchen. Zwei weitere männliche Nachkommen sterben bereits kurz nach der Geburt. Die Zeit wird knapp. Marianas Gatte, der sich bei allen offiziellen Anlässen steif wie eine Statue gebärdet, besteht nächtens auf den Beischlaf.

Je hinfälliger Philipp wird, je düsterer seine Angstzustände und seine Todesfurcht, umso dringlicher wartet das ganze Land auf den männlichen Nachfolger. Der Fortbestand der spanischen Habsburger, ja die Stabilität des gesamten Weltreichs mit seinen weit über den Erdball verstreuten Kolonien steht auf dem Spiel. Dann, 1661, darf endlich wieder gehofft werden. Wieder kommt ein Knabe zur Welt, er erhält als nostalgische Reminiszenz an längst vergangene habsburgische Gloria den Namen seines Urahnen, des Kaisers Karl. Die Umstände seiner Geburt sind geradezu dramatisch. Sein letztes Quentchen Manneskraft steckt der todkranke König in die Sicherung der Dynastie. 1665 stirbt Philipp, aber die auf seinen Sohn Karl II. gesetzten Hoffnungen erfüllen sich nicht. Ähnlich wie die beiden zuvor verstorbenen Knaben ist auch er mit schweren Erbkrankheiten belastet. Am Hof in Madrid erhält er den Beinamen "el hechizado", der Verzauberte. Eine beschönigende Umschreibung seiner geistigen und körperlichen Behinderungen. Bis zum Alter von sechs Jahren kann das Kind nicht aufrecht stehen. Bei offiziellen Anlässen wie diplomatischen Empfängen auf der Plaza Mayor wird der Knabe wie eine Marionette von hinten mit Schnüren festgezurrt, denn es kann immer noch nicht aufrecht stehen oder gehen.

Mariana muss inmitten dieser düsteren Endzeitstimmung die Regierungsgeschäfte für ihren minderjährigen Sohn führen. Zwei Mal wird er mit Prinzessinnen aus dem europäischen Hochadel verheiratet, aber ein Nachfolger kommt nicht zur Welt. Die spanischen Habsburger stehen vor dem Ende, und gleichzeitig droht dem spanischen Imperium eine Zeit der Ungewissheit und des Zerfalls. Mariana ist ihrer Aufgabe nicht gewachsen, flüchtet sich inmitten von Putschversuchen und Missernten in die Frömmelei. Ein österreichischer Jesuit führt die Regierungsgeschäfte, wird aber nach kurzer Zeit vertrieben. Nach einer qualvollen Krebserkrankung stirbt die Königin am 16. Mai 1696 im Palacio de Uceda, unweit des habsburgischen Alcázar. Vier Jahre später scheidet auch ihr unglücklicher Sohn Carlos dahin. Die einst so glorreiche Dynastie der spanischen Habsburger ist endgültig verloschen. Die beiden Porträts der Hofmaler Velázquez und Carreño de Miranda fangen bis heute zwei entscheidende Momente dieses tristen Lebens ein: Mariana als in Etiketten und Reifröcke gezwängte Königin. Mariana als der Welt entsagende, nonnenhafte Witwe am Ende ihres Lebens. Sowohl ihre Jugend als auch ihr Alter waren vom Unglück eines zerfallenden Imperiums überschattet.

Das Velázquez-Porträt im Prado-Museum

Mariana de Austria bei Carreño de Miranda

 

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