General Martínez Campos und die letzte Kolonie

von Thomas Büser

Kuba als spanische Provinz - noch nicht allzu lange her

Die Überreste des spanischen Kolonialimperiums stechen in Madrid nicht sofort ins Auge. Doch wer sucht, der wird auf manchmal überraschende Weise fündig. So sind dem spanischen Politiker und General Arsenio Martínez Campos gleich eine ganze Straße im noblen Distrikt Chamberí sowie eine Statue im Retiro-Park gewidmet. Letztere repräsentiert den General zu Pferd, auf einem Fundament inmitten eines kleinen Sees. Die Skulptur wurde 1907 von einem der berühmtesten spanischen Bildhauer seiner Zeit, Mariano Benlliure errichtet, seines Zeichens auch verantwortlich für andere wichtige Werke in der Hauptstadt, so zum Beispiel für die pompöse, ebenfalls im Retiro-Park befindliche und König Alfons XII. gewidmete Skulpturengruppe am See. Wer war aber dieser General Martínez Campos, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch Spendengelder der Bau seines Ehrenmals finanziert wurde? Und was hat dieser Mann mit dem weit entfernten Kuba zu tun?

Der 1831 in Segovia geborene Martínez Campos spielte zunächst in der spanischen Geschichte nach der Revolution von 1868 eine herausragende Rolle. Nach der Absetzung der Bourbonenkönigin Isabel II., einem gescheiterten Interimsregime unter Wahlkönig Amadeus von Savoyen und der Ausrufung der Ersten Republik im Jahre 1873 war Martïnez Campos mitverantwortlich für die Restauration der Bourbonenmonarchie Anfang 1875. Eine ebenso wichtige historische Bedeutung hatte der General jedoch auch für die noch verbliebenen spanischen Kolonialbesitzungen, allen voran die Karibikinsel Kuba. Nach dem Verlust der Kolonien auf dem südamerikanischen Festland zu Beginn der zwanziger Jahres des 19. Jahrhunderts waren den Spaniern nur noch Puerto Rico, die Philippinen und eben Kuba als Reste der einstigen Kolonialglorie übriggeblieben. Auf Kuba hatten die von Simón Bolívar angeführten südamerikanischen Unabhängigkeitsbewegungen vermutlich auch deshalb nicht übergegriffen, weil die Kreolenelite der Insel etwas viel Schlimmeres als die spanische Dominanz fürchtete: einen Aufstand der Negersklaven in den immensen Zucker- und Tabakplantagen. Das Menetekel der schwarzen Revolution wie auf der Nachbarinsel Haiti im Jahre 1791 geisterte durch Kuba: die weiße Herrschaft im Westteil des Eilands war gewaltsam beseitigt und ein schwarzer Staat ausgerufen worden. Ein ähnliches Schicksal wollten die zu Reichtum gelangten Hispano-Kubaner auf keinen Fall teilen, weswegen die Spanier noch einige Jahrzehnte lang unangefochten über die Insel herrschten.

Doch auch auf Kuba begann es zu rumoren. Die Unzufriedenheit mit der als autoritär empfundenen spanischen Kolonialverwaltung sowie strenge Export-.und Importvorschriften bewirkten eine Ausbreitung der Unzufriedenheit quer durch die Bevölkerungsschichten: weiße Kleinbauern, halb freie Mulatten, aber auch Grundbesitzer fanden sich unter der Leitung talentierter Befehlshaber wie Carlos Manuel Céspedes, Antonio Maceo und Máximo Gómez zu einem bewaffneten Aufstand gegen die Spanier zusammen. Von 1868 an breitete sich die Rebellion immer weiter über die Insel aus, so dass man sich im fernen Madrid nach dem Ende der Revolutionswirren 1875 zum Durchgreifen entschloss. Martínez Campos war der Mann, dem diese heikle Mission anvertraut wurde. Heikel, weil sie gleichzeitig militärische Härte und diplomatische Finesse erforderte. Und in der Tat war der Spanier erfolgreich: Mehrere militärische Erfolge drängten die Rebellen zurück und schwächten ihre Moral. In dieser Situation unterbreitete Martínez Campos dem Rebellenführer Maceo ein Gesprächsangebot, das zwar angenommen wurde, jedoch nicht zu einem Friedensschluss führte, Grund hierfür waren zwei zentrale Forderungen der Aufständischen, auf die der spanische Befehlshaber nicht einzugehen bereit war: das Zugeständnis der Unabhängigkeit an Kuba und die Abschaffung der Sklaverei. Eine Einigung kam nicht zustande, so dass der bewaffnete Konflikt sich noch bis 1878 hinzog. Am Ende waren die Rebellen ermattet, der Aufstand fiel nach zehn Jahren in sich zusammen. Der zehnjährige Krieg hatte am Ende mehr als 250.000 Menschen das Leben gekostet und dem spanischen Kolonialregime lediglich Teilzugeständnisse in der Sklavenfrage abgerungen.

Kein Wunder also, dass die Bereitschaft zum Putsch quer durch alle Bevölkerungsschichten in den Jahren danach erhalten blieb. In den neunziger Jahren erschien mit dem talentierten Journalisten José Martí ein neuer Akteur auf der Bildfläche. Martí appellierte in seinen Schriften an das kubanische Nationalgefühl und gleichzeitig mit seinem Konzept des lateinamerikanischen Patriotismus auch an die Solidarität von Argentinien bis nach Mexiko. 1895 war es dann erneut so weit, ein neuer Aufstand brach aus. Mit Maceo, Máximo Gómez und Martínez Campos waren die gleichen Hauptakteure wie zwanzig Jahre zuvor mit von der Partie. Im April 1895 landete der Spanier siegessicher in La Habana. Doch der Verlauf der Kampfhandlungen sollte seine Zuversicht bald Lügen strafen. Die kubanische Zivilbevölkerung stand geschlossen hinter dem Aufstand. Der Guerrillakrieg setzte den Spaniern sehr zu. Bereits nach wenigen Monaten entschloss sich Martínez Campos, den Oberbefehl an seinen Nachfolger Valeriano Weyler abzugeben - nicht ohne den Hinweis, angesichts des kompromisslosen Hasses, der den Spaniern überall auf der Insel entgegenschlage, könne der Krieg nur durch rücksichtlose Grausamkeit gewonnen werden. Und Weyler beherzigte diesen Ratschlag voll und ganz. Ab 1896 ließ er nahezu die gesamte kubanische Zivilbevölkerung in streng bewachte Militärgebiete deportieren, um mehr Freiraum für Offensivaktionen im großen Stil zu erhalten. Aus Kuba wurde ein enormes Konzentrationslager, der Aufstand verwandelte sich in einen Vernichtungskrieg. Als Reaktion auf Weylers brutale Kriegsmethoden gab Máximo Gómez die Losung aus, die gesamte Zuckerernte zu vernichten. Und jeder Grundbesitzer, der bei der Zuckerrohrverarbeitung erwischt wurde, wurde umgehend exekutiert.

Vermutlich hätten die Spanier auch diesen Krieg für sich entschieden, wäre im Nachbarland USA die Empörung über das spanische Vorgehen auf Kuba nicht so groß gewesen. Eine geschickt geschürte Pressekampagne machte die amerikanische Bevölkerung bereit für ein bewaffnetes Eingreifen auf der Nachbarinsel. Dies erfolgte dann 1898 nach einer Explosion des US-Kriegsschiffs Maine im Hafen von La Habana. Tatsächlich handelte es sich um einen Unfall, die amerikanische Regierung tat aber alles, um es als spanischen Gewaltakt darzustellen und so einen driftigen Grund für eine Kriegserklärung zu haben. In nur wenigen Wochen wurde die spanische Flotte nahezu vollkommen vernichtet und Kuba erhielt seine Unabhängigkeit - dieses Mal allerdings von Amerikas Gnaden. Zugleich musste Spanien auch seine anderen beiden Besitzungen, Puerto Rico und die Philippinen, auf Anordnung der aufstrebenden Großmacht USA abtreten.

Martínez Campos, der Königsmacher in Spanien, der Sieger von 1878, der Bezwinger der ultrakonservativen Karlisten in Katalonien war also wider Willen eine Schlüsselfigur im großen Historiendrame vom Ende des spanischen Kolonialreichs. Vielleicht war die Errichtung eines Denkmals durch öffentliche Spendengelder ja auch ein Hinweis auf die koloniale Sehnsucht der Spanier im frühen 20. Jahrhundert.

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