Gehören Hipster verboten?

von Thomas Büser

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Neu ist das Phänomen nun wirklich nicht, denn schon in den fünfziger Jahren schrieb Norman Mailer über den Begriff Hipster, eine bereits seit dem Jahrzehnt zuvor bekannte Facette der urbanen Subkultur

Seit dem Beginn des 21. Jahrhunderts ist diese Spezies ins Bewusstsein einer größeren Öffentlichkeit getreten. Und diese sieht natürlich genau das, was die Hipster wohl selbst gerne vermitteln wollen: Äußerlichkeiten. Umhängetaschen, Röhrenjeans, Designerbrillen, immer die angesagtesten Läden, Bars, Theaterstücke etc. Im 19. Jahrhundert wurde so etwas noch Dandy genannt und geisterte durch die Theaterstücke Oscar Wildes. In den siebziger und achtziger Jahren wurde aus dem Dandy dann der Yuppie, deutlich aggressiver und viel demonstrativer auf den materiellen Erfolg versessen. Die heutigen Hipster aber scheinen wieder zur etwas relaxteren Attitüde der Dandys zurückzukehren. Böse Zungen verweisen auf das zumeist privilegierte Elternhaus, das seine Sprösslinge mit guten Kontakten und einer üppigen Apanage in die einst heruntergekommenen Viertel im Stadtzentrum schickt. Was im 19. Jahrhundert die Aristokratie war, ist heute ein Job beim Fernsehen oder in der Werbebranche. Alles viel vulgärer, Koks statt Opium, Publicity statt Bohème, Sie wissen schon.

Eigentlich können einem die Hipster fast leid tun. "Coolsein unter Coolen" betitelte die Süddeutsche Zeitung schon 2010 ihr Lebensmotto. Was für ein Stress muss das sein, einmal im Kleiderschrank daneben gegriffen und schon durchgefallen. In Madrid wurden die Hipster, oft auch mit Anklängen an die Rocker und Mods der fünfziger Jahre, zuletzt in Malasaña und im benachbarten Distrikt Triball im Schatten der Gran Vía gesehen. Die Coctelería Santa María mit ihrem Retroschick im Stile einer Spießerhöhle der fünfziger Jahre ist ebenso ihr Tummelplatz wie das eher minimalistische Maricastaña. Die Bedienung ist betont entschleunigt, und wer ein freundliches Lächeln erwartet. ist hier nun wirklich fehl am Platz. Die Ambitionierteren unter der Jeunesse Dorée der Hauptstadt zieht es wiederum seit einiger Zeit in das schicke Stadtviertel Salesas, in direkter Nachbarschaft des Szeneviertels Chueca.

Die armen Hipster, wir sollten sie hegen und pflegen wie urbane Museumsobjekte. Aber leider geraten sie immer öfter ins Visier der Frustrierten und Ausgegrenzten. Wie just vor einem überteuerten In-Café im neuen Modedistrikt Stoneditch im Londoner Eastend. Dort schrie eine wütende Menschenmenge Unappetitliches ins Innere des Lokals. Hintergrund ist der gnadenlose Verdrängungswettbewerb im Viertel. Das alte Großstadtlied: abgeranzter Kiez wird von einigen Trendsettern entdeckt, die ersten Fassaden werden restauriert, die ersten schicken Läden schießen aus dem Boden, die Immobilienhaie kommen. Den Rest des Liedes kennen wir. Das Hipstertum ist die sichtbare Speerspitze der Gentrifizierung, gegen die sich in London der Volkszorn richtete, weil man an die tatsächlich Verantwortlichen nicht rankommt.

In Madrid blieben sie vor derartigen Attacken verschont, doch vermutlich nur, weil die lange Krise den Immobilienmarkt in einer Art Dauerschlaf eingelullt hatte. Einen Schlaf, aus dem die Branche langsam aber sicher zu erwachen scheint. Und dann ist in Malasaña und Triball das Programm Prenzlauer Berg angesagt. Der Grundstein ist bereits gelegt, in der Corredera Baja de San Pablo oder in der Calle de la Ballesta wimmelt es nur so vor Vintageläden und Retro-Designern. Die Mieten und Immobilienpreise ziehen an. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis das charakteristische, kunterbunte Gewusel des Stadtviertels verschwindet und von seltsam gleichartigen Individualisten verdrängt wird. Das Stadtteiloriginal wird ratzfatz weggemobbt und nach und nach verschwinden auch die älteren und ärmeren Bewohner des Viertels. So wird es sein, so war es bis jetzt immer. Die Hipster sind dafür nicht verantwortlich, sie sind sind nur die Agenten des Wandels.

Also bitte keine faulen Eier auf Pop-Up-Stores werfen, sondern sich die Mühe machen, im Internet zu recherchieren und die zuständigen Immobilienhaie traktieren. Wird vermutlich auch nicht viel helfen, aber wenigstens muss man keine armen Hipster erschrecken. Die sind nämlich schon gestresst genug, denn bald werden sie von einem neuen Modephänomen hinweggespült werden: Normcore. Dahinter verbirgt sich eine Mischung aus Normal und Hardcore, die aus New York kommend bereits am Trendfirmament erscheint. Von einer erfindungsreichen Werbeagentur als "Freiheit vom Besonderen" definiert, wird sogar von weißen Tennissocken in Lederschuhen gemunkelt. Wie viele von den Hipsters den Sprung in diese Normalität wohl schaffen? Man möchte nicht in ihrer Haut stecken....

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