Ein Besuch in der Zeitkapsel

von Thomas Büser

Ein Besuch in der Zeitkapsel

Eine Reise nach Kuba ist wie eine Reise zurück in die Fünfziger

Sie gehören zum Image von Kuba wie Mojito und Salsa - die Chevrolets und andere Luxuskarossen aus vorrevolutionärer Zeit. Und tatsächlich sind sie sowohl in der Hauptstadt La Habana als auch in der Provinz überall anzutreffen. Chevrolets, Studebakers, Crosleys, Hudsons - Liebhaber von Autoantiquitäten kommen auf der Karibikinsel voll auf ihre Kosten. Und eine Ironie der Geschichte sind sie sowieso: Ausgerechnet Status-Symbole des amerikanischen Erzfeindes werden auf Kuba nach wie vor gehegt und gepflegt, während sie in den USA bereits seit Jahrzehnten aus dem Stadtbild verschwunden sind. Noch viel absurder: Wáhrend Donald Trump in den USA Kampagne mit dem Verlust traditioneller amerikanischer Industriestandorte macht, dienen genau jene Erzeugnisse aus bereits vor langer Zeit abgewirtschafteten amerikanischen Produktionsstätten der Tourismusreklame im (einst) kommunistischen Nachbarstaat.

Doch sind die Vintage-Automobile nur der sichtbarste Ausdruck der kubanischen Nichtwegwerfkultur. Eine Kultur, die von den kommunistischen Machthabern in den letzten Jahren gerne als Beweis für die ökologische Ausrichtung ihres Regimes herangezogen wurde. Unterstützt wurden die Castros bei dieser Argumentation auch immer wieder durch internationale Organisationen. Von Greenpeace bis hin zu den Vereinten Nationen wird immer wieder der ökologische Fußabdruck Kubas gelobt. Selbstverständlich ist es bewundernswert, mit welcher Hingabe die Kubaner wirklich alles von der Taschenlampe bis hin zum Schubkarren flicken und funktionsfähig erhalten. Der komplette Gegenentwurf zur Konsumfrenetik, die weite Teile des Erdballs ergriffen hat und die sich in immer bizarrere Dimensionen zu katapultieren scheint. Nur muss bei aller Bewunderung für das kubanische Instandhaltungsgenie eben auch berücksichtigt werden, dass den Inselbewohnern jahrzehntelang wirklich keine andere Wahl blieb. Vor allem die Krisenzeit der neunziger Jahre nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Beschützers, und damit auch der Erdöllieferungen zu Vorzugspreisen, machte diese Überlebenstaktik unumgänglich.

Logisch, dass der Nicht-Konsum für die meisten Kubaner heutzutage auch ein Lebensentwurf ist, den sie liebend gerne so schnell wie möglich verlassen würden - und den sie in Form der neuesten Smartphones und Markenklamotten auch im Handumdrehen in den Wind schießen, sobald Auslandsdevisen aus Miami oder Europa ihnen die Gelegenheit dazu verschaffen. Für die Nicht-Privilegierten gilt währenddessen, sich weiter mit der Mangelwirtschaft abzufinden. Richtig verstörend und auch faszinierend wird das für den Europäer vor allem beim Besuch der Regionen, die vom Massentourismus nicht beachtet werden.

So zum Beispiel bei einer Reise in die Provinz Matanzas, eine Autostunde östlich von La Habana. In Matanzas gibt es zwar das kubanische Touristenmekka Varadero mit seinen kilometerlangen Sandstränden. Doch bereits wenige Kilometer landeinwärts scheint die Zivilisation inmitten dichter Wälder und unendlicher Zuckerrohrplantagen zu enden. Brüchige Straßen durchziehen das Gelände, und jeder Ausländer tut gut daran, die Exploration des Terrains einem ortskundigen Fahrer zu überlassen. Metertiefe Schlaglöcher sind ebenso eine Gefahr wie die aus dem Nichts auftauchenden. von Eseln gezogenen Wagen. Nicht selten dienen sie neben dem Transport von Werkzeug und Vieh auch Menschen als Fortbewegungsmittel von Dorf zu Dorf. Das dichte Grün versinkt mit der abrupt einsetzenden Dämmerung in noch abrupterer Dunkelheit, nur spärlich erhellt von einigen kilometerweit voneinander entfernten Straßenlaternen. In den flachen Häusern gibt es aus der Zeit gefallene Fernsehapparate, Transistorradios, Kühlschränke etc. zu bewundern. Verstörend ist daran vor allem die Tatsache, dass man dabei nicht auf Analphabeten ohne jegliche Zivilisation trifft, sondern auf Menschen mit Schulabschluss und nicht selten auch abgeschlossenem Universitätsstudium. Personen, die in Europa zur Mittelschicht zählen würden.

In Martí, dem Dorf, in dem mein Mann aufgewachsen ist, ist von Handys beispielsweise weit und breit nichts zu sehen. Seine ältere Schwester verbringt ihre Abende gerne vor dem Fernsehapparat und hat dabei ab 21 Uhr nur noch die Wahl zwischen zwei staatlichen Kanälen. Kommt das den Älteren von Ihnen aus Ihrer Kindheit bekannt vor? Das berühmte Testbild nach Programmende existiert auf Kuba wirklich noch. Doch das, was auf den ersten Blick trostlos ist, entfaltet bei genauerem Betrachten seinen ganz eigenen Charme. Schnell wird klar, dass die Kubaner in einer Welt ohne Produktwerbung leben - und ganz nebenbei bemerkt man dann als Europäer auch, wie übersättigt und idiotisiert unsere Gesellschaften vom Dauerkonsumbombardement sind. Die Irritation, und das ist hier wirklich nicht nur negativ gemeint, setzt sich fort, wenn man die Leute beobachtet. Viele Gesichter strahlen Müdigkeit aus, ermattet vor lauter Monotonie und Entsagung. Aber wenn man zusammen ist, dann wird Bier getrunken, Musik gehört und geredet. Die Kinder haben keine Handys und rennen draußen mit ihrer Clique rum, stundenlang unbeaufsichtigt von ihren Eltern. Freiheit inmitten der Diktatur. Wir haben Kartenspiele mitgebracht, nicht mal das gibt es in Martí. Und natürlich waren wir im Handumdrehen die Dorfattraktion für die Kinder, die stundenlang mit uns Karten spielen wollten. Kann man sich einen zehnjähriges deutsches Kind noch ohne sein Smartphone, seine Tablet oder zumindest die Glotze vorstellen?

Ich persönlich möchte nicht mit den Kubanern tauschen. Zu hart, viel zu hart, stelle ich mir das Fehlen fast jeglicher Entfaltungsmöglichkeiten vor. Zu bitter das tagtägliche Zurückgeworfensein auf das wirklich Allernotwendigste (Reis und Bohnen) - eine Bitternis, vor der nur die kindliche Naivität schützt. Aber trotzdem ist eine Welt wie Kuba ein Zerrspiegel für uns moderne Westler. Sie konfrontiert uns, ganz wie in einer Zeitkapsel, mit unserer eigenen Vergangenheit. Und ohne in das Geschwafel von der Notwendigkeit des Konsumverzichts zu verfallen, stellt sich bei der Rückkehr unweigerlich die viel existentiellere Frage: Sind wir als Gesellschaft wirklich glücklich? Oder sind wir nicht auf einem durch und durch traurigen Holzweg?  

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