Schwarzer Schwan IV

von Thomas Büser

Corona Krise

Musstest du dir ausgerechnet diese Krise aussuchen, um für immer zu gehen?

Quarantäne, Hausarrest, Monotonie der Tage trotz Arbeit, mentale Desorientierung, Schlafstörungen. So schleppen wir uns in unserer Madrider Altbauwohnung durch diese Virenzeit. Draußen applaudieren die Leute wieder den Ärzten und Krankenschwestern. Es ist 20 Uhr. Seit einigen Tagen klatsche ich nicht mehr am Fenster mit. Das Geklatsche entsprach in letzter Zeit nicht mehr meinem eher deprimierten Gemütszustand. Ein Gefühl der Nicht-Zugehörigkeit macht sich langsam breit. Ein altbekanntes Gefühl. Nicht-Zugehörigkeit zur Mehrheit, die das Schweigen durchbrechen muss. Nicht-Zugehörigkeit zu all den fest angestellten Eigenheimbesitzern mit Zugang zu privatem Swimming-Pool, denen ich in meinen boshaften Momenten unterstelle, sie werden sofort mit dem Applaudieren aufhören, sobald ihnen der Staat auch nur ein Prozent Steuern mehr für die Sanierung des Gesundheitswesens abknöpft. Feixende, intakte Familienstrukturen auf den Balkonen, irgendwo kracht ein Silvesterböller los, über mir erdröhnt ein spanischer Durchhalteschlager aus den siebziger Jahren. Plötzlich muss ich über das Konzept der Würde nachdenken. Aber vielleicht täusche ich mich auch, und die Menschheit ist lernfähig und empathisch und nach dieser Krise wird alles besser.
Fühlt sich ein kranker, eventuell sogar schwer kranker Mensch durch den Beifall unterstützt oder wird er dadurch nicht noch mehr auf den Zustand des Krankseins und der (eventuell auch nur momentan) unüberwindlichen Distanz zur gesunden und funktionierenden Außenwelt zurückgeworfen? Susan Sontag hat in ihrem Essay über die "Krankheit als Metapher" genau über dieses Phänomen der immensen Entfernung zwischen gesund und krank geschrieben. Und jetzt, wo die Krankheit plötzlich einen so überragenden Protagonismus erfährt, denke ich oft an dieses Phänomen. Schwer krank sein, eventuell sogar todeskrank, und das bei mehr oder weniger vollem Bewusstsein. Wie hat sich wohl Ingeborg Bachmann gefühlt, als sie sich in ihrem römischen Exil jahrelang und systematisch mit Schlaftabletten ins Jenseits beförderte? Oder der spätestens seit Friedrich Schiller allgemein unpopuläre weil als religiöser Fanatiker verschriene zweite spanische Habsburger Philipp II.? Von der Gicht geplagt verfügte der 72jährige im Sommer 1598 seinen sofortigen Abtransport von Madrid in das von ihm erbaute Granitschloss Escorial in 1000 Metern Höhe und in einwöchiger Fußmarschentfernung von der Hauptstadt. Mit einer Sänfte ließ er sich an seinen Sterbeort tragen, eine Art Passion, die dann noch knappe zwei Monate andauerte, in denen der Herrscher noch Regierungsgeschäfte erledigte, obwohl ihm bereits die Berührung eines Bettlakens unerträgliche Schmerzen zufügte. Abszesse an den Beinen, Tod am 12.9.1598 kurz vor sechs Uhr. Angeblich wurde unten im Seminar der Novizen in diesem Moment gerade die Morgenmesse gesungen.
Eine so legendenhafte Überhöhung erfährt nicht jeder Weggang. Dein Abschied fand nicht mit Blick auf die Pinienwälder im Escorial statt, sondern vermutlich auf einem Krankenhausflur. Nach tagelangem Wegdämmern, während um dich herum Krankenpfleger in provisorisch übergestülpten Mülltüten panisch zwischen den hunderten Todeskandidaten hin- und herrannten. Vermutlich hatte eine Schwester in den letzten Minuten ein Einsehen mit dir und verlegte dich in einem Bett in ein separates Sterbezimmer. Vermutlich. Alles ist vermutlich in diesen Tagen, denn sogar die endgültigen Abschiede finden, wenn überhaupt, digital statt. Typisch für dich, dass du dich mitten im größten Chaos verabschiedest, anonym, ohne viel Aufhebens. Du wirst, wie man so schön sagt, in unserer Erinnerung weiterleben. Du wirst dich in ein Sandkorn oder in ein Blütenblatt verwandeln. Oder in eine kleine Ziffer inmitten einer Todesstatistik. Samstag 4.April 2020: 809 Virenopfer in Madrid. Draußen explodiert das Grün an den Bäumen, die menschenleeren Plätze werden von Vogelscharen bevölkert. Fast, ja fast wäre es ein Moment der Schönheit.
 

Zurück