Tourismus für alle

von Thomas Büser

Tourismus fuer alle

Uber, Cabify, Airbnb und Co. haben den Tourismussektor revolutioniert. Doch im Urlaubsland Spanien hat die Gegenrevolte begonnen.

Keine Frage: Die Temperatur in Madrid ist am Siedepunkt. Doch diese Aussage bezieht sich nicht nur auf die knapp 40 Grad, die für die nächste Woche vorhergesagt werden, sondern vielmehr auf die erhitzten Gemüter der Taxifahrer. Grund der Aufregung: In Barcelona annullierte der Oberste katalanische Gerichtshof eine Entscheidung der Stadtregierung unter Ada Colau, welche die Vergabe von Fahrlizenzen an Anbieter wie Uber und Cabify drastisch reduzieren sollte. Nach dem bislang gültigen Gesetz sollte dieses Zahlenverhältnis zwischen Taxis und privaten Personentrtansportfirmen mit der so genannten VTC-Lizenz auf 1:30 beschränkt werden. Also ein VTC-Fahrzeug (sprich Uber. Cabify etc.) auf 30 Taxis. Die großzügige Lizenzvergabe der letzten Jahre bewirkte jedoch, dass vor allem in den Großstädten das reale Zahlenverhältnis bei 1:5 lag. Mit teils existentiellen Problemen für die Taxifahrer, die der Billigkonkurrenz nichts entgegenzusetzen hatten. Kein Wunder, kostet eine Taxilizenz doch häufig mehr als 100.000 Euro, während eine VTC-Lizenz lange Zeit zu einem Zehntel dieses Preises zu erwerben war. Ganz zu schweigen von den obligatorischen Prüfungen für Taxifahrer und den wesentlich strengeren Versicherungsregeln - Kleinigkeiten, die die Apostel des freien Marktes vor Jahren geflissentlich übergingen.

Angesichts der andauernden Proteste der Taxilobby verschärfte Colau in Barcelona schließlich die Gangart. Sie erließ eine neue Regelung, nach der die Inhaber von VTC-Lizenzen zusätzlich noch eine städtische Bescheinigung brauchten, um die Personenbeförderung auf den Straßen der katalanischen Hauptstadt legal ausüben zu dürfen. Das offensichtliche Ziel hinter der neuen urbanen Lizenz war eine direkte städtische Kontrolle des Personentransportsektors, und im Endeffekt natürlich eine Beschränkung der Anzahl der VTC-Fahrzeuge. Das Urteil des katalanischen Gerichtshofes, das Colaus Dekret für ungültig erklärte, brachte das Fass zum Überlaufen. Die Argumentation der Richter, dass die Kompetenz zur Veränderung der Lizenzbestimmungen allein beim Verkehrsministerium in Madrid liege, wurde von den aufgebrachten Taxifahrern wie blanker Hohn aufgefasst. innerhalb weniger Stunden formierte sich eine landesweite Protestwelle. Kollegen aus Madrid, Bilbao, Valencia, aus ganz Spanien fuhren zu Solidaritätsbekundungen nach Barcelona. Die touristisch neuralgischen Punkte der Stadt, vor allem Flughafen und Bahnhof, sind blockiert, die Taxizunft streikt. Seit Samstag ruht auch in Madrid der Taxiverkehr. Weder am Flughafen noch an den wichtigen Bahnhöfen Atocha und Chamartín werden Passagiere befördert. Auf der Nord-Süd-Achse vom Paseo de la Castellana bis zum Paseo del Prado formieren sich immer wieder Taxikonvoys, die den Boulevard mit 20km/h entlangfahren und dabei riesige Staus provozieren. Gewaltsame Übergriffe auf Fahrzeuge der Privatkonkurrenz Uber und Cabify häufen sich, so dass beide Firmen ihre Dienste vorübergehend einstellten.

Die Folge: orientierungs- und hilflose Touristen, genervte Bewohner, aber auch jede Menge Solidaritätsbekundungen mit den Taxifahrern. Keine Frage, der Streik wird mit aller Härte geführt. Und wie vor Jahren die Straßenreinigung, so nutzt auch jetzt der Taxisektor seine Fähigkeit aus, die Stadt ins Chaos zu stürzen. Für die einen ein Skandal, Millionen Bewohner und Besucher in Geiselhaft einer halsstarrigen Lobby. Für die anderen schlichte Notwehr angesichts der drohenden oder bereits eingetretenen Präkarisierung. Uber und Cabify, oder besser gesagt ihre Fahrer, stehen ebenfalls mit dem Rücken zur Wand, mussten doch in den letzten beiden Jahren auch für die ehemals preiswerten VTC-Lizenzen bereits deutlich höhere Summen aufgewendet werden. Erste Bewährungsprobe also für die seit Juni amtierende sozialistische Minderheitsregierung, die die beiden streitenden Parteien für Dienstag zu einer Krisensitzung eingeladen hat. Die Kompromissfindung wird sicher nicht leicht, denn wenn das gesetzlich fixierte Zahlenverhältnis von 1:30 durchgsetzt werden soll, würde das das Aus für tausende VTC-Fahrer bedeuten. die ihre Lizenz in den letzten Jahren oft teuer und eigentlich auch legal erworben haben.

Den Regierenden fliegt nun die eigene neoliberale Politik der letzten Jahre um die Ohren, die immer den freien Markt predigte, sich um Kleinigkeiten allerdings wenig scherte und es somit multinationalen Giganten wie Uber ermöglichte, den Markt nahezu nach Belieben aufzumischen. Was nun im Transportsektor für offenen Aufruhr sorgt, ist im Hotelbereich schon lange Realität. Hier schaltet Airbnb seit Jahren nach Belieben, zumindest in den zentralen Stadtvierteln. Die einstige Zimmervermeitung ist längt zum Giganten geworden, über den vermutlich mehr als 20.000 Zimmer an Touristen vermietet werden. Dunkelziffer enorm. Áhnlich wie im Taxisektor ist auch hier das Problem allbekannt: mangelnde Transparenz durch Airbnb, massive Steuerhinterziehung und nicht zuletzt rapide Verknappung des Wohnraums. Doch anstatt durchzugreifen, verzetteln sich Stadt und autonome Region in Kompetenzhickhack. Mit fatalen Folgen: in den Stadtvierteln Malasaña, Chueca, Austrias, Latina oder Lavapiés gibt es praktisch keine Mietwohnungen mehr. Die einstigen Bewohner ziehen in die Peripherie, Rollkoffer und Kneipen regieren das Stadtbild. Alt eingesessene Geschäfte müssen schließen. Meine Zahnärztin in Chueca sieht die Existenz ihrer Praxis bedroht, weil die einstigen Nachbarn und Kunden entweder sterben oder in die Vororte ziehen. Und die Mieten: steigen und steigen, im Schnitt um 25 Prozent in drei Jahren.

Keine Frage: Die Stadt und ihre Bewohner zahlen den Preis für den Billigtourismus, der von interessierter Seite seit Jahren gefördert wird. Billige Flüge mit Ryanair, Billigtransport mit Uber, Billigunterkunft mit Airbnb - all das hat seinen Preis. In der Woche zuvor waren es Streiks des Ryanair-Servicepersonals, dieses Wochenende sind es die Taxifahrer. Welcher Sektor wird als nächstes präkarisiert, um das preiswerte Reisen zu ermöglichen? Da wir alle auch selbst Touristen sind, wäre es also an der Zeit, vielleicht unser Reiseverhalten zu überdenken. Müssen wirklich jedes Jahr mehrere europäische Metropolen, Partylocations und idyllische Strände mit unserer Präsenz behelligt werden, und alles nach Möglichkeit zum Schleuderpreis? Oder wäre es nicht eher angebracht, vielleicht etwas seltener zu reisen und dabei nicht immer den Cent mehrmals umzudrehen, sondern vielleicht auch auf Qualität und halbwegs faire Arbeitsbedingungen zu achten? Bei den Lebensmitteln sind wir doch mittlerweile auch alle superökologisch korrekt. Warum lassen wir den gesunden Menschenverstand beim Reisen zu Hause und nehmen den Geiz mit ins Reisegepäck?

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