Schwarzer Schwan

von Thomas Büser

Corona Krise

Die "Corona-Krise" könnte für Madrid und Spanien zum Desaster werden. Doch Krisenzeiten und Zwangsquarantäne eignen sich auch für alle möglichen Selbstversuche.

Es ist wie ein Schock. Ein Stille- und Leereschock. Letzte Woche war der Platz vor meinem Haus noch voller lustig plaudernder Menschen. Die Kellner eilten emsig von Tisch zu Tisch. Vor einer galicischen Fischtaverne standen sogar einige Leute Schlange, um einen Sitzplatz im Freien zu erhalten. Kinder sprangen und turnten zwischen Tischen und Passanten herum. Gerade hatte die Regionalregierung die Schulen wegen eines aus China stammenden Virus geschlossen, der auch in Italien bereits schlimme Verwüstungen angerichtet hatte. Doch in Madrid schien die Nachricht von einem schulfreien Dienstag die jungen Leute, und auch die nicht ganz so jungen, in eine Art Ferieneuphorie versetzt zu haben. Der laue Frühlingsabend, eine Sommerouvertüre, ein Versprechen von Glück und Freiheit. Und Madrid tat, was es in einer solchen Situation immer tut: es ergoss sich wie auf ein geheimes Kommando hin über Straßen und Plätze, eine wild gestikulierende und durcheinanderschreiende Menschenmenge, die einfach überall war. 
Doch nur wenige Tage später herrscht Krieg. So behaupten es zumindest einige besonders kampfeslustige Politiker und Journalisten. Krieg gegen einen unsichtbaren Feind, von der Regierung in einer feierlichen Pressekonferenz verkündet. Und wie jeder Krieg, so treibt auch dieser die Menschen in ihre Behausungen, selbst die ausgehwütigen Madrilenen. Eingesperrt von der Regierung und von einer unsichtbaren, aber extrem ansteckenden Krankheit.
Es wird noch lange dauern, bis ich mich an diese neuen Bilder, an diese neue Stadt, an dieses neue Leben gewöhnen kann. Eine leere Stadt, in der nur noch maskierte Individuen geduckten Kopfes über Plätze und Straßen huschen. Der Autolärm ist ebenso verschwunden wie die Symphonie aus übereinanderlappenden Gesprächsfetzen, die man sonst überall zu hören bekommt. Ich zucke kurz über diese Erkenntnis zusammen, als ich um die Kurve zur Bäckerei biege, begleitet von einer lauen Brise und frenetischem Vogelgezwitscher. Zumindest wirkt es auf mich frenetisch, weil normalerweise außer dem röhrenden Gebrumme dieser einst rastlosen Stadt nur das Gekrächze der argentinischen Papageien zu hören ist. Doch die Invasion des Virus aus Asien erfolgt weit lautloser und gibt der einheimischen Natur wieder ihren Vorrang zurück, der ihr eigentlich immer zugestanden hätte. Und während ich weiterlaufe, vorbei an einer geschlossenen Autowerkstatt, einem geschlossenen Café, einem geschlossenen Lampengeschäft, fällt es mir buchstäblich wie Schuppen von den Augen: die Stadt ist nicht still, sie ist sprachlos. Sie ist sprachlos, weil niemand spricht, weil die wenigen Menschen nur noch allein unterwegs sind. Alle sind allein, vereinzelt, keine Zweiergruppen und schon gar keine Familien. Auf Regierungsanordnung und aus Angst vor Ansteckung. Vor der Bäckerei dann eine Schlange, die sich bis um die Ecke zieht. Eine Schlange aus sprachlosen Menschen, einige mit hellblauen Schutzmasken, andere mit Plastikhandschuhen, wieder andere schutzlos Ich stelle mich ganz hinten an, mindestens drei Meter hinter meinem Vordermann, so wie es alle machen. Und dann bemerke ich, dass eigentlich gar nicht so viele Menschen auf ihr tägliches Brot warten, sondern dass sich die Schlange nur wegen der großen Sicherheitsentfernung zwischen den Kunden gebildet hat. In zwei Minuten bin ich bereits im Laden und atme innerlich auf, dass ich von derselben jungen Frau mit Brille und rotgefärbten Haaren bedient werde, die mir sonst auch das Brot überreicht. Sie trägt keine Schutzmaske und lächelt ganz kurz, als sie mich sieht. Doch eigentlich ist es nur der Anflug eines Lächelns. Grußlos und sprachlos. Genauso sprachlos wie die eingesperrte Stadt.

 

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