Oktobersymphonie

von Thomas Büser

Oktobersymphonie Madrid Rio

So viel Verwirrung, wenn der Oktober kommt. Das sangen die Pet Shop Boys bereits vor mehr als 25 Jahren. Und dieser Satz bestätigt sich jedes Jahr aufs Neue

Der erste wirkliche Herbstmonat ist durch und durch doppelköpfig. Vielleicht nicht für jedermann, aber für einen Freiberufler sehr wohl. Es ist ein Monat des Aufbruchs, in dem die im Sommer ausgebrüteten Projekte in Angriff genommen werden. Es ist aber auch der Beginn der Einkehr, des Rückzugs, begleitet von den ersten Kältenächten. Die Wintermäntel tauchen langsam aber sicher wieder aus der Versenkung auf, die leichte Sommerdecke wird gegen ihr Pendant der Kälteperiode ausgetauscht. Auf der kastilischen Hochebene vollzieht sich der Wechsel von sommerlicher Trägheit zu herbstlicher Aktivitat genauso übergangslos wie der Wetterumschwung. Oktober, der einzige Herbstmonat. Insel zwischen dem letzten Aufbäumen der sommerlichen Hitzewellen im September und dem ersten Frost im November. Man muss ihn ausnutzen, diesen kostbaren Monat. Das denken sich auch die Madrilenen, denn endlich läuft die Stadt wieder zu ihrer gewohnten Höchstform auf. Will heißen: sie vibriert nur so vor geschäftigen Menschen. Aufbruch kann aber auch bedeuten, mehr als eine Stunde Schlange zu stehen, um sich in den neu eröffneten Flagshipstore von Primark auf der Gran Vía zu quetschen. Dem größten in ganz Europa, was für ein Rekord.

Nach den ersten ungemütlichen Regentagen reißt plötzlich die Wolkendecke auf und es erscheint jener grandiose kastilische Himmel, der schon so viele Menschen zu mystischen Ergüssen angeregt hat. Kastilien, das ist nichts als Himmel und Erde und dazwischen Gott. Das soll Königin Isabel die Katholische vor mehr als 500 Jahren über ihre Heimat gesagt haben. Wenn man in den Himmel über Madrid schaut, könnte man den Gottglauben fast zurückgewinnen. Ein wenig Abstraktion, die abertausend Betonblöcke und die Millionen Mitmenschen weggedacht, und schon klappt´s. Oktober, der hyperaktive und gleichzeitig nachdenkliche Monat. Die Kälte naht, das Ende des Jahres. Zwischen all dem Geschufte und Getriebe trifft mich das wie ein Schlag ins Gesicht. Alles ist so schnell vorbeigegangen, Monate sind wie Tage weggestürzt. Früher geliebte Menschen sind auf der Strecke geblieben, sind im Nichts oder an irgendeinem anderen Ort verschwunden und zur Erinnerung geronnen. Zu lichthellen Momenten wie der kastilische Oktoberhimmel. Lichthell, aber irgendwie virtuell. So virtuell wie unsere Parallelwelt aus sozialen Netzwerken und Smartphoneapplikationen, in der wir ganz reale Zeit in den Orkus jagen.

Alles ist plötzlich da. Die Energie des selbstbestimmten Lebens. Ich als meine eigene Schöpfung. Aber auch die Ferne, die Distanz von zu Hause, der Familie, der eigenen Vergangenheit. War das alles richtig? Führt man am Ende nicht überall das gleiche Leben? Oder ist die Ferne nicht auch eine Selbstbefreiung und - so abgedroschen es klingen mag - Selbstfindung? Töricht, sagte der Barockdichter Quevedo im 17. Jahrhundert, wer den Wohnort wechsle aber nicht seine Gewohnheiten. Ich arbeite fleißig daran, lasse mich durch die südeuropäischen, mit Wein getränkten Mußestunden treiben. Entschleunigung würde man das im neuen Technokratendeutsch nennen.

So viel Verwirrung im Oktober. So viele Pläne, Fragen und Zweifel. Ich beschließe, mehr Spanien zu wagen.

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