Schwarzer Schwan II

von Thomas Büser

Corona Krise

Fassungslosigkeit ist der einzige Ausdruck für das Gefühl, in einem Alptraum zu leben.

Ein Land, und mit ihm seine Hauptstadt, stürzt in den Abgrund. Und wir sind alle Zeugen dieser makabren Vorstellung, die uns das Fernsehen direkt nach dem Aufstehen serviert. Ein wahres Bombardement an apokalyptischen Bildern. Vor sich hin verwesende Leichen in Altersheimen, die nicht "entsorgt" werden, weil das Pflegepersonal mit den anderen, größtenteils infizierten und bereits schwer atemwegsgeschädigten Alten überfordert ist. Außerdem haben die Pflegerinnen Angst, denn bis auf gebrauchte Gummihandschuhe und übergestülpte Plastikmüllsäcke haben sie keine Schutzkleidung. Aus demselben Grund stellen die städtischen Bestattungsunternehmen das Bestatten ein. Die Leichen werden nun vorübergehend auf der Schlittschuhbahn eines Einkaufszentrums gelagert. Angeblich in extradicken Plastiksäcken, damit sie von unten nicht anfrieren. Als Garnitur die neuesten Horrormeldungen in Statistiken: Die Zahl der Infizierten ist innerhalb eines Tages um 20% angestiegen. Allein Madrid zählt fast so viele wie die USA. Angehörige von Verstorbenen werden interviewt. Entgeistert berichten sie davon, dass ihre Väter, Mütter, Ehemänner, Großeltern vollkommen allein auf Krankenhausfluren vor sich hinsterben. Stundenlang, tagelang, ohne Begleitung, denn in Madrids Krankenhäusern tobt wirklich so etwas wie der Krieg. Die in jahrzehntelangem, neoliberalem Effizienzwahn kaputtgesparten und kleingeschrumpften Intensivstationen werden von einer nicht enden wollenden Masse an Schwerkranken überrollt wie ein einzelner Skifahrer von einer Lawine. Beatmungsgeräte gibt es schon lange nicht mehr. Manche Ärzte gehen dazu über, sie selbst zu basteln. Die Journalisten stottern etwas in ihr Mikrofon, auch sie können nicht fassen, was sie Tag für Tag sehen. Ist das noch Europa? Europa ist irgendwo anders, aber definitiv nicht mehr in Madrid, wo es nicht einmal mehr Schutzmasken und Plastikhandschuhe für das Krankenhauspersonal gibt. Europa schaut gerade mal wieder woandershin, während in den nächsten Tagen eine Millionenladung medizinischer Hilfsgüter aus China hier eintrifft. Deutlicher kann eine Bankrotterklärung nicht ausfallen. Irgendwann wird dieses Drama zu Ende sein, der Virus wird abebben und Brachland hinterlassen. Dann werden die Länder Südeuropas neue beste Freunde gefunden haben. Die anderen Europäer werden es nicht sein.

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