Vor dem Bruch

von Thomas Büser

An diesem Sonntag finden Regionalwahlen in Katalonien statt. Egal welches Resultat: die Stimmung ist jetzt schon vergiftet.

Wenn man in die große, weite Welt zieht, dann erlebt man so manche Überraschung. Eine der größten Überraschungen in Spanien ist das Thema Nationalismus. Meine Wenigkeit gehört diesbezüglich ja eher zur Generation der Deutschen, für die jegliche Form des Nationalismus, ja teilweise sogar des Patriotismus suspekt war. Nationalismus als das Grundübel des 20. Jahrhunderts, der Auslöser zweier verheerender Weltkriege.

Und jetzt die Überraschung in Spanien: hierzulande ist Nationalismus als politisch- soziale Ideologie der Abgrenzung und Selbstüberhebung in wichtigen Teilen der Bevölkerung positiv besetzt. Genauer gesagt in einigen wichtigen Regionen wie dem Baskenland und Katalonien. Dass die Sprache hierbei das zentrale Vehikel des Nationalismus darstellt, ist verständlich. Mehr als 30 Jahre Unterdrückung unter Franco haben die nationalistischen Tendenzen in diesen Regionen nach 1975 mit explosiver Kraft wiederaufleben lassen. Die vom Diktator aus dem öffentlichen Raum verbannte Sprache war im Rahmen der Wiederbegegnung mit den eigenen Wurzeln essentieller Bestandteil des eigenen Selbstverständnisses als Basken und Katalanen. Sowohl sozialistische als auch konservative Zentralregierungen haben deshalb in den letzten Jahrzehnten teils aus Wahltaktik, teils aus schlechtem Gewissen angesichts der langen Franco-Jahre immer umfangreichere Kompetenzen in die Regionen verlagert. In Katalonien beispielsweise bedeutete dies, dass die Weltsprache Spanisch bzw. castellano zugunsten des Katalanischen in den Rang einer Zweitsprache im Unterricht degradiert wurde

Aber eine Ideologie wie der Nationalismus ist mit solchen Zugeständnissen nicht zufriedenzustellen. Sie ist erst zufrieden, wenn sie ganz im Stil der mit Federstrich erfolgten Grenzziehungen nach dem Ersten Weltkrieg die vollkommene Abtrennung des eigenen "Volkes" von "Rest-Spanien" vollzieht. Trennung von den faulen Andalusiern und Extremeños, deren Bewohner nur katalanische Steuergelder vergeuden. Von den Madrileños, diesen aufgeblasenen Nachkommen des Franco-Regimes. Und von all den anderen Regionen, die selbstverständlich nicht unter der Diktatur zu leiden hatten. Monopolisierung der Opferrolle, Abwertung und Diffamierung des Anderen, simplifizierende Konstruktion eines homogenen Volkes - Propagandatechniken, ohne die ist. Je aggressiver dieser nationalistische Diskurs, desto heftiger die Aversionen in Madrid (und in fast allen Teilen Spaniens). War die Hauptstadt früher ein Ort der offenen Türen für alle Zuzügler aus der Provinz, wo diese stets mit derselben freundlichen Gleichgültigkeit aufgenommen wurden, so reagieren jetzt nicht nur die Politiker zunehmend gereizt auf die Herausfoderung aus Barcelona. Egal ob in der U-Bahn, in den Büro oder in Straßencafés - überall wird hitzig über das Thema diskutiert. Manchmal ist sogar von der Armee die Rede, die man so schnell wie möglich nach Barcelona schicken sollte. Der katalanisch-nationalistische Opferdiskurs rührt mit seiner Abspaltungsdrohung direkt an der Hauptstadtfunktion Madrids, der wahren Essenz dieser Stadt. Die Macht steht auf dem Spiel, aber leider nicht nur sie, sondern auch das Wohlbefinden des ganzen Landes.

Die Menschen spüren ganz genau, dass Spanien auf einen Abgrund zusteuert. Die folgerichtig auch in Madrid vergiftete Stimmung wirkt im Vergleich zu Katalonien aber beinahe noch harmonisch. Immerhin werden in der Hauptstadt andere Meinungen noch ohne allzu große Probleme akzeptiert. In der abtrünnigen Nordostregion jedoch betreibt eine fast "gleichgeschaltete" Medienlandschaft seit Jahr und Tag eine beispiellose, pro-nationalistische Gehirnwäsche. Mit fatalen Folgen: wer sich nicht für die Unabhängigkeit engagiert, wird schnell verdächtig. Die nationalistische Zwietracht wird so in die Familien, die Freundeskreise, die Firmen getragen. Beunruhigend vor allem der zunehmende Irrationalismus. Artur Mas, der Präsident der autonomen Region, verspricht nicht weniger als das große Heil für Katalonien: wenn am 27.9. für den Block der nationalistischen Parteien gestimmt werde, dann winke dem freien Land schnell ein Wohlstand wie der Schweiz. Die Gefahren dieses politischen Vabanquespiels werden dabei komplett ausgeblendet: ein unabhäniges Katalonien ohne Mitgliedschaft in EU und Euro? Alles gelogen. Mögliche Zollschranken zu Spanien, dem mit Abstand wichtigsten Absatzmarkt katalanischer Produkte? Kein Kommentar. Noch stärkere Abwanderung katalanischer Firmen ins verhasste Madrid? Maßlos übertrieben. Die Problematik der Definition eines katalanischen Volkes angesichts generationenlanger Einwanderung aus allen Teilen Spaniens? Auch hier keine Antwort. Wer profitiert dann aber objektiv von einer eventuellen Unabhängigkeit? Mit Sicherheit nicht die kleinen Leute, sondern die politische Klasse. Diese könnte sich in einem unabhängigen Katalonien über gut dotierte Posten in neu geschaffenen Ministerien und Botschaften freuen. Aber offenbar dringen diese Wahrheiten nicht zur Mehrheit der Bevölkerung durch. Und so betrachte ich dieses kollektive Harakiri vom fernen Madrid aus mit Staunen und Entsetzen. Und mit der bangen Frage: wohin wird uns das führen?

Vielleicht, aber nur vielleicht erleben wir ja aber am 27.9. ein Aufblitzen der menschlichen Vernunft, einen Sieg der Solidarität über den Egoismus. Eine Niederlage dieser Ideologie, die Europa schon einmal ins Verderben gerissen hat. Warum sollte es unmöglich sein, sich gleichzeitig als Katalane und als Spanier zu fühlen, beide Sprachen zu sprechen, an beiden Kulturen teilzuhaben? Warum nur dieser künstliche Exklusivismus, dieses dauerbeleidigte Absondern vom Rest, diese durch und durch negative Konstruktion einer verkrüppelten Identität? Vielleicht stellen sich ja am kommenden Sonntag noch mehr Menschen diese Fragen und ersparen uns somit eine Fortsetzung dieses Spektakels. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

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