Kubaner in Madrid. Ein Kapitel für sich

von Thomas Büser

Kubaner in Madrid

Emigration stellt auch die karibische Lebensfreude auf eine harte Bewährungsprobe

In der Beschreibung zu diesem Kapitel war bereits von den engen Verbindungen zwischen Spanien und Kuba die Rede, und logischerweise auch von den stets engen Kontakten zwischen beiden Hauptstädten. Aber dieser Artikel soll keine historische Analyse sein, sondern ein persönlicher Erfahrungsbericht. Ein persönlicher Bericht aus der Perspektive eines kubanischen Immigranten - sofern ein Deutscher sich überhaupt nur annähernd in die Rolle eines Kubaners hineinversetzen kann. Was bedeutet also Madrid für einen Kubaner?
Zunächst ist da der Kulturschock. Ein sehr eigenartiger Kulturschock, denn die Sprache ist erst einmal dieselbe. Aber gerade die sprachliche Nähe macht das überwältigende Gefühl, im Konsum-Schlaraffenland angekommen zu sein, noch unwirklicher. Schick dekorierte Schaufenster, wohin das Auge schaut. Prall gefüllte Supermarktregale. Reingehen, kaufen und bezahlen. Für nahezu jeden Kubaner ein surreales Erlebnis wie eine Reise zum Mars. Das überwältigende Glücksversprechen, die Armut, die materielle Beschränktheit für immer hinter sich zu lassen. Keine Lebensmittelkarten, keine Rationierungen, kein jahrelanges Sparen auf ein neues Paar Schuhe. Für einen Normal-Europäer nur schwer vorstellbar, welche Verheerungen die permanenten Entbehrungen in einer Menschenseele anrichten können. Hier geht es um viel mehr als um Konsum. Armut ist schlecht für die Menschenwürde.
Madrid als Glücksversprechen. Aber auch als Ort der plötzlichen, unliebsamen Überraschungen. Wer aus der Karibik kommt, den bringen die plötzlichen Temperaturstürze völlig aus dem Konzept. Minusgrade als Naturkatastrophe, gegen die dünne, sozialistische Daunenjäckchen nur wenig auszurichten vermögen. Und noch schlimmer: Der eisige Wind auf der Plaza de Colón ist alles andere als banal. Er ist ein Symbol. Ein Symbol für fast alle unangenehmen Überraschungen und Tragödien, die Madrid so in petto hat. Denn Madrid ist eine europäische Stadt, eine durch und durch kapitalistische Stadt.
Das berauschende Konsumieren, die eigene Sprache - alles nur Lug und Trug. Die knallharte Realität folgt auf dem Fuß. Auch wenn Kuba jahrhundertelang ein Teil Spaniens war, in den Jahrzehnten vor der Unabhängigkeit 1898 sogar spanische Provinz, kennt Europa und kennen die Europäer kein Pardon. Illegal ist illegal. Hat der Kubaner sich nicht durch eine geschickte Heirat die Papiere besorgt, beginnt die Odyssee durch alle nur möglichen Einwanderungsbehörden. Das andere Madrid, das andere Spanien. Schroff, autoritär, abweisend. Endloses Warten auf Papiere, stándige ruinöse Telefonate mit Kuba. Irgendein Zettel fehlt immer. Ist es nicht die Geburtsurkunde, dann ist es die letzte Bescheinigung der Meldebehörden. Ist diese da, dann ist wieder eine andere Urkunde verschollen. Monatelanges Warten, bis endlich mit irgendeinem Freund irgendeines Freundes ein vergilbtes Zettelchen ankommt, das ein winziges der Probleme löst, die sich jeden Tag wie eine Zeckenplage vermehren.
Und wenn es nur das Warten wäre. Man muss ja auch Geld verdienen, illegal, Horrorjobs. Immer die Angst vor der Ausländerpolizei im Nacken. Es kann überall passieren. In einer versifften Küche beim Tellerwaschen, vor einem Schaufenster, vor der eigenen Haustür. Manchmal endet das ganze dann fatal, im Knast, wegen des unerhörten Delikts, in einem theoretisch und historisch befreundeten Land leben zu wollen. Tritte und Misshandlungen, auch das gibt es. Die Polizei, der Freund und Helfer. Aber manchmal schlicht und einfach Bullenschweine. In Spanien wie überall.
Kaum zu glauben, dass es der Kubaner dann trotzdem irgendwie schafft. Das lebenslang trainierte Talent, immer auf die Füße zu fallen. sich nicht unterkriegen zu lassen. Weder von Entbehrungen, noch von der Sehnsucht nach der eigenen Familie, und auch nicht von der bohrenden Frage nach dem Sinn. Irgendwie klappt es, irgendwie klappt es fast immer - nicht zuletzt auch deshalb, weil es zwischen Spanien und Kuba kein Auslieferungsabkommen gibt. Irgendwann ist die Aufenthaltsgenehmigung da, dann auch die Arbeitserlaubnis. Endlich durchatmen. Freunde finden, echte Freunde. Kontakt zur kubanischen Kolonie aufnehmen. Die Erleichterung darüber teilen, dass man es geschafft hat. Und natürlich auch Erinnerungen an lange vergessenes Elend, an all das, was man sich immer gewünscht und was man nie bekommen hat.
Endlich beginnt das wahre Leben, ohne Versteckspiel, ohne die Monotonie der Armut. Die Möglichkeiten und Verheißungen der Wohlstandsgesellschaft wie Perlen an einer Schnur aufgereiht. Und wieder eine böse Überraschung: Man kann den Ozean überwinden, den bürokratischen Drachen bändigen, hart arbeiten, sich anständig verhalten - und es kann trotzdem zu wenig sein. Eine Krise kann kommen, dann noch eine, dann eine Spekulationsblase, dann noch eine. Man kann von diesem System, von dem man ja ein halbes Leben lang nicht den blassesten Schimmer hatte, ausgespuckt werden wie ein Essensrest. Ganz unrassistisch, einfach aus Gründen der Rentabilität und Ressourcenoptimierung. Und dann steht man genauso da, wie Millionen andere, die einfach nicht mehr reinkommen. In irgendeiner Behausung am Stadtrand, ein Gelegenheitsjob nach dem anderen, jeden Cent umdrehen. Sparen, sparen, sparen für die Reise nach Kuba, für die Mitbringsel für die Daheimgebliebenen, die nicht in diesem sagenhaften europäischen Überfluss leben.
Klingt bitter und pessimistisch? Ist aber leider die häufig durchlebte Realität. Zum Glück gibt es den kubanischen Humor!

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