Schwarzer Schwan III

von Thomas Büser

Corona Krise

Es bleibt einem nichts anderes übrig, als sich an die kleinen Dinge im Leben zu klammern. Ist das Lebensphilosophie oder schon Resignation?

Mein Freund Colo, seines Zeichens Illustrator, nutzt die erzwungene Selbstisolation, um einen neuen grafischen Roman zu schreiben. So heißen Comics ja heute. Er nennt ihn Alcatraz, und nach zwei Wochen Corona-Knast fühlen wir uns langsam alle ein bisschen eingekerkert. Da der Mensch den Evolutionsbiologen zufolge eine wahres Wunder an Anpassungsfähigkeit ist, entwickeln wir Eingesperrten unsere eigenen Überlebensstrategien. Zum Beispiel nur noch dosierten Nachrichtenkonsum. Weg vom Dauerfeuer der Horrormeldungen. Schlimm genug, dass sich meine Freundin Esther, Psychiaterin in einem öffentlichen Krankenhaus, mit dem Virus infiziert hat und jetzt mit einer Lungenentzündung zu Hause liegt. Zum Glück zu Hause, denn mit ein bisschen Pech könnte sie auch in das 5000-Bett-Horrorhospital auf dem Messegelände überführt werden. Das ist für mich jetzt die Information, die die gesamte Tragweite dieser Epidemie besser zusammenfasst als alle Zahlen.
Eine weitere Strategie: ein mehr oder weniger geregelter Lebensrhythmus. Hier helfen mir meine Schüler, die ich regelmäßig per Skype kontaktiere, weshalb ich mich auch gezwungen sehe, mich zu rasieren und zumindest "obenrum" halbwegs zivilisiert auszusehen. In meiner freien Zeit schreibe ich dann auch noch an einem neuen Reiseführer. Arbeit hilft in diesen Momenten, vor allem einem Freiberufler wie mir, der das Glück hat weiterzuarbeiten. Nicht so wie Millionen andere, die dann auch noch die Ehre haben, von Politik und Öffentlichkeit systematisch ignoriert zu werden. Wie immer im Schatten der Festangestellten, deren schweres Los in diesen Zeiten in Kurzarbeit und anschließendem 12- bis 18monatigem Arbeitslosengeld besteht. Auch der spanische Freiberufler ist eben selbst schuld an seinem kindischen Freiheitsdrang und hat daher wirklich kein Recht auf mehr als ein paar karitative Brosamen. Aber wir wollen ja hier nicht Leid gegen Leid aufwiegen. Ein anderer wichtiger Punkt der Überlebensstrategie ist nämlich: Vergleiche dich nicht andauernd mit anderen, jeder hat auf seine Weise an dieser Situation zu knabbern.
Trotz aller Umerziehung zu nahezu zwanghaft positivem Denken befallen mich jedoch hin und wieder nostalgische Gedanken. So erinnere ich mich zum Beispiel an meinen Beruf als Guide, den ich sehr vermisse. Wie in einer anderen Welt stehe ich mit einer Gruppe im Palacio Real im Gasparini-Saal, dem Ankleidezimmer Karls III. Für unseren heutigen Geschmack vielleicht schwülstiger Rokoko-Kitsch, aber eigentlich nichts anderes als eine Fantasie aus Taracea-Marmorboden, mit chinesischen Motiven dekorierten Stuckdecken und -wänden, Schweizer Tischuhren und französischen Deckenlüstern. Eine Fantasie für jemanden, der es sich leisten konnte. Eine Augenschmeichelei, ein Moment des Eskapismus im rigiden Gefängnis der Hofetikette. Auch eine Art der Überlebensstrategie inmitten der Selbstisolation. Klingt jetzt reichlich monarchisch, ist aber nicht so gemeint. Ist nur wie gesagt Nostalgie, denn ich hätte gern mein Leben zurück.

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