Das Museum der Romantik

von Thomas Büser

Das Museum der Romantik Cafe del Jardin

Das "Museo del Romanticismo": ganz der Malerei und Lebensart der spanischen Romantik gewidmet

Die Romantik wird gemeinhin eher mit nebelverhangenen Landschaften und mysteriösem Zwielicht in Verbindung gebracht, obwohl auch Italien mit seinen klassischen Ruinen als literarische Vorlage vor allem für deutsche Romantiker diente. Man denke dabei vor allem an Heine, Eichendorff oder Hölderlin. Doch auch im weniger beachteten Spanien gab es im 19. Jahrhundert eine Romantik, die spät begann, aber nicht weniger intensiv war. Kunsthistoriker und Philologen lassen sie in der Regel mit der Regierungszeit von Isabel II (1833-1868) zusammenfallen. Dieser historische Rahmen ließ an Turbulenzen nichts zu wünschen übrig. Ganz im Geiste der dem spontanen Gefühl hingegebenen Romantiker taumelte das Land vollkommen impulsiv zwischen Bürgerkriegen, Verstaatlichung des Kirchenbesitzes und anderen, nicht minder radikalen Reformen ins Nirgendwo. Nach dem Ende der napoleonischen Kriege und dem Abzug der französischen Besatzer war Spanien ein ausgeblutetes Land und bildete mit seinem extrem repressiven Absolutismus unter dem Bourbonen Ferdinand VII. eine merkwürdig rückwärtsgewandte Ausnahme innerhalb der westeuropäischen Nationen. Der Historiker Golo Mann sagte später, das Spanien des 19. und frühen 20. Jahrhunderts sei ein einsames Land gewesen. Aber es war doch nicht so einsam und abgeschottet, dass es nicht an einer nahezu gesamteuropäischen Bewegung wie der Romantik, die alle Lebensbereiche erfasste, teilhatte.

Den mittleren Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, ihrer Malerei aber auch ihrem Kunsthandwerk und überhaupt ihrem gesamten Lebensstil ist ein reizendes Museum zwischen Chueca und Malasaña gewidmet, das von den Touristenmassen zum Glück eher stiefmütterlich behandelt wird. Das reisende Publikum zieht es eben vor allem in die großen Kunsthallen am Paseo del Prado. Das Prado-Museum, das Reina Sofía oder auch das Thyssen-Bornemisza mobiliseren jährlich zusammen circa 7 Millionen Besucher. Kein Wunder, dass sich die kleineren Museen dagegen oft wie Zwerge ausnehmen. In einigen Fällen zu Unrecht.
Das "Museo del Romanticismo" geht auf die Privatinitiative des Marqués de la Vega Inclán zu Beginn des 20. Jahrhunderts zurück. Der Graf war ein Philanthropist und Sammler mit brennendem Interesse für die spanische Kultur. In Valladolid gründete er eine ganz dem Quijote-Autor Cervantes gewidmete Institution und in Toledo rief er das Museo del Greco ins Leben, noch heute ein Publikumsmagnet für die Liebhaber des manieristischen Malers. Ein anderer Schwerpunkt der gräflichen Sammelleidenschaft war die spanische Romantik in all ihren künstlerischen Erscheinungsformen: Gemälde, Zeichnungen, Mobiliar, Kunsthandwerk (v.a. Porzellan und Keramik). Allein im Bereich Mobiliar verfügt das Museum über 600 Exponate, zum üiberwiegenden Teil bereits vom Marqués zusammengetragen und durch spätere Erwerbungen in ihrer Anzahl deutlich vergrößert.
Vega Inclán erwarb, nicht ganz romantisch, einen im Jahre 1772 errichteten klassizistischen Palast, der bis heute das Setting für das Museum und seine Sammlung darstellt. Das ganze Interieur bildet mit seiner Innenausstattung das Alltagsambiente einer begüterten Familie um die Mitte des 19. Jahrhunderts ab. Dennoch ist die Gemäldesammlung des Museo del Romanticismo ohne Zweifel die interessanteste Seite der Kollektion. Es lässt sich dabei sehr viel über spanische Kultur lernen und über eine Zeit, die zwischen den beiden allseits bekannten Malergrößen Goya und Picasso verlief.

Nach 1830 waren vor allem Sevilla und Madrid die wichtigsten Zentren der spanischen Malerei. In der andalusischen Metropole war es in jener Zeit zu einer Wiederentdeckung des Barockmalers Murillo mit seiner Verbindung aus Opulenz und Lieblichkeit gekommen. Ein krasserer Gegensatz zum bis dato gültigen akademischen Ideal der klassischen Harmonie war kaum denkbar. In Madrid wiederum warf Goya mit seinem sehr persönlichen Spätwerk sowie mit seinen sozialsatirischen Drucken und Radierungen lange Schatten, junge Maler zur Darstellung von Alltagsszenen mit teils beißender Ironie inspirierend. Daneben erfreuten sich aber auch Landschaftsmalerei und ab 1850 immer öfter das Historiengenre enormer Beliebtheit.
Mit Leonardo Alenzas satirischer Darstellung eines roantischen Selbstmordes verfügt das Museo del Romanticismo über eines der emblematischsten Werke der gesamten spanischen Romantik. Ein vollkommen ausgehungerter Mann in weißem Schlafrock wirft sich von einem Felsen aus in die Tiefe, wo bereits zwei andere Selbstmordkandidaten Hand an sich angelegt haben: Einer liegt in seinem eigenen Blut zerschmettert am Boden, der andere hat sich aufgehängt. Auf dem Felsen sind einige allegorische Objekte platziert, die in der Romantik von großer symbolischer Bedeutung waren: ein Lorbeerkranz als Symbol des künstlerischen Ruhms, Tinte und Feder des Schriftstellers, Bücher und ein Totenkopf. Alenza spielt auf ironische Weise mit dem romantischen Mythos des Selbstmordes, der vor allem in seiner Variante der Verzweiflungstat aus Liebe seit dem Erscheinen von Goethes Werther in ganz Europa für Furore sorgte. Genialität, Impulsivität, das Leben als gefährliches Abenteuer - all das waren wichtige romantische Motive, die jedoch in ihrer beständigen Wiederholung in Liebesdramen bei den scharfsichtigeren Zeitgenossen für gehörgen Überdruss sorgten. Alenza ist auch der Autor einer weiteren Romantik-Satire, in der er ganz speziell den Liebessuizid aufs Korn nimmt.
Ein anderes Thema der romantischen Schule Madrids war die Kritik an der Rückständigkeit des eigenen Landes mit seinen archaischen Ritualen. Für Goya war es Zeit seines Lebens ein wichtiges Motiv gewesen, das er mit der schwarzen Malerei noch ins Grausam-Alptraumhafte steigerte. Und so war es auch einer seiner Schüler, Eugenio Lucas, der um 1840 zu einem der wichtigsten Exponenten der sozialkritischen Malerei avancierte. In seinem Werk "Auto de fe" stellt er ein Inquisitionstribunal dar, das vor einem nahezu stockdunklen Hintergund einen Angeklagten mit weißem Büßergewand aburteilt. Eine kaum verhohlene Kritik an der Präsenz der Inquisition, welche erst 1834 definitiv ihre Arbeit einstellte.

Allein diese beiden Beispiele zeigen: im Museo del Romanticismo gibt es viel zu sehen. Und vor allem gibt es viel zu lernen über eine Epocha, in der sich Spanien scheinbar aus Europa verabschiedet hatte. Aber eben nur scheinbar.


Leonardo Alenza: Satire des romantischen Selbstmords ("Sátira del suicidio romántico")

Eugenio Lucas: Inquisitionsprozess ("Auto de fe")

 

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