Schöner wohnen in Madrid

von Thomas Büser

Schoener wohnen in Madrid

Die Suche nach einer adäquaten Bleibe: auch in Madrid ein großes Thema.

Gerade diese Woche hat "Der Spiegel" eine Titelstory mit der bezeichnenden Überschrift "Schlimmer wohnen" publiziert. Der Wohnungsmarkt in den deutschen Großstädten ist in den letzten Boom-Jahren preistechnisch vollkommen aus dem Ruder gelaufen. Bezahlbare Wohnungen in München oder Frankfurt: Fehlanzeige. Irgendwie habe ich den Eindruck, dass lange Phasen des Wirtschaftsaufschwungs für Wohnungssuchende prinzipiell katastrophal zu sein scheinen. Und weil mir gerade so autobiographisch zumute ist, hier ein kurzer Rückblick auf meine letzten, einschlägigen Erfahrungen auf dem Madrider Wohnungsmarkt.

Das Wichtigste vorab: die Dauerkrise hat hier die Wohnungssuche erheblich erleichtert – vermutlich bis zur nächsten Immobilienblase. Kein Vergleich zu den Boomjahren vor 2008, als nahezu keine Appartments vermietet wurden. Warum auch? Mieten war uncool, etwas für Versager oder "guiris" (so heißen vor allem die nordeuropäischen Ausländer im spanischen Volksmund - nicht selten ein belustigtes Synonym für "plemplem"). Es wurde gekauft, was das Zeug hält. Die Banken finanzierten Hypotheken nicht selten zu 100%, die exorbitanten Preise spielten keine Rolle. Der Aufschwung würde ja ewig halten, und Mieten war in diesem Moment noch teurer. Also buchstäblich rausgeschmissenes Geld. Die Folge: Mini-Appartments von 40 Quadratmetern ab 800 Euro aufwärts, guter Zustand keineswegs garantiert. Und da ja nur die sozialen Außenseiter mieteten, waren diverse Monatsmieten Kaution und mehr als 4 Monatsmieten Bankbürgschaft gang und gäbe. Man wollte sich ja gegen zahlungsunfähiges Gesindel absichern.

Irgendwie habe ich trotzdem immer eine mehr oder weniger bezahlbare Unterkunft gefunden, wenngleich ausschließlich dank glücklicher Zufälle im Freundeskreis. Dieses Jahr war dann nach mehr als 8 Jahren der nächste Umzug samt Wohnungssuche fällig. 50 Quadratmeter waren trotz idyllisch bepflanzter Dachterrasse auf Dauer ein wenig zu eng für ein verheiratetes Paar. Ich brauchte ein halbwegs geräumiges Arbeitszimmer, mein Mann eine anständige Küche. Beides hatten wir in unserer Dachwohnung nicht. Also ab ins Getümmel. Tief Luft holen und Wohnungsanzeigen im Internet studieren. Zum Glück ist man dabei aber in Spanien nicht nur auf Webseiten angewiesen, sondern kann auch bei einem Spaziergang durch die Straßen nach geeigneten Behausungen Ausschau halten. Die Schilder mit der Aufschrift "Se alquila" sind wirklich schon aus weiter Entfernung zu sehen. Man wählt einfach die auf dem Plakat angegebene Telefonnummer, und schon kann nachgehakt und im günstigsten Fall auf der Stelle ein Besichtigungstermin ausgemacht werden.

Um so größer war meine Überraschung, als sich bei wirklich jedem Anruf statt eines Privatvermieters eine Immobilienagentur meldete. Selbst bei per Hand gekritzelten Schildern ohne Firmenlogo hatte ich plötzlich einen Makler an der Strippe. Der erste Eidnruck bestätigte sich dann beim Stöbern im Internet: Agenturen überall. Das Spektrum reichte dabei von multinationalen Anbietern im Luxussegment bis hin zur kleinen Eckklitsche. Bei den Besichtigungsterminen fiel uns dann auch sofort auf, dass es sich in vielen Fällen um gerade frisch aus dem Boden geschossene Verzweiflungsprojekte handelte - Immobilienmakler als Weg aus der Arbeitslosigkeit. Eine andere Variante ist die des Franchise-Unternehmens. Die bekannte Immobilienkette Teknocasa praktiziert dieses Konzept nach dem Vorbild von Mc Donald´s. Mit scheinbar durchschlagendem Erfolg: an jeder Ecke gibt es inzwischen eine Filiale, betrieben zum überwiegenden Teil von einer Schar leicht übersteuerter Anzugträger unter 30, ohne oder mit fragwürdiger Schulbildung.

Es gab aber nicht nur negative Überraschungen. Im Unterschied zu früheren Jahren bewegt sich zurzeit das Preisniveau in einer erträglichen Spanne. 10.- € Kaltmiete sind mehr oder weniger normal, in den In-Vierteln wie Chueca, Huertas oder Malasaña geht es dann natürlich auch schon auf 13.- oder 14.- Euro hoch. Erträglich für eine europäische Metropole, aber natürlich zu teuer für eine Stadt mit immer noch 20% Arbeitslosigkeit. Eine wirkliche Erleichterung sind allerdings ohne jeden Zweifel die vollkommen veränderten Kautionsgewohnheiten. Vorbei die Zeiten, als die Vermieter ganze Jahresgehälter als Sicherheit zu sehen wünschten. Eine Monatsmiete ist heutzutage der Standard, die andere Monatsmiete geht dann an den Makler. Das ist natürlich einen Monat zu viel, denn der Makler macht für den Wohnungssuchenden, der am Ende die Courtage bezahlt, ja wahrhaftig nichts anderes, als die Wohnung aufzuschließen. Dennoch kein Vergleich zum derzeitigen Hauen und Stechen in deutschen Metropolen.
Nach sechs Wochen war der Spuk zu Ende und wir waren fündig geworden. Insgesamt 15 Wohnungen hatten wir besichtigt. Das Typische eben: entweder zu klein, zu teuer, zu laut oder möbliert (spanische Vermieter verwechseln eine Wohnung leider allzu oft mit einer Abstellkammer für Omis Museumsstücke, bei denen sich dann der allerkleinste Kratzer verheerend auf die Rückzahlung der Kaution auswirkt.) Doch dann hatten wir unsere Wohnung gefunden. Altbau, gut in Schuss, gegenüber dem Kulturzentrum Matadero und direkt an der neu angelegten Flusspromenade Madrid Rio. Vielleicht nicht ganz so zentral wie gewünscht, aber dafür verfügt die Wohnung außer über Küche und Bad auch noch über vier weitere Zimmer, und ist mit 800.- Euro Kaltmiete für 85 Quadratmeter wirklich erschwinglich. Mein Mann hat seine geräumige Küche, ich mein separates Arbeitszimmer, in dem ich auch unterrichten kann. Die Wohnung konnten wir uns aber nur deshalb sichern, weil wir der Angestellten der Immobilienfirma die Maklergebühr von einer Monatsmiete (zuzüglich 21% Mehrwertsteuer) sofort auf die Hand blätterten. Im Gegenzug wurde das Mietobjekt für die Dauer der Verhandlungen mit dem Vermieter keinem anderen Interessenten gezeigt.

Doch alles konnte natürlich nicht reibungslos verlaufen. Die Kündigung des alten Mietvertrages verschaffte uns einen tiefen Einblick in den Korruptionsmorast spanischer Hausverwalter. Nachdem wir das Kündigungsschreiben rechtzeitig, d.h. mehr als einen Monat vor dem geplanten Auszug an den Hausverwalter geschickt hatten (in weiser Voraussicht als notariellen Bescheid), kam zwei Wochen später die harsche Antwort aus dem Verwaltungsbüro: ein Auszug zum 30. April sei nicht akzeptabel. Da der Mietvertrag keine Ausstiegsklausel enthalte, sei vollkommen klar, dass er stillschweigend um ein Jahr verlängert werde. Der nächstmögliche Auszugstermin sei also der 31.5. Würden wir einen Monat früher ausziehen, müssten wir dennoch einen Monat länger weiterzahlen. Sollten wir dies nicht tun, dann werde die Administration die Bürgschaft von drei Monatsmieten bei der Bank einziehen. Ein wochenlanges, nervenaufreibendes Scharmützel schloss sich an, aus dem ich dank meines Schülers und Freundes José Luis, seines Zeichens Notar, siegreich hervorging.

Am Ende führte ich die Wohnungsübergabe mit besagtem José Luis durch, der als Notar den einwandfreien Zustand des Mietobjekts bezeugte (es war tatsächlich blitzblank geschrubbt und frisch gestrichen) und auch die Schlüssel in Empfang nahm. Mit gleichlautenden Dokumenten und Notar ging´s dann ohne Vorankündigung zur Wohnungsverwaltung, deren Mitarbeiter bei unserem Anblick (José Luis gleicht noch dazu einem Türsteher im Nadelstreifenanzug) aus allen Wolken fielen. Widerwillig, mit dem Gesichtsausdruck ertappter Kleingangster, mussten sie alle notariellen Dokumente stante pede unterschreiben - die Möglichkeit, über die Finte des Auszugstermins Bürgschaft und Kaution einzubehalten (insgesamt fast 3.000 Euro) war damit hinfällig. Ein paar Wochen später (ein bisschen Nachtreten musste noch sein), hatte ich das Geld auf meinem Konto. Doch trotz des juristischen Triumphes bleibt für mich ein schaler Nachgeschmack: was hätte ich ohne meinen Notarsfreund gemacht? Vermutlich hätte ich in die Röhre geschaut oder ich hätte den langwierigen Gerichtsweg mit Anwalt, Prozesskosten etc. beschreiten müssen. In einem Land, in dem fast niemand eine Rechtsschutzversicherung hat, gilt offenbar nur das Recht des Stärkeren.

Jetzt ist alles vorbei, wir sind in unserer neuen Wohnung. Unser Vermieter, ein älterer Herr namens Manuel, ist ein angenehmer Gentleman, der alle Probleme in der Wohnung ohne Aufhebens regelt. Unser Gebäude hat sogar noch, ganz im guten alten Stil, einen Hausmeister. Er heißt Eduardo und ist so eine Art Mädchen für alles. Meistens ist er aber Psychiater, der die Schrullen der älteren Hausbesitzer auszuhalten hat. Wenn´s ein Problem gibt, dann ist Eduardo immer zur Stelle. Der Platz vor unserer Wohnung ist voller Straßencafés, die Stimmung ist prächtig. Und das beste: unsere Wohnung ist nach hinten orientiert, wir werden durch den Trubel also in keinster Weise belästigt. Wenn ich Lust habe, überquere ich den Platz und gehe zum Fluss und zum Park Madrid Río und lasse mir die Brise um die Nase wehen. Luxus in Madrid.

Bleibt nur ein Wermutstropfen inmitten des Wohnungsidylls: laut neuem Gesetz gelten die Mietverträge nur noch für drei Jahre. Bleibt nur zu hoffen, dass Don Manuel nicht verkaufen möchte. Denn alle drei Jahre Wohnung suchen und mit kleinkriminellen Hausverwaltern streiten, wäre definitiv zu viel für meine Nerven.

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