Der katalanische Herbst II

von Thomas Büser

Der katalanische Herbst

Die Revolte der katalanischen Separatisten treibt Spanien in eine Zerreißprobe - und einige buchstäblich in den Wahnsinn. Ein Krisen-Tagebuch.

Montag, 9. Oktober
Die Verteidigungslinie der katalanischen Nationalisten steht. Das Projekt "Umdeutung der gestrigen Demonstration" läuft auf Hochtouren. Die zahlreichen Großbusse aus Spanien sind der Beleg für eine fremdgesteuerte, also nicht katalanische Demonstration. Auch die Präsenz von mehreren tausend Franco-Anhängern in einer separaten Kundgebung wird fleißig zur Diskreditierung der anderen 400.000 Teilnehmer benutzt. Das ganze findet sogar den Weg in die europäische Presse. Dem Spiegel von heute waren die Altfaschisten ebenso viel Erwähnung wert, wie die Protestaktion überhaupt. Dermaßen kritisch hinterfragt wurde der chavistische Hintergrund vieler Teilnehmer der separatistischen Demos der letzten Wochen nie. Dumm nur, dass noch am selben Nachmittag sorgfältigere Journalisten wieder mal einen Betrug bei Twitter aufdeckten: das auch vom Spiegel kolportierte Foto eines Demonstranten mit Franco-Flagge stammt von einer anderen Demonstration, die nichts mit der gestrigen zu tun hatte. Die sozialen Netzwerke entwicklen sich wirklich zur sozialen Pest unserer Generation. Nach wie vor auch kein Wort bei Spiegel, Deutsche Welle etc. zu den systematischen Beleidigungen und Diffamierungen spanischer Journalisten, die sogar schon von der Organisation "Reporter ohne Grenzen" ktitisiert wurde. So viel zum Thema Solidarität unter Kollegen.
Wer gestern Abend nach der unionistischen Großkundgebung noch geglaubt hatte, dass Puigdemont in letzter Sekunde vor der Unabhänigkeitserklárung zurückschrecken würde, der wurde heute eines besseren belehrt. Kein Rückzieher in Sicht. Ganz im Gegenteil: Die zivilgesellschaftlichen Stoßtruppen des Katalanismus, die Asamblea Nacional Catalana (ANC) und Ómnium haben für morgen Nachmittag um 18 Uhr eine Demonstratioen vor dem katalanischen Parlament anberaumt. Genau zum selben Zeitpunkt, zu dem der katalanische Regierungschef in seiner "Erklärung zur Lage der Nation" vermutlich die Trennung von Spanien proklamiert. Tut er es, stehen die Hilfstruppen vor dem Gebäude bereit, um sich jeglichem Einschreiten der spanischen Polizei wie ein einziger Volkskörper in den Weg zu werfen. Tut er es nicht, droht Puigdermont neben dem Geschrei im Parlament dann auch noch die verbale Lynchjustiz unter freiem Himmel.
Mein Freund José Luis, Notar und Mitglied des Madrider Notarverbandes, greift die Verschwörungstheorien auf, die sofort im Internet zirkulieren. Die Uhrzeit der Demo lasse vermuten, dass die DUI eine ausgemachte Sache sei. Ob José Luis mit dieser Theorie Recht hat, werden wir morgen Nachmittag sehen.
Unterdessen gehe ich mental nochmals die Namen aller katalanischer Künstler durch, die mich in meinem Leben unterhalten und gefesselt haben. Da ist der Kunsthistoriker Eugenio d´Ors, der noch in der Franco-Ära sein Werk "Drei Stunden im Prado-Museum" publizierte, der unterhaltsamste Kunstführer durch die endlosen Weiten dieser Sammlung. Da ist der leider viel zu früh verstorbene Terenci Moix, der in den neunziger Jahren mit seiner Trilogie über verrückte und lüsterne Millionärinnen das Madrid der demokratischen und ultrakapitalistischen Umbruchsphase nach dem Eintritt in die EU karikierte. Und da isty selbstverständlich der geniale Manuel Vázquez Montalbán, der mit seiner Krimiserie um den Titelhelden Pepe Carvalho ein Genre im Genre begründete: das des misanthropischen Detektivs. Und viele viele mehr. Die Liste ist endlos. Und all diese Männer waren in unterschiedlicher Ausprägung Spanier und Katalanen zugleich. Unmöglich, diese beiden Facetten voneinander zu trennen. Das, was zur Zeit von etlichen Politfanatikern betrieben wird, ist nichts anderes als eine Selbstzerfleischung.

Dienstag, 10 Oktober
Der Autor Vicente Molina Foix spricht über seinen neu erschienenen Roman. Eine Art Rückblick auf die sechziger Jahre und seine literarische Initiation innerhalb einer Gruppe junger katalanischer Autoren, die bald darauf eine wichtige Rolle in der spanischen Literatur spielen sollten: Terenci Moix, Ana María Moix, Pere Gimferrer. Die sechziger Jahre unter Franco. Eine bleierne Zeit. Aber trotzdem eine Zeit, in der vom Nordosten her eine leichte Brise der Erneuerung in den Rest des Landes wehte. Welcher Wind weht dagegen heute?
Einer meiner Lieblingsromane der modernen spanischen Literatur: "Letzte Tage mit Teresa", ebenfalls von einem katalanischen Autor in spanischer Sprache: Juan Marsé. In den sechziger Jahren verfasst, spricht der Text über eine vollkommen ungleiche Liebesbeziehung zwischen einem Unterschichtsbengel mit Gitano-Hintergrund und Teresa, einer jungen Studentin aus gutem Hause. Und Katalonien als Motor der Erneuerung, ein Ort, an den die Jugendrevolten der europäischen Nachbarländer zumindest einen leichten Nachklang finden.
All diese Gefühle sind heute wie weggeblasen, und auch wenn es einen spanischen Nationalismus um die korrupte PP gibt, sind die katalanischen Nationalisten die Hauptschuldigen daran. Nicht die Ablehnung des Zapatero-Statuts durch das Verfassungsgericht 2011 und auch nicht die Passivität. Viel schlimmer als all dies ist die jahrelange Lügenkampagne in den katalanischen Medien rund um Catalunya Radio und den Fernsehsender TV3. Epizentrum des medialen Katalanismus. Von hier aus wurde die systematische Gehirnwäsche betrieben, die Teile der katalanischen Bevölkerung reif machte für das Motto "Weg von Spanien". Staatsfernsehen nahezu im Stile einer Diktatur, nur mit gekegentlichem Widerspruch von seiten konstitutioneller Kommentaristen als dekoratives Element, stets aber in krasser Minderheit.
"Spanien bestiehlt uns" und "Ohne uns wäre Spanien nichts". Zwei der gebetsmühlenartig wiederholten Thesen. Und? Am Ende ist das alles nichts anderes als eine unverschämte Lüge. Zahlt Katalonien am meisten in den spanischen Länderfinanzausgleich? Nein. Es ist seit Jahren schon die autonome Region Madrid, mit weitem Abstand vor dem Nordosten. Ist Katalonien der ökonomische Motor Spaniens? Es ist einer der Motoren, aber schon in den letzten Jahren war es ein knappes Rennen gegen Madrid. Und jetzt, nach dem Wegzug etlicher Firmen, ist die Region laut einer von der EU-Kommission für korrekt befundenen Studie der Brüsseler Business-Schule Vlerick in Punkto BIP hinter Madrid zurückgefallen. Genauer gesagt: Katalonien trägt nur noch 18,6% zun nationalen BIP bei, Madrid jedoch 19,0%.
Im Endeffekt ist das aber egal, denn dem Nationalismus geht es nicht um Fakten. Er ist schon lange zu einer messianischen Erweckungsbewegung mutiert, der seine Kraft aus einer mutmaßlichen Unterdrückung zieht. Und diese Unterdrückung muss mit Methoden der Straßenguerrilla immer wieder aufs neue provoziert werden. So lange, bis der spanische Staat die Nerven verliert und losknüppelt. Europa und seine Institutionen sind jetzt plötzlich ein wichtiger Player in diesem Spiel. Zieht die europäische Linke mit, und das tut sie zum Teil, dann mischt sie sich in das spanische Chaos ein und ergreift Partei für die Unterdrückten. Das ungefähr ist das Kalkül, und so steht es in dem streng vertraulichen Papier der katalanischen Regierung, das der Guardia Civil gestern in die Hände fiel.
Gegen 20 Uhr dann die Nicht-Unabhängigkeitserklärung Puigdemonts. Das Drama wird nun definitiv zur Komödie. Die Menschenmenge vor dem Parlament jubelt zuerst, weil der Präsident die katalanische Republik proklamiert. Als er aber im nächsten Satz verkündet  die Unabhängigkeit werde bis auf weiteres ausgesetzt, gibt es wütende, verzweifelte Buhrufe. Was steckt hinter diesem Possenspiel? Hat die bürgerliche PdCat die Hosen voll wegen der vielen Unternehmensabgänge? Oder haben einige der führenden Köpfe der Separatisten doch in letzter Sekunde Angst vor einer möglichen Haftstrafe? Und wieder der Ruf nach europäischer Vermittlung. Denkt man in Barcelona wirklich, der ganze Kontinent drehe sich nur um die katalanischen Befindlichkeiten?

Mittwoch, 11. Oktober
Kein Zweifel, dass die Unabhängigkeit für viele Katalanen eine reine Herzensangelegenheit ist. Die Bilder der maßlosen Enttäuschung nach Puigdemonts Rückzieher in letzter Sekunde sprachen Bände. Emotionen, die durch einen sorgfältig gepflegten Opferdiskurs genährt wurden. Im Unterschied zu zahlreichen anderen Unabhängigkeitsbewegungen greift der katalanische Separatismus nicht auf einen glorreichen Sieg, sondern auf eine schmachvolle Niederlage zurück. Das entscheidende Datum: der 11.9.1714. An diesem Tag wurde Barcelona von bourbonischen Truppen nach langer Belagerung sturmreif geschossen und erobert. Den historischen Hintergrund bildete der Spanische Erbfolgekrieg (1701-1714), der zwischen den europäischen Großmächten nach dem buchstäblichen Aussterben der spanischen Habsburger ausgebrochen war. Sowohl die französischen Bourbonen als auch die österreichischen Habsburger ( u.a.unterstützt von England und den Niederlanden) machten Ansprüche auf den iberischen Thron geltend. Katalonien schlug sich schnell auf die Seite der Habsburger. Zu frisch war die Erinnerung an den Abspaltungsversuch von Spanien im Jahre 1640, als man Hilfe bei den französischen Nachbarn suchte - und bitter enttäuscht wurde. Zwar rückten die Truppen Ludwigs XIV in Barcelona ein. Doch ganz im Stil des bourbonischen Zentralismus im Frankreich des Sonnenkönigs hatten die Befreier nichts Besseres zu tun, als sofort alle katalanischen Vorrechte abzuschaffen. Privilegien, die unter dem Namen "katalanische Verfassung" bekannt waren und von den spanischen Habsburgern zumindest formell akzeptiert worden waren. Diese Verfassung besagte unter anderem, dass nur die katalanische Ständeversammlung (Cortes) Gesetze beschließen durfte. Natürlich waren aber auch die Habsburger absolutistische Herrscher, unter denen die katalanischen Cortes, ebenso wie die von Valencia und Aragón kaum mehr als akklamatorischen Charakter besaßen. Aber wenigstens respektierten die Habsburger die Formalitäten, was den Bourbonen völlig schnuppe war.
Deshalb also die katalanische Parteinahme für die österreichische Partei während des langen Waffengangs zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Diie falsche Entscheidung, wie sich dann am 11.9.1714 herausstellte. Mit der Bombardierung Barcelonas fielen nicht nur alte Prärogative, sondern auch alle partikulären Institutionen in den aufrührerischen Provinzen. Man muss den Plural verwenden, denn die vom ersten spanischen Bourbonen Philipp V. verkündeten "Decretos de Nueva Planta" betrafen nicht nur das Fürstentum Katalonien, sondern auch die Königreiche Valencia, Mallorca und Aragón - allesamt zusammengefasst in der Krone von Aragón. Die Moral aus dieser kleinen Geschichtslektion: Nur in Katalonien wurde aus diesem historischen Ereignis ein negativer Gründungsmythos einer unterdrückten Nation. Im Selbstverständnis der anderen "unterdrückten Nationen" auf der iberischen Halbinsel spielt dieses Ereignis kaum eine wichtige Rolle.

Donnerstag, 12. Oktober
Spanischer Nationalfeiertag. Gedenken an Kolumbus´ Amerikafahrt 1492. Große Militärparade auf der monumentalen Madrider Nord-Süd-Achse Paseo de la Castellana. Armeeeinheiten, Fremdenlegion, Guardia Civil etc. defilieren an der Königsloge vorbei, werden von der Menschenmenge noch demonstrativer bejubelt als in anderen Jahren. Dieses Jahr offenbar Großaufgebot an Ehrengästen. Der anschließende Empfang mit Handkuss im Palacio Real soll mehr als zwei Stunden dauern. Vielleicht macht Königin Leticia deshalb schon bei der Militärparade ein verkniffenes Gesicht. Offenbar auch wieder Großdemonstration mit spanischen Flaggen in Barcelona, angeführt von Spitzenpolitikern der konservativen PP und der liberalen Ciudadanos.  
Die Titelseite des französischen Satiremagazins "Charlie Hebdo" macht überall die Runde. Es zeigt in Anspielung auf die korsischen Separatisten drei vermummte Terroristen, die eine demokratische Diskussion verlangen. Der Slogan auf der Titelseite: Offiziell bestätigt: Die Katalanen sind noch viel dümmer als die Korsen. Im Artikel selbst wird der Ton ernster: "Der katalanische Separatismus hat in Teilen der europäischen Linken eine absurde Bewunderung geweckt, doch sind diese sich nicht der Tatsache bewusst, dass sich hinter solch hochtrabenden Begriffen wie Unabhängigkeit oft weitaus weniger noble Motive verbergen. (...) Genau wie im Fall der Liga Norte in Italien sind es in den meisten Fällen die reichsten Regionen, die nach Unabhängigkeit rufen. (...) Man glaubt fast, die Stimme der hassenswerten Margaret Thatcher zu hören, die ständig ihr Geld zurückverlangte. (...) Über welches tragische Schicksal beklagen sich die Katalanen heute? (...) Die katalanische Unabhängigkeit kann nicht das Ziel haben, die Region von einer Tyrannei zu befreien, denn diese existiert nicht mehr. Auch eine prosperierende Wirtschaft kann nicht das Ziel sein, denn der katalanischen Ökonomie geht es verhältnismäßig gut, und ebenso wenig eine Sprache, deren Benutzung schon seit langer Zeit genehmigt ist. (...) Die identitäre Obsession, die sich wie ein Schimmelpilz in Europa ausbreitet, hat sich in der Rechten. aber auch in Teilen der Linken festgesetzt. Denn der rechte und der linke Nationalismus haben vor allem eines gemeinsam: den Nationalismus. (...) Die hysterische Krise des katalanischen Separatismus mit seinem Operettenplebiszit hat allen möglichen ranzigen Nationalismen neuen Auftrieb verschafft. (...) Fast alle teilen sie eine absurde Logik: jeder Sprache ihr eigener Staat. Warum also nicht 200 neue Staaten für 200 Sprachen gründen? Oder warum nich so viele Unabhängigkeitserklärungen wie Käse- oder Weinsorten?
Während sich der größte Teil der französischen Presse ganz klar gegen den katalanischen Separatismus positioniert (auch die linke Libération geizte in den letzten Wochen nicht mit scharfer Kritik), muss ich in der deutschen Berichterstattung weiter Verstörendes lesen. Unter dem Titel "Spanier haben keine Kommunikationskultur" übt die offenbar in Madrid lebende Deutsche Welle-Korrespondentin Stefanie Claudia Müller zunächst Kritik an der Unfähigkeit der streitenden Parteien, sich an einen Tisch zu setzen. So weit so gut. Vor allem Ministerpräsident Rajoy glänzt ja nun wirklich nicht durch eine expansive Verhandlungspolitik. Und auch die mehr als ein halbes Jahr andauernde Hängepartie nach Wahlen und Neuwahlen war kein Meisterstück politischer Kompromissfindung. Doch Müller bleibt nicht auf der politischen Ebene. Sie führt diese fehlende Kommunikationsfähigkeit nicht mehr und nicht weniger als auf die Erziehung zurück. Schon von Kindesbeinen an, so Müller, wüchsen die Spanier mit der Gewissheit auf, dass Lügen nicht schlimm seien. So werde ihnen Scheinheiligkeit antrainiert. Und überhaupt: Die Spanier verstünden sich häufig selbst nicht. Upps. Ich musste erst mal kurz überlegen, woher ich diese Mischung aus Bitternis und moralischer Überlegenheit kenne. Dann kam ich darauf: aus Expat-Treffen karrieregeiler Ausländer, die die meiste Zeit nichts anderes zu tun haben, als über das rückständige Gastland und seine Gepflogenheiten herzuziehen. Vielleicht spielen in einigen Fällen auch persönliche Enttäuschungen eine Rolle, die dann verallgemeinert werden. Genau das stört mich an Frau Müllers Breitseite gegen die persönliche Integrität der Spanier - denn nichts anderes ist es, wenn man jemanden als kommunikationsunfähig, verlogen und scheinheilig bezeichnet. Man muss die neue Wahlheimat nicht unreflektiert super finden. Das Paradies auf Erden existiert nicht, und hinter jeder Illusion steckt natürlich auch eine Realität. Aber unreflektiert gehässig mit der Deutschen Welle als Podium ist dann doch ein bisschen zu viel. Ich persönlich kenne in meinem spanischen Umfeld niemanden, der seine Kinder zum Lügen erzieht. Mit den meisten meiner Freunde kann ich auch offen über Probleme sprechen, und auch wenn unsere Gespräche - anders als bei vielen Deutschen über 40 - nicht um persönliche Dauerkrisen kreisen, kommen trotzdem auch ernste Dinge zur Sprache. Aber damit sind wir wieder auf dem Niveau persönlicher Erfahrungen, die der eine macht, der andere aber nicht. Ich widerstehe also dem ersten Impuls, Frau Müller eine Mail zu schreiben. Ich habe dies in den letzten Wochen schon mehrmals getan, um auf meiner Ansicht nach unqualifizierte Bemerkungen eines deutschen SPD-Abgeordneten und eines Spiegel-Journalisten zu antworten. Es kam sogar - alle Achtung! - ein Feedback. Aber ich muss aufhören, zum Troll zu mutieren. Ich muss mich schlicht und einfach mit der Tatsache abfinden, dass große Teile der politischen und journalistischen Elite in Deutschland wirklich nicht auf der Höhe sind und die europäische Dimension des Separatismus kleinreden oder nicht erfassen. Spekulationen über die Gründe dafur reiche ich an einer anderen Stelle nach.

Freitag, 13. Oktober
Warten auf die Antwort von Puigdemont auf das Ultimatum der Regierung. Bis jetzt nur geschwurbeltes Um-den-heißen-Brei-Herumgerede. Die Linksradikalen drängen auf eine definitive Ausrufung der Republik, ebenso die Republikaner. Unterdessen machen finstere Gerüchte die Runde. Aus madrilenischen und katalanischen Notariatskreisen ist zu erfahren, dass die Separatisten vermutlich mehrere Milliarden Euro auf Schwarzkonten in Andorra gebunkert hätten, um im Falle einer Unabhängigkeit zwei Jahre überleben zu können. Das Geld stamme wahrscheinlich aus den illegialen Provisionen von 3%, die die nationalistische Regierung unter Puigdemont-Vorgänger Artur Más von Firmen bei öffentlichen Aufträgen kassiert haben solle und die seit geraumer Zeit im Fokus der Justiz stehen.
Warten, warten, warten. Die Lieblingsbeschäftigung des spanischen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy. Sein immenses Kommunikationstalent (Sarkasmus!) und sein endloses Abwarten seit seinem Regierungsantritt im Jahre 2011 haben wesentlich dazu beigetragen, den Katalonien-Konflikt zu dem zu machen, was er heute ist: eine existentielle Bedrohung für den Zusammenhalt des spanischen Staates und eventuell auch für das Projekt Europa. Rajoy hat sich nicht mit der katalanischen Seite zusammengesetzt, als dies noch ohne Gesichtsverlust möglich war. Hatte die lange Passivität den Zweck, die Angelegenheit auf einen offenen Zusammenstoß zutreiben zu lassen, um den rechten Rand der eigenen Wählerschaft zu motivieren? Oder um von den ständigen Korruptionsskandalen in seiner Partei abzulenken? Verschwörungstheoretiker behaupten dies. Auch auf der anderen Seite ist das Ablenkungsmanöver voll gelungen, siehe die 3%-Provisionen, über die nun niemand mehr spricht. Mit etwas Sarkasmus ließe sich sagen, Rajoy ist genau der falsche Mann zur falschen Zeit. In einem Moment, in dem Kommunikationstalent und Verhandlungsgeschick erforderlich sind, wird die spanische Regierung von einer Art Enigma regiert, das nie Klartext spricht und nur ungern vor die Presse tritt. Stellen Sie sich so jemanden mal an einem Runden Tisch mit internationalen Vermittlern vor....
Unterdessen wächst die Kritik der internationalen Journalistenorganisation "Reporteros sin fronteras" am Druck auf die neutrale Berichterstattung von seiten der katalanischen Separatisten. Unter dem Hashtag #RespectPressCat hat sich mittlerweile ein beeindruckendes Arsenal an Zwischenfällen angesammelt, die in krassem Gegensatz zum  separatistischen Credo der freien Meinungsäußerung stehen. In ihrem heute publizierten Bericht spricht die NGO von Cyber-Mobbing und virtueller Lynchjustiz gegen spanische, katalanische und internationale Journalisten, die nicht bereit sind, die offizielle Lesart der katalanischen Nationalisten zu verbreiten. Weiter heißt es in der Publikation, dass diese gezielten Troll-Attacken von allerhöchster Stelle gesteuert würden, einen Vorwurf, den "Reporteros sin fronteras" mit zahlreichen Beispielen untermauert. Schlussfolgerung: Die katalanischen Regierung verfolge die freie Berichterstattung mit ähnlicher Aggressivität wie die Trump-Regierung in den USA. In der deutschen Presse wie immer Fehlanzeige. Kein Wort zu diesem Thema. Passt wohl nicht in die politisch korrekte Presselandschaft. Solidarität mit Journalisten aus anderen Ländern wie z.B. Spanien ebenfalls Fehlanzeige.

Sonntag, 15. Oktober
Zum ersten Mal seit mehr als einem Monat war an diesem Wochenende Durchatmen angesagt. Auch in den Medien. Man widmet sich jetzt auch anderen, dringenden Problemen und nicht mehr nur der katalanischen Krise. Da ist vor allem die Dürre zu nennen, die uns schon seit mehreren Monaten heimsucht. Waldbrände über Waldbrände in Galicien, der Provinz im Nordwesten Spaniens. Auch in Madrid rücken erste Wasserrationierungen für Anfang 2018 in den Bereich des Möglichen. Kein einziger Tropfen Regen im September und bis jetzt auch nicht im Oktober wecken die schlimmsten Befürchtungen. Dazu noch alle nur denkbaren Hitzerekorde. Gestern, am 14. Oktober, 31 Grad. 
Die gute Seite an der Angelegenheit sind die vollen Straßencafés. Die Madrilenen scheinen in diesen Wochen mal wieder kein Zuhause zu haben. Die Straßen und Plätze sind ein Spektakel aus laut schreienden Großfamilien und Freundescliquen. Ich treffe mich mit meinen Freunden Esther und Carlos, beide Psychiater, um einen Wermuth zu trinken und dann etwas essen zu gehen. Während Esthers achtjähriger Sohn Victor geduldig in einem Asterix-Comic liest, bricht am Nebentisch Unruhe aus, denn zwei junge Guardia Civil-Polizisten setzen sich zu ihren Familien. Die hellgrüne Uniform mit der dreieckigen Kopfbedeckung ist normalerweise nur vor öffentlichen Gebäuden zu sehen, nicht aber in einer Bar oder in einem Straßencafé. Carlos bemerkt süffisant, die Guardia Civiles erlebten inmitten der patriotischen Euphorie gerade ihr Coming Out. Obwohl wir selten über Politik sprechen, kommt das Thema Katalonien in diesem Moment natürlich zur Sprache. Esther, deren Familie den Terror im Baskenland miterleben musste, fühlt sich weder durch die spanischen Konservativen noch durch die katalanischen Separatisten repräsentiert. Das, was vielen eher der Linken zugeneigten Spaniern in diesen Wochen passiert. Sie sitzen zwischen allen Stühlen, identifizieren sich mit keiner der beiden streitenden Seiten. Charakteristisch für gebildete Menschen, die zurecht einfachen Lösungen misstrauen. Typisch aber auch für einen Großteil der Linken, die keinerlei positiven Bezug zu ihrem Heimatland findet. Dafür kommen nur die Gastronomie und die Landschaft in Frage. Auf politischer, sozialer und ökonomischer Ebene wird das eigene Land als eine Geschichte des Scheiterns interpretiert. Der einstige Stolz auf die Verfassung von 1978 und die damit verbundene, friedliche Überwindung der Franco-Diktatur ist lange verfolgen, unter Tonnen an Krisenjahren und Korruptionsskandalen begraben. 
Man darf gespannt sein, ob das Gremium zur Verfassungsreform, das die Sozialisten der Rajoy-Regierung abgerungen haben, etwas Brauchbares auf den Weg bringt. Skepsis ist angesagt, denn der Chef der sozialistischen PSOE, Pedro Sánchez übte sich bereits in Inkohärenz. Die Verfassung solle angepasst werden, man werde Katalonien entgegenkommen, seine Integration in den spanischen Staat erleichtern. Aber für die Aufnahme der Möglichkeit eines einseitigen Referendums in die Verfassung sei er nicht zu haben. Also kein Quebec oder Schottland in Spanien. Was soll dann aber diese pompöse Initiative, wenn sich die Politiker am Ende wieder um die entscheidene Frage drücken?

 

Zurück