Der katalanische Herbst

von Thomas Büser

Der katalanische Herbst

Die Revolte der katalanischen Separatisten treibt Spanien in eine Zerreißprobe - und einige buchstäblich in den Wahnsinn. Ein Krisen-Tagebuch.

Montag. 2. Oktober
Barrio de Salamanca. Das reichste und nobelste Viertel in Madrid. Jahrhundertwendepaläste, Edelboutiquen, der mondäne Retiro-Park. Hochburg der spanischen Konservativen um die regierende Partido Popular (PP). Ich habe gerade eine deutsche Gruppe verabschiedet und schlendere noch ein bisschen durch die Straßen. Aber egal wo: auf der riesigen Calle Velázquez oder in den Seitenstraßen Claudio Coello, Villanueva, Lagasca, überall das gleiche Bild: überall spanische Flaggen an den Häusern. Das nie Dagewesene in Madrid. Natürlich weht vor Ministerien oder an neuralgischen Punkten der Hauptstadt die spanische Nationalflagge. Aber an Privathäusern konnte ich in meinen 15 Jahren hier nur selten dieses Abzeichen des spanischen Nationalstolzes sehen. Jetzt also doch: Die spanische Rechte macht mobil, rüstet flaggentechnisch auf. Jetzt ist also auch hier in Madrid der Moment gekommen, den man in Katalonien schon lange beobachten konnte: Wir müssen uns definieren, unsere persönliche Identität der national-patriotischen angleichen. Was ist passiert?
Die ausländische Presse wütet wegen der Polizeiübergriffe vom gestrigen Tag. Entgegen aller Beteuerungen der Regierungsgarde hatte das Referndum zur katalanischen Unabhängigkeit doch stattgefunden. Die spanische Polizei war buchstäblich überrumpelt worden und wurde angesichts der teilweise fast provokativen Passivität der katalanischen Regionalpolizei "Mossos de Esquadra" der Lage nicht mehr Herr. Dann wurde drauf los geprügelt. Anstatt die Wahlfarce einfach laufen zu lassen, stürmten schwerbewaffnete Robocops in die Wahllokale, prügelten, schubsten, warfen Frauen und Gegenstände die Treppe runter. Wilde Proteste der katalanischen Separatisten (aber nur nach außen hin, in Wirklichkeit können sie ihr Glück kaum fassen. Endlich weiß die ganze Welt, wie es im repressiven, spanischen Polizeistaat zugeht. Arme Katalanen). Die europäischen Publikationen überschlagen sich mit Horrornachrichten. Morgen Debatte im Europaparlament.

Dienstag, 3. Oktober
Beim Frühstück, beim Mittagessen, beim Abendessen schreiende Menschen im Fernsehen. Hass quillt ihnen aus allen Poren, während die Politfunktionäre der Separatisten und Barcelonas Bürgermeisterin Ada Colau immer wieder ihre Friedfertigkeit loben. Nach der Gewalt vom Sonntag hat der Hass auf alles Spanische jetzt endlich seine Berechtigung. Hass auf die Guardia Civil, Hass auf Ministerpräsident Rajoy, Hass auf die spanische Flagge, Hass auf die spanische Lügenpresse. Jeder Journalist jedes Senders, egal welcher politischen Ausrichtung, wird an- und zusammengebrüllt. Heute Generalstreik, willkommener Anlass zur Generalmobilmachung. Straßen gesperrt, Läden in der Innenstadt geschlossen. Gewinnsüchtige und nicht streikende Ladenbesitzer riskieren einen Eintrag ins Sündenregister beim linksradikalen Block. Die Gegenseite, der rechte spanische Nationalismus, reagiert plump und unkoordiniert. Hier mal einen katalanischen Fußballspieler anpöbeln, dort eine blöde, patriotische Fußballhymne singen, dann wieder ein Flaschenwurf auf eine linke Politikerin. Die Linken sind ja auch schuld am Separatismus. Alle sind sie schuld, nur nicht diese grenzenlos stupide und in ihrer Stupidität auch noch brutale Regierung. Rajoy, ganz Katasterbeamter, verweist auf die Paragraphen. Tja, mit Hinweis auf die Paragraphen lässt sich eben alles rechtfertigen. Die reichen Rechten in ihren luxussanierten Altbauwohnungen in Velázquez oder Goya beschränken sich, wie eingangs erwähnt, auf den Fahnenschmuck. So dekorativ, die spanische Nationalflagge, mit ihrer Evokation von Licht und Sonne. Oder auch von Blut. Wird Blut fließen, wenn die Unabhängigkeit kommt? Wird die Polizei in Barcelona scharf schießen, wenn der Staatsnotstand ausgerufen wird, wird sie die katalanischen Putschisten aus ihren Amtsstuben schleifen und sich durch einen aufgebrachten Mob durchtanken, wieder mit Prügeln und Gummigeschossen? Die Atmosphäre in Madrid ist gespenstisch in diesen Tagen. Die Leute sehen bedrückt aus, oder bilde ich mir das nur ein? Trotzdem sitzen sie in den Cafés, genießen die sonnigen Spätsommertage, kaufen ein, kleben an den Handys. Während ich an den Luxusboutiquen auf der Calle Serrano vorbeilaufe, bin ich wie so oft in den letzten Tagen desorientiert. Warum gibt es keinen Aufschrei gegen diese korrupte, unfähige Regierung? Wo bleiben die madrilenischen Massendemos, wenn man sie braucht?  Wieso keine Kundgebung für die spanische Einheit und gegen Polizeigewalt? Keiner meiner Freunde äußert sich, niemand will reden, alle sind sie müde. Quälend zäh das katalanische Problem. Seit vielen, vielen Jahren schon. Entweder ihnen ist ihr eigenes Land völlig egal oder sie stimmen stillschweigend überein mit der Regierung.

Mittwoch, 4. Oktober
Oktober und immer noch 32 Grad. Der Sommer, der nie endet. Nach diversen Arztterminen treffe ich mich dann mit Miguel, Architekt im Innenministerium. Leider weiß er nichts über den fatalen Polizeieinsatz vom Sonntag. Aber er sagt mir, die Polizisten von Nationalpolizei und Guardia Civil seien stinksauer, fühlen sich von den katalanischen Mossos verraten. Die Zahlen der Generalitat (der katalanischen Regierung) erstunken und erlogen. 900 Verletzte? Es habe genau 2 Anzeigen gegeben. Der Rest kleine Kratzer. Na gut, im Propagandakrieg sind eben alle Mittel erlaubt. Hauptsache, der Konflikt wird ins Euopaparlament getragen. Während in Brüssel und Luxemburg die Propagandaschlacht tobt, schweigt die Regierung in Madrid. Tut sie eigentlich etwas anderes? Wollte Rajoy nicht alle Parteien zu einem Treffen zusammenbringen? Der Katasterbeamte glänzt mal wieder durch Mut und Initiative. Immerhin hängen an Miguels Balkon eine katalanische und eine spanische Flagge. Wenigstens ein kleines Zeichen in Zeiten der bedingungslos sich ausschließenden Identitäten. Ein anderer Freund schickt mir am Nachmittag ein Whattsapp mit einem patriotischen Video zu Spanien. Landschaften, autonome Regionen, kulinarische Spezialitäten, Kunst, Architektur. Alles im Stil eines Werbevideos für das staatliche Tourismusbüro. Überall verzweifelte Versuche, sich der eigenen Identität zu versichern. Später am Abend erreichen mich zwei Aufrufe zu Demonstrationen. Eine mit dem Titel "Spanien wird nicht zerstört", eindeutig rechts vom Zentrum. Die andere eine Kundgebung für den Dialog und gegen die Manipulation durch die Politik. Hört sich interessanter ein. Offenbar kommt Bewegung in die Lethargie der stillen Mehrheit. Währenddessen zögert die katalanische Regierung die unilaterale Unabhängigkeitserklärung weiter hinaus. Nervenkrieg. Plötzlich werden alle zu Rechtsexperten. Der ominöse Artikel 155 ist in aller Munde. Auflösung der katalanischen Autonomie. Aber niemand weiß so richtig, wie das funktionieren soll. Darüber schweigt sich die Allzweckwaffe im spanischen Gesetzbuch aus. Politik im Stil eines Fußballspiels. Den Nicht-Separatisten, die auf den Straßen Barcelonas tagtächlich Hassattacken ausgesetzt sind, hilft das nicht weiter. Emotionaler Artikel der Filmemacherin Isabel Coixet. Kritisch gegenüber Rajoy, aber auch kritisch gegenüber den Separatisten. Letzteres wird ihr nicht verziehen. Die "Faschistin"-Rufe fanatisierter Jugendgangs vor ihrer Haustür sind das morgendliche Ritual. Was bleibt? Auswandern? Unsichtbar werden? Der blanke Hohn, wenn in der deutschen Presse der friedliche Charakter der Proteste betont wird. Die Gewalt läuft subtiler und wesentlich effizienter ab, wie man an diesem Beispiel sieht.

Donnerstag, 5. Oktober
Jeder Tag bringt neue Wendungen, wie in einem vorrevolutionären Oktober. Niemand weiß, was uns bevorsteht. Kommt die einseitige Unabhängigkeit oder gibt es davor noch einen erbitterten Machtkampf unter den Separatisten? Ruft die Regierung den Notstand aus oder wartet sie auf die Selbstzerfleischung der Gegenseite? Große Neuigkeit des heutigen Tages: Die katalanischen Firmen bereiten den Exodus vor. Die zweitgrößte Privatbank der autonomen Region, Banco Sabadell, macht vermutlich den Anfang. Geld braucht Sicherheit. Lieber nicht die Unabhängigkeit unter linksrepublikanischer und anarchistischer Regie abwarten. Vollendete Tatsachen. Und absurderweise zum ersten Mal in vielen Tagen damit die Option, dass es nicht zum Äußersten kommt.
Zu gleichen Teilen abstoßend und faszinierend ist die Tatsache des brutalen, nackten Machtkampfes. Die ewige revolutionäre Frage: Töte ich dich oder tötest du mich? In den westeuropäischen, repräsentativen Demokratien wird diese Frage normalerweise in einen zivilisierten Diskurs gekleidet und von den demokratischen Institutionen gemildert. Nur zwei Faktoren sind in der Lage, diesen Mechanismus auszuhebeln: Religion und Patriotismus. Wer die Demonstrationen in Barcelona beobachtet hat, der weiß, dass sie durch und durch emotionalisiert waren. Keine Antwort auf konkrete, politische Fragen. Und die Gegenseite, der spanische Nationalismus macht jetzt emotional mobil. Auch hier keinerlei konkrete Antworten, und schon gar nicht auf die Frage nach der Zukunft des demokratischen Miteinanders nach einer eventuellen Gewaltanwendung. Hinter den Kulissen die politischen Machttiere, die wohl nur an einem interessiert sind: Töte ich dich, d.h. werfe ich deine Anführer als Putschisten für 15 Jahre ins Gefängnis und ruiniere sie ökonomisch für immer? Oder tötest du mich und trägst dazu bei, dass mein Staat sich in eine Art südeuropäisches Jugoslawien verwandelt?
Neue Meldung am Nachmittag: Das spanische Verfassungsgericht hat die für Montag anberaumte Sitzung des katalanischen Parlaments zur Abstimmung über die einseitige Unabhängigkeit im voraus für ungültig erklärt. Bis jetzt, weiß keiner, ob das Konsequenzen haben wird oder eine Luftnummer bleibt. Interessanterweise kam der Antrag von den katalanischen Sozialisten. Hoffentlich bekommt die Geschichte nun eine neue Dynamik. Weg vom Dualismus spanische Nationalisten- katalanische Nationalisten.
In der Nähe der Plaza Manuel Becerra trinke ich eine Caña mit Kiko, seines Zeichens pensionierter Universitätsprofessor für Industriedesign. Seine These:  Spanien wird gleich von drei Nationalismen zerstört: dem baskischen, dem katalanischen und dem spanischen. Aber von allen dreien sei der spanische am schäbigsten und plumpsten.
Gerüchte um Vermittlung durch die Kirche oder eventuell sogar durch den Vatikan machen die Runde.

Freitag, 6. Oktober
Mitten im iberischen Drama, das sich langsam abzeichnet, werden auch immer wieder komische Sketcheinlagen dargeboten. Gestern hatte das Verfassungsgericht die Sitzung des katalanischen Parlaments zur Unabhängigkeitsdeklaration am kommenden Montag annulliert. Reaktion von Carles Puigdemont: Dann findet die Sitzung eben am Dienstag statt. Ätschibätschi. Der Klamauk wird durch das Statut des katalanischen Parlaments erleichtert, wonach die Tagesordnungspunkte jeder Parlamentssitzung am selben Morgen ganz spontan festgelegt werden können. Um 8 Uhr trinken die Parlamentarier ihren Kaffee und um 8.30 haben sie dann die unilaterale Unabhängigkeitserklärung auf dem Tagesplan stehen. Sezession express. Wir nennen sie jetzt einfach mal bei ihrem spanischen Namen: declaración unilateral de independencia, abgekürzt DUI. Übrigens sieht nicht nur die Sitzungsorganisation des katalanischen Parlaments nach streng demokratischen Maßstäben reichlich suspekt aus. Auch einige Grundzüge des neuen katalanischen Staates halten der Demokratieprüfung nicht stand. So werden im zukünftigen katalanischen Paradies auf Erden die Richter direkt von der Regierung ernannt und abgesetzt. Gewaltenteilung? Fehlanzeige. Warum auch solche bürgerlichen Zöpfe, wenn man ein ums andere Mal zeigt, dass das Parlament nur eine Quatschbude ist. Bismarck dixit. Und die katalanischen Anarchorepublikaner sind eben durch und durch post-demokratisch und post-faktisch.
Mein Freund Pedro, Richter von Beruf, sieht das katalanische Drama ganz nüchtern aus der Machtperspektive. Keine Illusionen, kein Dialog. Es sei ein lupenreiner Putsch. Mit Putschisten könne man nicht verhandeln. Erst müssten sie für 10-15 Jahre in den Knast verschwinden, währenddessen könne man mit sauberen Leuten verhandeln. Auf die Frage, ob es dann keinen Volksaufstand gebe: Die Justiz könne sich Puigcdermont etc. einen nach den anderen vorknöpfen. Und wenn Polizei oder Militär notwendig seien, dann solle es eben so sein. Die Reaktion der europäischen Regierungen spiele dabei keine Rolle, sie hätten ja schon während der ganzen schrecklichen Jahrzehnte des ETA-Terrors alle in Spanien von ihrer Feigheit überzeugt. Also solle man jetzt nicht allzu zimperlich sein und jede Maßnahme auf die europäischen Befindlichkeiten hin überprüfen. Pedro ist Mitglied der Mitte-Links-Richtervereinigung "Jueces por la Democracia".
Am Abend dann die Nachricht vom Interview des katalanischen Ex-Regierungschef Artur Más mit der Financial Times. Katalonien sei noch nicht bereit für die Unabhängigkeit. Es fehlten ein Heer, eine eigene Justiz und die Steuerhoheit. Warum dieser Schuss vor den Bug der eigenen Leute? Offene Rechnungen? Man sagt, die schlimmsten Feinde sitzen immer in den eigenen Reihen.

Samstag, 7. Oktober
Der Autor Antonio Muñoz Molina beschreibt sehr gut das Lebensgefühl vieler Menschen in den heutigen Tagen. Die Politik in ihrer bösartigsten Erscheinungsform ist in unseren Alltag getreten. Die erste Tätigkeit nach dem Aufstehen: Nachrichten im Handy oder im Fernsehen lesen oder sehen. Mit einem Gefühl der Angst und der bösen Vorahnung. Angesichts der Skrupel- und Kompromisslosigkeit der Akteure scheint alles möglich zu sein. Ungute Erinnerungen werden wach an die bangen Stunden und Tage nach dem gescheiterten Militärputsch von 1981 oder an die bleierne Zeit des ETA- Terrorismus der achtziger und neunziger Jahre. Schreckgespenster, die man nahezu vergessen hatte.
Die beiden Chefs der zuvilgesellschaftlichen Organisationen Omnium und ANC, Jordi Cuixart und Jordi Sánchez müssen vor Gericht. Viele sehen sie als die treibenden Kräfte der Massendemonstrationen der letzten Wochen. Ihre Gründung geht bis in die Zeit der Franco-Diktatur zurück, als diese Organisationen mithalfen, Stück für Stück Freiräume für die katalanische Sprache und Kultur zurückzuerobern. Heute sind sie so etwas wie der verlängerte Arm des politischen Separatismus. Die Anklage wegen Volksverhetzung bezieht sich auf die Ereignisse vom 21.9., als Cuixart und Sánchez eine aufgepeitschte Menschenmenge anführend, dafür sorgten, dass Polizei-und Justizbeamte ein Gebäude eine ganze Nacht lang nicht verlassen konnten. Also eine Art Geiselhaft mit Hilfe mehrerer tausend Demonstranten als Protest gegen die Durchsuchung von Büros mehrere katalanischer Poltiker, die als organisatorische Drahtzieher des für illegal erklärten Referndums vom 1. Oktober angesehen wurden. Erst als am frühen Morgen mehrere Hundertschaften der nationalen Polizei anrückten, wurde der Belagerungsring aufgehoben.
Zum ersten Mal seit mehr als einem Monat hat man den Eindruck, durchatmen zu können. Die Demonstrationen für eine Verhandlungslösung im Konflikt haben eine neue Stimme der Vernunft in die schrille Kakofonie der letzten Tage gebracht. Auch der Exodus der katalanischen Großfirmen hat für eine Ernüchterung bei den Separatisten gesorgt. Reicht das?

Sonntag, 8. Oktober
Ein paar Freunde sind zu Besuch zum Mittagessen. Entgegen der sonst üblichen Anstandsregeln schalten wir den Fernseher an. Großdemonstration in Barcelona. Aber dieses Mal nicht streikende Studenten und Separatisten, sondern Gegner der DIU und Befürworter des Dialogs. Ein Meer aus spanischen und katalanischen Flaggen zieht durch die Innenstadt. Wie immer der Zahlenkrieg zwischen verschiedenen Organen ablaufen wird, so ist eines klar: es handelt sich wahrscheinlich um mehrere hunderttausend Teilnehmer. Was für ein Kontrast zum Wochenbeginn, dem Schei nach Unabhängigkeit. Konträre Emotionen zeitlich komprimiert. Das schafft nur Spanien.
Zwischendrin kommt Gelächter auf, als der Chef der Cava-Firma Freixeinet mit einem Umzug seiner Firma in benachbarte Regionen droht, ähnlich wie zuvor schon katalanische Unternehmensflaggschiffe wie La Caixa, Banco Sabadell, Gas Natural etc. Dann der Knaller: Ein solcher Aderlass sei nicht nur ein ökonomisches Problem für Spanien und Katalonien, sondern auch für ganz Europa. Wie bitte? Eine 7-Millionen-Region meint das ökonomische Zeug zu haben, um die wirtschaftlichen Grundfesten eines Kontinents zu erschüttern? Wir lachen über sehr viel Selbstüberschätzung. Genau dies ist auch ein Bestandteil des katalanischen Nationalismus, natürlich immer nur hinter vorgehaltener Hand. Was sind denn schon die anderen Regionen gegen uns? Natürlich verdienen wir eine Sonderbehandlung, denn wir sind nicht nur ökonomisch stärker, sondern auch kulturell überlegen. Das Substrat.
Am Nachmittag bereite ich mich dann auf eine Stadtführerprüfung im November vor. Schwieriges, weil extrem ausführliches Prüfungsprogramm. Der zweite Themenblock handelt von spanischer Kunst, Literatur und Geschichte. Von den aktuellen Ereignissen sensibilisiert suche ich mit Argusaugen nach etwas seit der Römerzeit, was diesen so oft beschworenen Kontrast zwischen Katalonien und dem Rest Spaniens rechtfertigt. Aber ich finde nur das knappe Jahrhundert, in dem das heutige Katalonien als "Spanische Mark" zum Frankenreich gehörte. Die Unterdrückung durch Franco teilte man mit allen anderen Spaniern, hier gibt es kein Unterdrückungsmonopol. Davon abgesehen nur gemeinsame Geschichte und gemeinsame Kultur, und die eigene Sprache als Vehikel der Andersartigkeit. Lässt sich auf einer Sprache ein eigenes Nationalbewusstsein aufbauen? Offenbar ja. Ob es den anderen gefällt oder nicht. Die katalanische Literatur ist im Moment sehr lebendig, auch wenn ihre erfolgreichsten Autoren Juan Marsé, Juan Goytisolo oder Enrique Villa Matas meistens auf Spanisch schreiben. Spanisch als Zugang zur Welt und zum südamerikanischen Kontinent. Das Katalanische kann damit einfach nicht mithalten. Aber wie schon Jospeh Roth vor knapp einem Jahrhundert in Anspielung auf die zionistischen Juden anmerkte: Es reicht, wenn eine Gruppe von Menschen, aus welchem Grund auch immer, eine Nation bilden möchte. Schon allein damit habe diese Nation ihre Daseinsberechtigung. Was aber ist, wenn in demselben Territorium eine ungefähr gleich große Gruppe dieses Nationalempfinden nicht teilt?
Der Exodus der spanischen Geldindustrie scheint dem katalanischen Separatismus den Wind aus den Segeln genommen zu haben. Im Rekordtempo. Banco Sabadell, La Caixa, Gas Natural etc. könnten möglicherweise das bewirken, woran Rajoy,.die Guardia Civil etc. sich die Zähne ausgebissen haben. Aber das Phänomen wirft mehr Fragen auf und gibt mehr Anlass zu Traurigkeit als zu Freude. Die erste Frage stellte Josep Borell, ehemaliger Chef der Sozialisten und Präsident des Europaparlaments: "Hätten die Firmenbosse genau diese existentiellen Zweifel am Separatismus nicht früher und nicht hinter verschlossenen Türen anbringen können? Sie hätten uns viel erspart!" Eine noch viel bitterere Schlussfolgerung zieht die Autorin Almudena Grandes: Wie zutiefst deprimierend, dass das Geld das bewirkt, wozu Politik offenbar außer Stande ist!
Währenddessen weiter Ungewissheit über die mögliche DUI am Dienstag. Die letzten Tage scheinen ein Umdenken eingeläutet zu haben. Erst die Firmenfluicht, dann diese immense Demonstration mit mehr als einer halben Million Teilnehmern, die die nationalistische Darstellung eines im Separatismus geeinten, katalanischen Volkes ad absurdum führt. Auch die internationale Presse ist auf dies Gehirnwäsche hereingefallen. Immer wieder war in den letzten Wochen von "den Katalanen" die Rede. Aber diese Einheit existiert nicht, wie der gestrige Tag gezeigt hat. Stattdessen sah man spanische und konstitutionell-katalanische Fahnen vereint. Und viele weinende Menschen. Eine ältere Dame erklärte einem Journalisten unter Tränen: Mit der Androhung der DUI sei ein Damm gebrochen. Sie habe es einfach nicht mehr ausgehalten. All die Jahre, in denen sie (die Separatisten) den ganzen öffentlichen Raum besetzt hätten, die Straßen, das Fernsehen, die Schulen und Universitäten, einfach alles, und so getan hätten, als gehöree das alles ihnen und als gebe es nur ein Volk und keinen Widerspruch. Und die, die nicht so denken, hätten viel zu lange geschwiegen. Aber damit sei jetzt Schluss. Jetzt reden WIR und wir wollen keine Abspaltung von Spanien.
Über diese Art der Demonstration ist die Berichterstattung in der deutschen Presse wesentlich zurückhaltender als noch eine Woche zuvor im Fall der separatistischen Kundgebungen. Wahrscheinlich, weil sie sich nicht als Projektionsfläche für 68er- und 89er- Nostalgiker eignet. Aber machen wir uns nichts vor: Es kann alles doch noch ganz anders kommen. Am Dienstag kann Puigdemont, von den Radikalen der CUP unter Druck gesetzt, wieder einmal die Flucht nach vorne antreten, die Flucht in die unilaterale Unabhängigkeit. Und dann könnte jener verhängnisvolle Mechanismus in Gang kommen, den wir für einen kurzen Moment für ausgehebelt gehalten hatten.

Montag, 9. Oktober
Die Verteidigungslinie der katalanischen Nationalisten steht. Das Projekt "Umdeutung der gestrigen Demonstration" läuft auf Hochtouren. Die zahlreichen Großbusse aus Spanien sind der Beleg für eine fremdgesteuerte, also nicht katalanische Demonstration. Auch die Präsenz von mehreren tausend Franco-Anhängern in einer separaten Kundgebung wird fleißig zur Diskreditierung der anderen 400.000 Teilnehmer benutzt. Das ganze findet sogar den Weg in die europäische Presse. Dem Spiegel von heute waren die Altfaschisten ebenso viel Erwähnung wert, wie die Protestaktion überhaupt. Dermaßen kritisch hinterfragt wurde der chavistische Hintergrund vieler Teilnehmer der separatistischen Demos der letzten Wochen nie. Dumm nur, dass noch am selben Nachmittag sorgfältigere Journalisten wieder mal einen Betrug bei Twitter aufdeckten: das auch vom Spiegel kolportierte Foto eines Demonstranten mit Franco-Flagge stammt von einer anderen Demonstration, die nichts mit der gestrigen zu tun hatte. Die sozialen Netzwerke entwicklen sich wirklich zur sozialen Pest unserer Generation. Nach wie vor auch kein Wort bei Spiegel, Deutsche Welle etc. zu den systematischen Beleidigungen und Diffamierungen spanischer Journalisten, die sogar schon von der Organisation "Reporter ohne Grenzen" ktitisiert wurde. So viel zum Thema Solidarität unter Kollegen.
Wer gestern Abend nach der unionistischen Großkundgebung noch geglaubt hatte, dass Puigdemont in letzter Sekunde vor der Unabhänigkeitserklárung zurückschrecken würde, der wurde heute eines besseren belehrt. Kein Rückzieher in Sicht. Ganz im Gegenteil: Die zivilgesellschaftlichen Stoßtruppen des Katalanismus, die Asamblea Nacional Catalana (ANC) und Ómnium haben für morgen Nachmittag um 18 Uhr eine Demonstratioen vor dem katalanischen Parlament anberaumt. Genau zum selben Zeitpunkt, zu dem der katalanische Regierungschef in seiner "Erklärung zur Lage der Nation" vermutlich die Trennung von Spanien proklamiert. Tut er es, stehen die Hilfstruppen vor dem Gebäude bereit, um sich jeglichem Einschreiten der spanischen Polizei wie ein einziger Volkskörper in den Weg zu werfen. Tut er es nicht, droht Puigdermont neben dem Geschrei im Parlament dann auch noch die verbale Lynchjustiz unter freiem Himmel.
Mein Freund José Luis, Notar und Mitglied des Madrider Notarverbandes, greift die Verschwörungstheorien auf, die sofort im Internet zirkulieren. Die Uhrzeit der Demo lasse vermuten, dass die DUI eine ausgemachte Sache sei. Ob José Luis mit dieser Theorie Recht hat, werden wir morgen Nachmittag sehen.
Unterdessen gehe ich mental nochmals die Namen aller katalanischer Künstler durch, die mich in meinem Leben unterhalten und gefesselt haben. Da ist der Kunsthistoriker Eugenio d´Ors, der noch in der Franco-Ära sein Werk "Drei Stunden im Prado-Museum" publizierte, der unterhaltsamste Kunstführer durch die endlosen Weiten dieser Sammlung. Da ist der leider viel zu früh verstorbene Terenci Moix, der in den neunziger Jahren mit seiner Trilogie über verrückte und lüsterne Millionärinnen das Madrid der demokratischen und ultrakapitalistischen Umbruchsphase nach dem Eintritt in die EU karikierte. Und da isty selbstverständlich der geniale Manuel Vázquez Montalbán, der mit seiner Krimiserie um den Titelhelden Pepe Carvalho ein Genre im Genre begründete: das des misanthropischen Detektivs. Und viele viele mehr. Die Liste ist endlos. Und all diese Männer waren in unterschiedlicher Ausprägung Spanier und Katalanen zugleich. Unmöglich, diese beiden Facetten voneinander zu trennen. Das, was zur Zeit von etlichen Politfanatikern betrieben wird, ist nichts anderes als eine Selbstzerfleischung.

Dienstag, 10 Oktober
Der Autor Vicente Molina Foix spricht über seinen neu erschienenen Roman. Eine Art Rückblick auf die sechziger Jahre und seine literarische Initiation innerhalb einer Gruppe junger katalanischer Autoren, die bald darauf eine wichtige Rolle in der spanischen Literatur spielen sollten: Terenci Moix, Ana María Moix, Pere Gimferrer. Die sechziger Jahre unter Franco. Eine bleierne Zeit. Aber trotzdem eine Zeit, in der vom Nordosten her eine leichte Brise der Erneuerung in den Rest des Landes wehte. Welcher Wind weht dagegen heute?
Einer meiner Lieblingsromane der modernen spanischen Literatur: "Letzte Tage mit Teresa", ebenfalls von einem katalanischen Autor in spanischer Sprache: Juan Marsé. In den sechziger Jahren verfasst, spricht der Text über eine vollkommen ungleiche Liebesbeziehung zwischen einem Unterschichtsbengel mit Gitano-Hintergrund und Teresa, einer jungen Studentin aus gutem Hause. Und Katalonien als Motor der Erneuerung, ein Ort, an den die Jugendrevolten der europäischen Nachbarländer zumindest einen leichten Nachklang finden.
All diese Gefühle sind heute wie weggeblasen, und auch wenn es einen spanischen Nationalismus um die korrupte PP gibt, sind die katalanischen Nationalisten die Hauptschuldigen daran. Nicht die Ablehnung des Zapatero-Statuts durch das Verfassungsgericht 2011 und auch nicht die Passivität. Viel schlimmer als all dies ist die jahrelange Lügenkampagne in den katalanischen Medien rund um Catalunya Radio und den Fernsehsender TV3. Epizentrum des medialen Katalanismus. Von hier aus wurde die systematische Gehirnwäsche betrieben, die Teile der katalanischen Bevölkerung reif machte für das Motto "Weg von Spanien". Staatsfernsehen nahezu im Stile einer Diktatur, nur mit gekegentlichem Widerspruch von seiten konstitutioneller Kommentaristen als dekoratives Element, stets aber in krasser Minderheit.
"Spanien bestiehlt uns" und "Ohne uns wäre Spanien nichts". Zwei der gebetsmühlenartig wiederholten Thesen. Und? Am Ende ist das alles nichts anderes als eine unverschämte Lüge. Zahlt Katalonien am meisten in den spanischen Länderfinanzausgleich? Nein. Es ist seit Jahren schon die autonome Region Madrid, mit weitem Abstand vor dem Nordosten. Ist Katalonien der ökonomische Motor Spaniens? Es ist einer der Motoren, aber schon in den letzten Jahren war es ein knappes Rennen gegen Madrid. Und jetzt, nach dem Wegzug etlicher Firmen, ist die Region laut einer von der EU-Kommission für korrekt befundenen Studie der Brüsseler Business-Schule Vlerick in Punkto BIP hinter Madrid zurückgefallen. Genauer gesagt: Katalonien trägt nur noch 18,6% zun nationalen BIP bei, Madrid jedoch 19,0%.
Im Endeffekt ist das aber egal, denn dem Nationalismus geht es nicht um Fakten. Er ist schon lange zu einer messianischen Erweckungsbewegung mutiert, der seine Kraft aus einer mutmaßlichen Unterdrückung zieht. Und diese Unterdrückung muss mit Methoden der Straßenguerrilla immer wieder aufs neue provoziert werden. So lange, bis der spanische Staat die Nerven verliert und losknüppelt. Europa und seine Institutionen sind jetzt plötzlich ein wichtiger Player in diesem Spiel. Zieht die europäische Linke mit, und das tut sie zum Teil, dann mischt sie sich in das spanische Chaos ein und ergreift Partei für die Unterdrückten. Das ungefähr ist das Kalkül, und so steht es in dem streng vertraulichen Papier der katalanischen Regierung, das der Guardia Civil gestern in die Hände fiel.
Gegen 20 Uhr dann die Nicht-Unabhängigkeitserklärung Puigdemonts. Das Drama wird nun definitiv zur Komödie. Die Menschenmenge vor dem Parlament jubelt zuerst, weil der Präsident die katalanische Republik proklamiert. Als er aber im nächsten Satz verkündet  die Unabhängigkeit werde bis auf weiteres ausgesetzt, gibt es wütende, verzweifelte Buhrufe. Was steckt hinter diesem Possenspiel? Hat die bürgerliche PdCat die Hosen voll wegen der vielen Unternehmensabgänge? Oder haben einige der führenden Köpfe der Separatisten doch in letzter Sekunde Angst vor einer möglichen Haftstrafe? Und wieder der Ruf nach europäischer Vermittlung. Denkt man in Barcelona wirklich, der ganze Kontinent drehe sich nur um die katalanischen Befindlichkeiten?

Mittwoch, 11. Oktober
Kein Zweifel, dass die Unabhängigkeit für viele Katalanen eine reine Herzensangelegenheit ist. Die Bilder der maßlosen Enttäuschung nach Puigdemonts Rückzieher in letzter Sekunde sprachen Bände. Emotionen, die durch einen sorgfältig gepflegten Opferdiskurs genährt wurden. Im Unterschied zu zahlreichen anderen Unabhängigkeitsbewegungen greift der katalanische Separatismus nicht auf einen glorreichen Sieg, sondern auf eine schmachvolle Niederlage zurück. Das entscheidende Datum: der 11.9.1714. An diesem Tag wurde Barcelona von bourbonischen Truppen nach langer Belagerung sturmreif geschossen und erobert. Den historischen Hintergrund bildete der Spanische Erbfolgekrieg (1701-1714), der zwischen den europäischen Großmächten nach dem buchstäblichen Aussterben der spanischen Habsburger ausgebrochen war. Sowohl die französischen Bourbonen als auch die österreichischen Habsburger ( u.a.unterstützt von England und den Niederlanden) machten Ansprüche auf den iberischen Thron geltend. Katalonien schlug sich schnell auf die Seite der Habsburger. Zu frisch war die Erinnerung an den Abspaltungsversuch von Spanien im Jahre 1640, als man Hilfe bei den französischen Nachbarn suchte - und bitter enttäuscht wurde. Zwar rückten die Truppen Ludwigs XIV in Barcelona ein. Doch ganz im Stil des bourbonischen Zentralismus im Frankreich des Sonnenkönigs hatten die Befreier nichts Besseres zu tun, als sofort alle katalanischen Vorrechte abzuschaffen. Privilegien, die unter dem Namen "katalanische Verfassung" bekannt waren und von den spanischen Habsburgern zumindest formell akzeptiert worden waren. Diese Verfassung besagte unter anderem, dass nur die katalanische Ständeversammlung (Cortes) Gesetze beschließen durfte. Natürlich waren aber auch die Habsburger absolutistische Herrscher, unter denen die katalanischen Cortes, ebenso wie die von Valencia und Aragón kaum mehr als akklamatorischen Charakter besaßen. Aber wenigstens respektierten die Habsburger die Formalitäten, was den Bourbonen völlig schnuppe war.
Deshalb also die katalanische Parteinahme für die österreichische Partei während des langen Waffengangs zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Diie falsche Entscheidung, wie sich dann am 11.9.1714 herausstellte. Mit der Bombardierung Barcelonas fielen nicht nur alte Prärogative, sondern auch alle partikulären Institutionen in den aufrührerischen Provinzen. Man muss den Plural verwenden, denn die vom ersten spanischen Bourbonen Philipp V. verkündeten "Decretos de Nueva Planta" betrafen nicht nur das Fürstentum Katalonien, sondern auch die Königreiche Valencia, Mallorca und Aragón - allesamt zusammengefasst in der Krone von Aragón. Die Moral aus dieser kleinen Geschichtslektion: Nur in Katalonien wurde aus diesem historischen Ereignis ein negativer Gründungsmythos einer unterdrückten Nation. Im Selbstverständnis der anderen "unterdrückten Nationen" auf der iberischen Halbinsel spielt dieses Ereignis kaum eine wichtige Rolle.

Donnerstag, 12. Oktober
Spanischer Nationalfeiertag. Gedenken an Kolumbus´ Amerikafahrt 1492. Große Militärparade auf der monumentalen Madrider Nord-Süd-Achse Paseo de la Castellana. Armeeeinheiten, Fremdenlegion, Guardia Civil etc. defilieren an der Königsloge vorbei, werden von der Menschenmenge noch demonstrativer bejubelt als in anderen Jahren. Dieses Jahr offenbar Großaufgebot an Ehrengästen. Der anschließende Empfang mit Handkuss im Palacio Real soll mehr als zwei Stunden dauern. Vielleicht macht Königin Leticia deshalb schon bei der Militärparade ein verkniffenes Gesicht. Offenbar auch wieder Großdemonstration mit spanischen Flaggen in Barcelona, angeführt von Spitzenpolitikern der konservativen PP und der liberalen Ciudadanos.  
Die Titelseite des französischen Satiremagazins "Charlie Hebdo" macht überall die Runde. Es zeigt in Anspielung auf die korsischen Separatisten drei vermummte Terroristen, die eine demokratische Diskussion verlangen. Der Slogan auf der Titelseite: Offiziell bestätigt: Die Katalanen sind noch viel dümmer als die Korsen. Im Artikel selbst wird der Ton ernster: "Der katalanische Separatismus hat in Teilen der europäischen Linken eine absurde Bewunderung geweckt, doch sind diese sich nicht der Tatsache bewusst, dass sich hinter solch hochtrabenden Begriffen wie Unabhängigkeit oft weitaus weniger noble Motive verbergen. (...) Genau wie im Fall der Liga Norte in Italien sind es in den meisten Fällen die reichsten Regionen, die nach Unabhängigkeit rufen. (...) Man glaubt fast, die Stimme der hassenswerten Margaret Thatcher zu hören, die ständig ihr Geld zurückverlangte. (...) Über welches tragische Schicksal beklagen sich die Katalanen heute? (...) Die katalanische Unabhängigkeit kann nicht das Ziel haben, die Region von einer Tyrannei zu befreien, denn diese existiert nicht mehr. Auch eine prosperierende Wirtschaft kann nicht das Ziel sein, denn der katalanischen Ökonomie geht es verhältnismäßig gut, und ebenso wenig eine Sprache, deren Benutzung schon seit langer Zeit genehmigt ist. (...) Die identitäre Obsession, die sich wie ein Schimmelpilz in Europa ausbreitet, hat sich in der Rechten. aber auch in Teilen der Linken festgesetzt. Denn der rechte und der linke Nationalismus haben vor allem eines gemeinsam: den Nationalismus. (...) Die hysterische Krise des katalanischen Separatismus mit seinem Operettenplebiszit hat allen möglichen ranzigen Nationalismen neuen Auftrieb verschafft. (...) Fast alle teilen sie eine absurde Logik: jeder Sprache ihr eigener Staat. Warum also nicht 200 neue Staaten für 200 Sprachen gründen? Oder warum nich so viele Unabhängigkeitserklärungen wie Käse- oder Weinsorten?
Während sich der größte Teil der französischen Presse ganz klar gegen den katalanischen Separatismus positioniert (auch die linke Libération geizte in den letzten Wochen nicht mit scharfer Kritik), muss ich in der deutschen Berichterstattung weiter Verstörendes lesen. Unter dem Titel "Spanier haben keine Kommunikationskultur" übt die offenbar in Madrid lebende Deutsche Welle-Korrespondentin Stefanie Claudia Müller zunächst Kritik an der Unfähigkeit der streitenden Parteien, sich an einen Tisch zu setzen. So weit so gut. Vor allem Ministerpräsident Rajoy glänzt ja nun wirklich nicht durch eine expansive Verhandlungspolitik. Und auch die mehr als ein halbes Jahr andauernde Hängepartie nach Wahlen und Neuwahlen war kein Meisterstück politischer Kompromissfindung. Doch Müller bleibt nicht auf der politischen Ebene. Sie führt diese fehlende Kommunikationsfähigkeit nicht mehr und nicht weniger als auf die Erziehung zurück. Schon von Kindesbeinen an, so Müller, wüchsen die Spanier mit der Gewissheit auf, dass Lügen nicht schlimm seien. So werde ihnen Scheinheiligkeit antrainiert. Und überhaupt: Die Spanier verstünden sich häufig selbst nicht. Upps. Ich musste erst mal kurz überlegen, woher ich diese Mischung aus Bitternis und moralischer Überlegenheit kenne. Dann kam ich darauf: aus Expat-Treffen karrieregeiler Ausländer, die die meiste Zeit nichts anderes zu tun haben, als über das rückständige Gastland und seine Gepflogenheiten herzuziehen. Vielleicht spielen in einigen Fällen auch persönliche Enttäuschungen eine Rolle, die dann verallgemeinert werden. Genau das stört mich an Frau Müllers Breitseite gegen die persönliche Integrität der Spanier - denn nichts anderes ist es, wenn man jemanden als kommunikationsunfähig, verlogen und scheinheilig bezeichnet. Man muss die neue Wahlheimat nicht unreflektiert super finden. Das Paradies auf Erden existiert nicht, und hinter jeder Illusion steckt natürlich auch eine Realität. Aber unreflektiert gehässig mit der Deutschen Welle als Podium ist dann doch ein bisschen zu viel. Ich persönlich kenne in meinem spanischen Umfeld niemanden, der seine Kinder zum Lügen erzieht. Mit den meisten meiner Freunde kann ich auch offen über Probleme sprechen, und auch wenn unsere Gespräche - anders als bei vielen Deutschen über 40 - nicht um persönliche Dauerkrisen kreisen, kommen trotzdem auch ernste Dinge zur Sprache. Aber damit sind wir wieder auf dem Niveau persönlicher Erfahrungen, die der eine macht, der andere aber nicht. Ich widerstehe also dem ersten Impuls, Frau Müller eine Mail zu schreiben. Ich habe dies in den letzten Wochen schon mehrmals getan, um auf meiner Ansicht nach unqualifizierte Bemerkungen eines deutschen SPD-Abgeordneten und eines Spiegel-Journalisten zu antworten. Es kam sogar - alle Achtung! - ein Feedback. Aber ich muss aufhören, zum Troll zu mutieren. Ich muss mich schlicht und einfach mit der Tatsache abfinden, dass große Teile der politischen und journalistischen Elite in Deutschland wirklich nicht auf der Höhe sind und die europäische Dimension des Separatismus kleinreden oder nicht erfassen. Spekulationen über die Gründe dafur reiche ich an einer anderen Stelle nach.

Freitag, 13. Oktober
Warten auf die Antwort von Puigdemont auf das Ultimatum der Regierung. Bis jetzt nur geschwurbeltes Um-den-heißen-Brei-Herumgerede. Die Linksradikalen drängen auf eine definitive Ausrufung der Republik, ebenso die Republikaner. Unterdessen machen finstere Gerüchte die Runde. Aus madrilenischen und katalanischen Notariatskreisen ist zu erfahren, dass die Separatisten vermutlich mehrere Milliarden Euro auf Schwarzkonten in Andorra gebunkert hätten, um im Falle einer Unabhängigkeit zwei Jahre überleben zu können. Das Geld stamme wahrscheinlich aus den illegialen Provisionen von 3%, die die nationalistische Regierung unter Puigdemont-Vorgänger Artur Más von Firmen bei öffentlichen Aufträgen kassiert haben solle und die seit geraumer Zeit im Fokus der Justiz stehen.
Warten, warten, warten. Die Lieblingsbeschäftigung des spanischen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy. Sein immenses Kommunikationstalent (Sarkasmus!) und sein endloses Abwarten seit seinem Regierungsantritt im Jahre 2011 haben wesentlich dazu beigetragen, den Katalonien-Konflikt zu dem zu machen, was er heute ist: eine existentielle Bedrohung für den Zusammenhalt des spanischen Staates und eventuell auch für das Projekt Europa. Rajoy hat sich nicht mit der katalanischen Seite zusammengesetzt, als dies noch ohne Gesichtsverlust möglich war. Hatte die lange Passivität den Zweck, die Angelegenheit auf einen offenen Zusammenstoß zutreiben zu lassen, um den rechten Rand der eigenen Wählerschaft zu motivieren? Oder um von den ständigen Korruptionsskandalen in seiner Partei abzulenken? Verschwörungstheoretiker behaupten dies. Auch auf der anderen Seite ist das Ablenkungsmanöver voll gelungen, siehe die 3%-Provisionen, über die nun niemand mehr spricht. Mit etwas Sarkasmus ließe sich sagen, Rajoy ist genau der falsche Mann zur falschen Zeit. In einem Moment, in dem Kommunikationstalent und Verhandlungsgeschick erforderlich sind, wird die spanische Regierung von einer Art Enigma regiert, das nie Klartext spricht und nur ungern vor die Presse tritt. Stellen Sie sich so jemanden mal an einem Runden Tisch mit internationalen Vermittlern vor....
Unterdessen wächst die Kritik der internationalen Journalistenorganisation "Reporteros sin fronteras" am Druck auf die neutrale Berichterstattung von seiten der katalanischen Separatisten. Unter dem Hashtag #RespectPressCat hat sich mittlerweile ein beeindruckendes Arsenal an Zwischenfällen angesammelt, die in krassem Gegensatz zum  separatistischen Credo der freien Meinungsäußerung stehen. In ihrem heute publizierten Bericht spricht die NGO von Cyber-Mobbing und virtueller Lynchjustiz gegen spanische, katalanische und internationale Journalisten, die nicht bereit sind, die offizielle Lesart der katalanischen Nationalisten zu verbreiten. Weiter heißt es in der Publikation, dass diese gezielten Troll-Attacken von allerhöchster Stelle gesteuert würden, einen Vorwurf, den "Reporteros sin fronteras" mit zahlreichen Beispielen untermauert. Schlussfolgerung: Die katalanischen Regierung verfolge die freie Berichterstattung mit ähnlicher Aggressivität wie die Trump-Regierung in den USA. In der deutschen Presse wie immer Fehlanzeige. Kein Wort zu diesem Thema. Passt wohl nicht in die politisch korrekte Presselandschaft. Solidarität mit Journalisten aus anderen Ländern wie z.B. Spanien ebenfalls Fehlanzeige.

Sonntag, 15. Oktober
Zum ersten Mal seit mehr als einem Monat war an diesem Wochenende Durchatmen angesagt. Auch in den Medien. Man widmet sich jetzt auch anderen, dringenden Problemen und nicht mehr nur der katalanischen Krise. Da ist vor allem die Dürre zu nennen, die uns schon seit mehreren Monaten heimsucht. Waldbrände über Waldbrände in Galicien, der Provinz im Nordwesten Spaniens. Auch in Madrid rücken erste Wasserrationierungen für Anfang 2018 in den Bereich des Möglichen. Kein einziger Tropfen Regen im September und bis jetzt auch nicht im Oktober wecken die schlimmsten Befürchtungen. Dazu noch alle nur denkbaren Hitzerekorde. Gestern, am 14. Oktober, 31 Grad. 
Die gute Seite an der Angelegenheit sind die vollen Straßencafés. Die Madrilenen scheinen in diesen Wochen mal wieder kein Zuhause zu haben. Die Straßen und Plätze sind ein Spektakel aus laut schreienden Großfamilien und Freundescliquen. Ich treffe mich mit meinen Freunden Esther und Carlos, beide Psychiater, um einen Wermuth zu trinken und dann etwas essen zu gehen. Während Esthers achtjähriger Sohn Victor geduldig in einem Asterix-Comic liest, bricht am Nebentisch Unruhe aus, denn zwei junge Guardia Civil-Polizisten setzen sich zu ihren Familien. Die hellgrüne Uniform mit der dreieckigen Kopfbedeckung ist normalerweise nur vor öffentlichen Gebäuden zu sehen, nicht aber in einer Bar oder in einem Straßencafé. Carlos bemerkt süffisant, die Guardia Civiles erlebten inmitten der patriotischen Euphorie gerade ihr Coming Out. Obwohl wir selten über Politik sprechen, kommt das Thema Katalonien in diesem Moment natürlich zur Sprache. Esther, deren Familie den Terror im Baskenland miterleben musste, fühlt sich weder durch die spanischen Konservativen noch durch die katalanischen Separatisten repräsentiert. Das, was vielen eher der Linken zugeneigten Spaniern in diesen Wochen passiert. Sie sitzen zwischen allen Stühlen, identifizieren sich mit keiner der beiden streitenden Seiten. Charakteristisch für gebildete Menschen, die zurecht einfachen Lösungen misstrauen. Typisch aber auch für einen Großteil der Linken, die keinerlei positiven Bezug zu ihrem Heimatland findet. Dafür kommen nur die Gastronomie und die Landschaft in Frage. Auf politischer, sozialer und ökonomischer Ebene wird das eigene Land als eine Geschichte des Scheiterns interpretiert. Der einstige Stolz auf die Verfassung von 1978 und die damit verbundene, friedliche Überwindung der Franco-Diktatur ist lange verfolgen, unter Tonnen an Krisenjahren und Korruptionsskandalen begraben. 
Man darf gespannt sein, ob das Gremium zur Verfassungsreform, das die Sozialisten der Rajoy-Regierung abgerungen haben, etwas Brauchbares auf den Weg bringt. Skepsis ist angesagt, denn der Chef der sozialistischen PSOE, Pedro Sánchez übte sich bereits in Inkohärenz. Die Verfassung solle angepasst werden, man werde Katalonien entgegenkommen, seine Integration in den spanischen Staat erleichtern. Aber für die Aufnahme der Möglichkeit eines einseitigen Referendums in die Verfassung sei er nicht zu haben. Also kein Quebec oder Schottland in Spanien. Was soll dann aber diese pompöse Initiative, wenn sich die Politiker am Ende wieder um die entscheidene Frage drücken?

 

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