Die kritische Masse

von Thomas Büser

Die kritische Masse Cola Primark

Wie viele Touristen sind gut für eine Stadt? In Madrid will man mehr um jeden Preis.

Für Spanien war der Tourismus schon immer eine Art goldenes Kalb, ein Eckpfeiler der Ökonomie. Und inmitten einer der schwersten Krisen des Landes war er in den letzten Jahren ein Wirtschaftssektor, der unbeirrt einen Rekord nach dem anderen brach. Egal ob in Andalusien oder am Mittelmeer: überall historische Höchstwerte. Strände proppenvoll, Hotels restlos ausgebucht. Nur in der Hauptstadt schwächelten die Zahlen und haben sich erst in diesem Jahr wieder leicht erholt. Teils hysterische Reaktionen der Lokalpresse waren die Folge, und nahmen die madrilenische Tourismuskrise zum Anlass, mit der ungeliebten Stadtregierung unter Bürgermeisterin Ana Botella abzurechnen. Die linksliberale El País titelte in apokalyptischen Tönen: "Madrid ist kein Reiseziel mehr". In El Mundo war zu lesen: "Die Marke Madrid bröckelt". Dabei gingen die Diagnosen in alle nur denkbare Richtungen, von zu wenig Goya, über zu wenig Shopping bis hin zu rigiden Sperrstunden der Straßencafés. Es wäre sicher viel einfacher gewesen, einfach zuzugeben, dass wir alle nicht so genau wissen, warum In- und Ausländer plötzlich einen Bogen um Madrid machten. Doch noch viel erstaunlicher: kein einziger kritischer Kommentar, der dieses aussschließlich auf Masse ausgerichtete Tourismusmodell in Frage stellte.

Was es bedeutet, wenn in einer Stadt sämtliche Besucherrekorde gebrochen werden, konnte ich diesen Sommer in Berlin erleben. Natürlich ist die Stadt groß genug, um sich seine eigenen Schleichwege zu suchen. Aber das Gefühl der Überfüllung wurde ich nicht los, sobald ich mich dem Distrikt Mitte näherte. Und noch dazu der Eindruck einer ganz auf die Reiseindustrie ausgerichteten Infrastruktur. Englisch als Pflichtsprache in allen Bars und Geschäften des Prenzlauer Bergs. Friedrichshain vollkommen okkupiert von zahlungskräftigen und geklonten Hipstern. Einheimische an den Stadtrand weggentrifiziert. Der Lauf der Dinge eben, aber so werden Städte austauschbar und gesichtslos. Da helfen auch keine NS-Geschichtsgruseltouren. Die einstige Einzigartigkeit ist im Begriff zu verschwinden.

Anderes Beispiel: Barcelona. Es liegt mir fern, die viel strapazierte Städterivalität mit Madrid wieder aufzuköcheln. Die katalanische Hauptstadt ist und bleibt eine interessante Metropole - auch wenn verdächtig oft Gaudí, Dalí und nicht viel mehr hoch- und runtergejubelt werden. Umso vielsagender der unverhohlene Neid, mit dem die madrilenische Tourismuswelt auf die katalanische Konkurrenz blickte, die von Besucherrekord zu Besucherrekord eilte. Doch der Neid benebelt in der Regel den klaren Verstand. Kein Wunder also, dass die Schlussfolgerungen der Verwantwortlichen in Madrid oberflächlich und ideenlos waren. Mehr Einkaufszentren, mehr Straßencafés, das übliche eben. Dabei wurde eine wichtige Frage überhaupt nicht gestellt: Brauchen wir wirklich eine touristische Vermassung? Laufen wir nicht einem absurden Ideal nach, das jeglichen Erfolg umgehend auffrisst? Auch hier wieder Fallbeispiel Barcelona: im Jahr 2013 brach die Stadt mit ca. 7,5 Millionen Besuchern alle Rekorde. Die Einnahmen sprudeln, Hotels und Gastronomie reiben sich die Hände. Doch kurioserweise reißen in den letzten Jahren auch die Proteste der einheimischen Bevölkerung nicht ab. Der Sauf- und Pöbeltourismus in Altstadtvierteln wie der Barceloneta treibt Anwohner regelmäßig auf die Straße. Im Stadtzentrum sind Wohnungen nahezu vollständig vom Mietmarkt verschwunden, denn sie werden immer mehr in Kooperation mit Plattformen wie Airbnb in Ferienwohnungen umgewandelt. Für den Alltag so essentielle Orte wie der Markt sind nur noch im Gänsemarsch zu erreichen. Im Klartext: die Spezies Einheimische hat in solch einer Welt allenfalls noch als Kellner oder Hotelrezeptionist einen Platz.

An sozialen Problemen besteht natürlich auch in Madrid kein Mangel. Aber zum Glück konzentrieren sich die Touristenmassen an einigen wenigen neuralgischen Punkten wie auf der Plaza Mayor oder vor dem Museo del Prado. Im Rest der Stadt gehen sie im Strom der Einheimischen unter. Ich kann durch die Gassen in Malasaña oder Chueca spazieren und habe nicht das Gefühl, durch einen Themenpark zu latschen. Ich kann im Retiro oder am Fluss joggen und werde nicht von fotografierenden Reisegruppen gebremst. Selbst im verwinkelt-romantischen Habsburgerviertel stolpert man von einem verschwiegenen Eck ins nächste. Madrid hat natürlich seine stressigen Seiten, aber das ist der hausgemachte Stress einer Millionenmetropole. Er ist authentisch. Bleibt also nur zu hoffen, dass das Ziel, die Stadt zum neuen südeuropäischen Mekka des Shopping- Tourismus zu machen, gründlich verfehlt wird. Ana Botella hat in ihren letzten Regierungsmonaten besorgniserregende Schritte in diese Richtung unternommen. Architektonische Ikonen wie das Edificio España an der Plaza de España oder der eklektizistische Palacio de la Equitativa an der Plaza de Canalejas mitten im historischen Zentrum der Stadt werden bereits in gigantische Shopping-Malls umgewandelt. Auch an der Flusspromenade Madrid Río im Rücken des angesagten Kulturzentrums Matadero wird, übrigens gegen den Willen fast der gesamten Anwohnerschaft, ein gigantisches Einkaufszentrum aus dem Boden gestampft. Die Wirtschaftskrise hatte derartige Spekulationsobjekte fast sieben Jahre lang in die Planungsschubladen verbannt. Aber jetzt ist die hässliche Fratze der turbokapitalistischen Stadtplanung wieder da. Bleibt nur zu hoffen, dass die neue Links- Regierung unter Bürgermeisterin Manuela Carmena Mittel und Wege findet, diese Tendenz umzukehren. Ein Madrid für die Bürger und nicht für Spekulanten und obsessive Personal-Shopper.

Bei meinen Stadtführungen stelle ich übrigens immer wieder fest, dass auch der gute alte Kulturtourist nach wie vor existiert. Und genau diese liebenswerte Klientel macht in der Regel einen weiten Bogen um jeglichen Konsumtrubel. Und noch ein weiterer Hoffnungsschimmer: in Barcelona hat die neue Stadtregierung vor kurzem die Neuvergabe von Lizenzen an Hotels gestoppt. Der Massentourismus frisst eben seine Kinder. Zum Glück gibt es Politiker und Stadtplaner, die dies erkennen und die auch dementsprechend handeln.

Zurück