Todestag

von Thomas Büser

Todestag Atocha Monumento

Kein rundes Jubiläum, aber ein wichtiges Jubiläum: zwölfter Jahrestag der islamistischen Attentate in Madrid. Wie war das damals genau?

Die Zeit vergeht generell wie im Flug, wenn man eine gewisse Altersbarriere überschritten hat. Zwölf Jahre sind verflogen, aber die Erinnerungen an jenen dramatischen Donnerstag Morgen sind geblieben. Ich wohnte damals in einer heruntergekommen-romantischen Dachwohnung in Lavapiés, in fünf Minuten Laufentfernung vom Atocha-Bahnhof. Als passioniertem Langschläfer kommt es mir nur in äußersten Notfällen in den Sinn, frühmorgens aufzustehen. Umso erstaunlicher war der dumpfe Knall, der mich um acht Uhr aus dem Schlaf riss. Noch heute erinnere ich mich an meine verschlafenen Gedanken: Sicher haben sie bei irgendwelchen Bauarbeiten in der Nachbarschaft eine Wand zum Einsturz gebracht. In diesen Jahren war in Madrid Goldgräberstimmung, die ganze Stadt wurde umgemodelt, kein Platz ohne Baugruben. Ich drehte mich zur Seite und schlief sofort wieder ein.

Was ich in diesem Moment nicht wusste war, dass der dumpfe Knall von der Explosion eines Nahverkehrszuges kam, in dem ein religiöser Fanatiker eine Rucksackbombe deponiert hatte. Eine von vier S-Bahnen, die an diesem grauen Spätwintermorgen des 11. März 2004 fast simultan in die Luft flogen. Zwei unweit des größten Madrider Bahnhofes Atocha, zwei weitere in den Arbeitervororten Vallecas und Santa Eugenia. Während in nicht einmal 500 Metern Entfernung das Böse seinen Blutzoll forderte, schlief ich noch eine gute Stunde weiter. Als ich aufwachte, wunderte ich mich über die vielen SMS auf meinem Handy, die mich dringend um ein Lebenszeichen baten. Ich schaltete den Fernseher ein und traute meinen Augen nicht: Bilder einer endlosen Kette von Krankenwagen. die zu den Hospitälern der Stadt rasten. Pavillons des Messegeländes als improvisierte Aufbahrungsorte für offenbar hunderte von Leichen. Blutverschmierte Gestalten, die orientierungslos vor dem Atocha-Bahnhof herumtorkelten. Bilder zerfetzter Züge in El Pozo und Santa Eugenia.

Ich beantwortete umgehend alle Kurznachrichten mit dem erwünschten Lebenszeichen, rief sofort bei meinen Eltern an, um sie zu beruhigen. Dann die Anrufe und SMS bei den Madrider Freunden. Keiner von ihnen fuhr normalerweise mit der S-Bahn zur Arbeit, und zum Glück trudelten auch nach und nach die erwarteten Antworten ein. In meiner mikroskopisch kleinen Welt schien alles an seinem Platz zu sein. Aber der mediale Schock der Fernsehbilder begann langsam, einem frenetischen Bombardement an aufgewühlten Erlebnisberichten und Spekulationen über den Tathergang zu weichen. Immer wieder die Betonung auf der Simultaneität der Anschläge. Vier an der Zahl, und genau wie in New York die Zahl elf. Nur ein Zufall? Die ersten Polizeiberichte begannen von Bomben in Rucksäcken zu sprechen, aber auch Selbstmordattentate konnten nicht ausgeschlossen werden. Die Zahl der Toten bei weit über hundert, mehr als tausend Verletzte.

Um Luft zu schnappen, ging ich nach unten zum Carrefour-Supermarkt auf der Plaza de Lavapiés. Die Atmosphäre war gespenstisch. Keine Menschenseele auf dem ansonsten überfüllten Platz. Ich hatte meinen Rucksack aufgezogen, um meine Einkäufe zu erledigen. Zwischen den Supermarktregalen hatte ich plötzlich den Eindruck, dass mir ein Mann mittleren Alters folgte. Egal vor welchem Regal: er tauchte in ein paar Metern Entfernung auf und schien mich zu beobachten. Plötzlich schoss mir durch den Kopf, dass einige Fernsehberichte von einem ETA-Attentat gesprochen hatten. War dieser Typ etwa ein Polizist in Zivil, der mich verfolgte, weil ich einen Rucksack trug und für ihn eventuell baskisch aussah? Dass es eine absurde Idee war, mit einer Rucksackbombe einen nahezu menschenleeren Supermarkt in die Luft zu sprengen, kam mir in diesem Moment natürlich nicht in den Sinn. Aber so funktioniert Panik im Kleinen. Jedes Puzzleteil scheint zusammenzupassen und ergibt plötzlich für einige Momente ein kohärentes Katastrophenbild.

In den Tagen nach dem Attentat lieferte Madrid ein Beispiel an Zivilcourage. Bereits am folgenden Tag kamen mehr als eine Million Menschen zu einer Anti-Terrorkundgebung zusammen, die in Richtung Atocha marschierte. Unter einem ungemütlichen Nieselregen wurde die schmerzerfüllte Stille von einem zunächst zaghaften, bald aber ohrenbetäubenden Sprechchor zerrissen: "Quién ha sido?". "Wer war es?" Nicht das Attentat stand plötzlich im Mittelpunkt, sondern die Urheberschaft und die immer absurderen Lügen der Aznar-Regierung, die das Blutbad allen Ernstes der baskischen ETA in die Schuhe schieben wollte. Trotz deren Dementis, trotz dem Al-Quaeda-Bekennerschreiben, trotz der simultanen Bomben, trotz der ungeheuerlichen Zahl an Todesopfern. In zwei Tagen waren Wahlen. Die Konservativen wollte unbedingt vermeiden, dass die spanische Teilnahme am Irak-Krieg als Grund für die Anschläge erschienen.

Mit meiner Freundin Carmen verfolgte ich zunächst die Demo von einer Tankstelle am Paseo del Prado aus, bis wir uns schließlich in den Protestzug einreihten. Furcht vor möglichen weiteren Attentaten war nicht zu spüren. Die Menschen überließen sich ganz ihrem Schmerz und ihrer Empörung. Was für ein Kontrast zur allumfassenden Angst nach den Anschlägen von Paris! Nicht erst seit dem 11.3.2004 war Madrid eine vom Terror gezeichnete Stadt. Während der bleiernen achtziger und neunziger Jahre war die Metropole immer wieder Schauplatz von ETA-Gewalttaten gewesen. Erklärte dies diese Geringschätzung der Gefahr? Den Mut der Menschen? Wie war zu erklären, dass es nach den Terrorakten zu keinen nennenswerten rassistischen Übergriffen kam? 

Der 11. März 2004, dieser Todestag, war der Tag an dem ich mich in Madrid verliebte. Noch mehr als die frühen Almodóvar-Filme mit ihrer respektlosen Rotznäsigkeit und sicher viel mehr als die Anarchie seines Nachtlebens beeindruckte mich diese Explosion an Menschlichkeit, die den Regierungslügen zwei Tage später ein abruptes Ende bereitete. Aber die Romantik scheint in diesem kurzen Leben sehr schnell von der Realität überrollt zu werden. Auf die gleichzeitige Düsternis und Großartigkeit dieses historischen Moments, jenes blutgetränkten Todestages, folgte in den folgenden Jahren die Mediokrität der politischen Schlammschlacht. Kein Tag, an dem nicht sprach- und intrigengewandte Partei-Journalisten vermeintlich neue Details ausgruben, um am Ende doch noch die baskische ETA als Urheberin des Attentats zu identifizieren. Kein Tag, an dem nicht das Andenken der fast 200 Verstorbenen systematisch in den Dreck gezogen wurde. Auf billige Polemik spezialisierte Publikationen wie "El Mundo", "La Razón" oder "ABC" leisteten ganze Arbeit und stifteten Unfrieden zwischen den Hinterbliebenenorganisationen. Auf der einen Seite die Angehörigen der ETA-Opfer, auf der anderen Seite die des Atocha-Attentats. Die spanische Zwietracht war wieder da und mit ihr die Erkenntnis: nichts, nicht einmal eine humane Tragödie von nie gekannten Ausmaßen ist imstande, dieses Land für mehr als einen kurzen Moment zu einen.

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