Generation Krise

von Thomas Büser

Generation Krise Gran Via

Eine biblische Zahl: sieben. Sieben magere Jahre, sieben Jahre Krise. Was macht das mit einer Stadt und ihren Bewohnern? Eine Bestandsaufnahme.

Viel ist über die Krise in Spanien geschrieben worden. Auch auf dieser Webseite wurde schon der ein oder andere Artikel zu diesem Thema publiziert. Eine Binsenweisheit ist dabei natürlich, dass sich eine Krise für Außenstehende immer ganz anders darstellt und anfühlt als für die direkt Betroffenen. Die "Spanien-Krise" ist dabei keine Ausnahme. Doch wer denkt, dass ein ganzes Land mitsamt Hauptstadt auf einen Schlag im Elend versinkt, der hat natürlich die falsche Vorstellung von diesem Phänomen. In Madrid scheint zumindest auf den ersten Blick alles beim Alten: Bars und Cafés sind gut gefüllt, auf den Straßen herrscht dasselbe lebhafte Treiben wie immer. Auch Shopping-Angebote gibt es in Hülle und Fülle. Also wo ist da bitte die Krise, fragt sich der ausländische Besucher erstaunt. Die Antwort ist: die Krise ist überall, nur auf den allerersten Blick ist sie nicht ohne weiteres bemerkbar. Da sind zunächst die banalen Dinge wie immer schmutzigere Straßen und Bürgersteige (wobei ja auch deutsche Großstädte nicht immer durch blütenweiße Sauberkeit glänzen), mehr und mehr Schlaglöcher im Straßenpflaster, eine nahezu doppelt so lange Wartezeit in der U-Bahn oder an den Bushaltestellen, erheblich längere Wartelisten für Arztbesuche. All das hat das Leben in dieser Stadt in den letzten sieben Jahren unbequemer und härter gemacht. Vor allem aber bemerke ich ganz persönlich die Verheerungen dieser schier endlosen Frustphase in meinem eigenen Freundeskreis.

Da ist Ana, 42 Jahre alt. Vor 2008 arbeitete sie als Designerin in der Königlichen Teppichfabrik. In jener Institution hatte ein gewisser Francisco de Goya vor mehr als 200 Jahren seine kometenhafte Karriere gestartet. Anas Karriere war trotz akademischem Abschluss wesentlich unbefriedigender und ihr Gehalt alles andere als königlich: 700 Euro netto. Zum Sterben zu viel, zum Leben jedoch zu wenig. In den nächsten Jahren schloss sich Weiterbildung an Weiterbildung an, ein Kurs nach dem anderen. Aber all die Mühen führten zu nichts als Gelegenheitsjobs als Schwimmbadaufsicht oder Babysitterin. Jetzt geht Ana nach Indien, um dort in einem Schulcamp zu arbeiten. Da ist mein Freund Colo, 46 Jahre alt. Seit den frühen neunziger Jahren arbeitete er sehr erfolgreich als Werbeillustrator. Er verdiente genug Geld, um sich bereits nach ein paar Jahren eine Duplex-Wohnung mitten im Madrider Zentrum zu kaufen - und diese auch abzubezahlen. In Colos Portfolio ist absolut jede multinationale Firma in Spanien zu finden. Doch im Jahr 2009 gingen, ganz plötzlich und ohne Vorwarnungen, die Aufträge aus. Kostensenkungen bei den Werbeagenturen. Projekte wurden nur noch an billigere Nachwuchskräfte vergeben. Colo befindet sich daher seit mittlerweile sechs Jahren auf dem beruflichen Abstellgleis. Nicht auszudenken, wenn die Wohnung noch nicht abbezahlt wäre. So kann er sich wenigstens noch einen kleinen Rest seiner einstigen Unabhängigkeit bewahren und sich mit ganz gelegentlichen Aufträgen über Wasser halten. Währenddessen initiiert er in Eigenregie ein Illustrationsprojekt nach dem anderen, um irgendeinen Ausweg aus seinem beruflichen Dilemma zu finden.

Diese beiden Beispiele stehen stellvertretend für die vielen Millionen Karrierebrüche in der vitalsten und produktivsten Phase des Arbeitslebens. Natürlich ist dies das Wesen unserer modernen Marktwirtschaft. Der Job kann überall und jederzeit wegrationalisiert werden, und die meisten Freiberufler bewegen sich sowieso stets am beruflichen Abgrund. Der Unterschied liegt jedoch in der Aussichtslosigkeit. Immer noch deutlich mehr als 20%  Arbeitslosigkeit, mehr als sieben Jahre Dürre, Lebenslauf auf Lebenslauf und keine Antwort. Kurs auf Kurs und kein Resultat. Und wir sprechen hier an dieser Stelle nicht einmal über die Millionen Schulabrecher, die gar nicht erst ins Arbeitsleben kommen. Es ist sehr leicht, in diesen Jahren in Spanien in die dunkelste Mutlosigkeit zu verfallen. Dann bleibt nur noch der Rückzug ins Elternhaus oder wieder eine WG. Mit Ende vierzig, wie zu Studentenzeiten. Vor diesem Hintergrund ist es eine beachtiche Leistung, dass man in der Stadt diesen Frust nicht immer und überall spürt. Ein Gütesiegel für die Familien, die die schlimmsten Krisensymptome offenbar doch abfedern. Irgendwie. Wie sollte es denn auch sonst funktionieren, so ganz ohne Sozialstaat. Und vergessen wir bitte nicht: es gibt auch Leute, die von der Krise profitieren. Die gut Situierten aus betuchtem Elternhaus. Trotz einiger Aderlässe konnte diese Schicht in den letzten Jahren ihren Status weiter ausbauen. Wohnungen zum Spottpreis aufkaufen, ein paar Jahre lang behalten und jetzt gewinnbringend an ausländische Investoren verscherbeln. Auf der eleganten Calle Serrano eröffnen immer mehr Luxusläden, die offensichtlich ihre treue Klientel finden.

Obwohl meine Freunde David und Alex dort nicht anzutreffen sind, haben sie sich in den dunklen Krisenjahren all das gegönnt, was man sich als Investmentbanker eben so gönnt. Teure Abendessen in schicken Restaurants, lukrative Immobiliengeschäfte, jede Menge Auslandsreisen. So war das sicher immer. Aber die Krise hat die Unterschiede verfestigt. In der spanischen Hauptstadt prallen die Gegensätze mittlerweile im eigenen Freundeskreis ungebremst aufeinander. Von außen nicht zu sehen, aber es ist wirklich eine Kluft, die wächst. Während Alex und David ihre nächste Auslandsreise planen - Brasilien oder Kuba? - igelt sich Colo zu Hause ein, denn er kann sich kein Abendessen in einem Restaurant mehr leisten. Dieselbe steile Karriere, dieselbe soziale Herkunft. Doch dann kam die Krise und hat den sozialen Fahrstuhl in entgegengesetzte Richtungen betätigt. Ihr wichtigstes Opfer sind mit Sicherheit nicht die wackelnden Pflastersteine, es ist der Glaube an die Zukunft. Millionen von Menschen glauben nicht mehr an die Zukunft, und das Heer dieser ausgegrenzten, prekären Existenzen wird von Jahr zu Jahr größer. Ihnen bleibt keine andere Alternative als das Hier und Jetzt, denn schon der nächste Tag birgt nichts als Gefahren. Das Leben in Madrid ist zu einem postmodernen Schelmenroman geworden, bei dem uns das Lachen jedoch immer mehr vergeht.

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