Schwarzer Schwan V

von Thomas Büser

Corona Krise

Vor der Krise sind auch die Europäer nicht gleich. Im Norden Osterspaziergang unter Kirschblüten, im Süden totaler Hausarrest mit Strafandrohung bei Zuwiderhandlung.

Es gibt solche und solche Tage in dieser Frühlingspassion. Überall auf der Welt sind Menschen aus Schutz vor dem Virus eingesperrt. Das ist durchaus ein Trost, wenn der eigene Freigang nur aus dem Gang zum Supermarkt und dem allabendlichen Applaudieren mit Blick auf andere Wohnblöcke besteht. Meine neue Strategie, zur Mittagessenszeit zur Nahrungsmittelbeschaffung aufzubrechen, ist dabei gründlich gescheitert, denn offenbar essen die Menschen hier in Madrid jetzt mehr, kaufen daher immer öfter und mehr ein - aber zu Mittag essen sie offenbar nicht. Stattdessen verbringen sie diese Zeit, die früher in Spanien hochheilig war, lieber im Supermarkt und durchkreuzen meine mit Schutzmaske und Desinfektionsmittel minutiös geplanten Abenteuertouren. Doch heute gab es zumindest einen kleinen Höhepunkt: die Sonne schien und machte das Schlangestehen vor dem Supermarkteingang zu einem kurzen Moment des Wohlgefühls.
Es ist auch ein Trost, wenn ich mit meiner Mutter in Deutschland spreche und sie von ihrem Kleingarten aus braungebrannt und eigentlich recht glücklich in die Kamera lächelt. Genauso ein Trost ist es auch, wenn wir in unserem Madrider Hausknast Bilder aus dem Norden geliefert bekommen, in denen glückliche Menschen in trauter Zweisamkeit unter Kirschblüten einherwandeln. Es ist tröstlich, weil es bedeutet: Irgendwann wird dieser böse Traum ein Ende haben. Irgendwann, in ein paar Wochen oder Monaten, werden auch wir im Süden wieder ein kleines Stück Freiheit zurückeroben in einer Welt, von der nicht einmal die cleversten Experten ahnen, wie sie aussehen wird, wenn wir wieder vor die Tür treten.
Es ist aber nicht nur trostreich, diese Bilder aus Nordeuropa zu sehen, während uns hier die Todeszahlen nur so um die Ohren fliegen. Heute, Ostersamstag, "nur" 500 Tote. Es ist auch verstörend, denn es macht klar, dass die Europäer virentechnisch in zwei Welten leben. Einem Norden, der seine Bürger mit Ratschlägen zur Risikovermeidung fast wie ein gutmütiger Vater ein bisschen lauwarme Lebensfreude gönnt. Und einem Süden, wo dieses Ostern eher einer Vía Dolorosa gleicht, mit allgegenwärtigen Polizeisperren und Shitstorms von der privaten Virenschutzstaffel auf den Balkonen, die jedes Spaziergangsdelikt sofort drakonisch bestraft. Leider beweist diese Zweiteilung des Kontinents, dass Ulrich Beck seinerzeit mit seiner These von der Risikogesellschaft, in der lediglich Umwelt- oder Gesundheitskatastrophen die großen Gleichmacher seien, nicht recht hatte. Die Verhandlungen über die "Coronabonds" in Brüssel in dieser Woche haben dies nochmals deutlich gemacht. Der Norden und der Süden (mit Belgien und Irland in seinen Reihen) leben in verschiedenen Welten, selbst die elementare Erfahrung dieses Virus hat sie einander nicht näher gebracht. Und so lesen sich aus der spanischen Perspektive viele Kommentare in den deutschen Medien, die vor einer Dramatisierung und emotionaler Erpressung durch den Süden warnen, wie Bemerkungen aus einem Fünfsternehotel. Und auch mir kommt es so vor, als seien große Teile der deutschen Öffentlichkeit, allen voran Kanzlerin Merkel, davon überzeugt, dies sei eine Neuauflage der Krise von 2008. Ein paar Monate Kurzarbeit mit vollem Gehaltsscheck, dann ein paar Monate der Ungewissheit, und dann geht alles wieder weiter wie zuvor: eine boomende deutsche Exportmaschine, Urlaubsreisen ins Ausland, Zeit für Karriereplanung etc. In Südeuropa jedoch war diese Krise bisher ein Schock und weicht langsam aber sicher der Gewissheit, dass wir in einem Jahr unsere Masken abnehmen werden und dass nichts so sein wird wie zuvor. Daher auch die dramatischen Appelle an die nordeuropäischen Staaten zur Solidarität und zur gemeinsamen Schuldenhaftung. Wer das im Norden als Panikmache und heulsusiges Getue diffamiert, der hat noch nicht verstanden, wohin die Reise dieses Mal geht. Und es steht zu befürchten, dass es sich auch nördlich der Alpen eher um eine Vía Dolorosa als um einen Frühlingsspaziergang handeln wird. Eine Via Dolorosa zum Arbeitsamt und zu geschlossenen Firmen. Ich hoffe, ich behalte nicht recht.

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