Das Ende des Tourismus?

von Thomas Büser

Corona Krise

Das Coronavirus hat der Reisebranche ohne Frage einen harten Schlag versetzt. Aber ist die Krise auch eine Chance oder ist das Ende einer Lebensweise gekommen?

Die Zahlen sind so dramatisch, dass ich sie hier gar nicht erst zitieren möchte, denn sonst verfalle ich in Depressionen. Es reicht zu wissen, dass ganze Flugzeugflotten auf dem Boden bleiben, Hotelketten gar nicht erst öffnen, und auch wir Guides sitzen seit einem knappen halben Jahr auf dem Sofa (die passiven) oder filmen virtuelle Rundgänge (die aktiven), im hilflosen Versuch, vielleicht doch noch irgendjemanden zum Reisen zu überreden. Doch es hilft alles nicht. Gerade urbane Destinationen wie Madrid, Barcelona, Paris etc. werden dieses Jahr vom Tourismus aus Angst vor Ansteckung tunlichst gemieden. Und selbst, wenn sich jemand doch aus der heimatlichen Deckung wagt, steht die Reise unter derart ungewissen Vorzeichen, dass die Ankunft am Zielort eigentlich einer Lotterie gleicht.

Logisch, dass angesichts dieses Panoramas nicht die Weltuntergangspropheten fehlen, die sich genüsslich das Ende des Tourismus und zugleich das Ende unseres Hyperkonsumkapitalismus ausmalen. Das Virus bedeute ein Davor und Danach, nichts werde mehr so sein wie früher, die Ära des Massentourismus sei definitiv zu Ende etc.. Doch sowohl die Konjunkturszenarien als auch die wirtschaftlichen Prognosen ändern sich genauso sprunghaft wie die Zahl der Infizierten. Dachte man in den meisten europäischen Ländern im Juni, die Pandemie sei unter Kontrolle und allerhöchstens im Spätherbst sei noch mal ein kurzes Aufflammen zu befürchten, so werden wir alle schon im hochsommerlichen August eines Besseren belehrt. Von wegen die Hitze verlangsamt die Ausbreitung der Pandemie. Ganz im Gegenteil. Im brütend heißen und fast gänzlich verlassenen Madrid hat man es tatsächlich geschafft, die Fallzahlen wieder zum Explodieren zu bringen.

Natürlich ist das Gift für die "Marke Madrid", wie sich die regionalen Tourismusmanager gerne ausdrücken. So als könne man eine Stadt mit mehr als 1000 Jahre Geschichte auf einen Marketingslogan reduzieren. Und selbstverständlich wird sich das auf die Besucherzahlen auswirken. Im Klartext; Nach dem katastrophalen Frühjahr kann die Reisebranche in Madrid und allen anderen urbanen Destinationen des Landes auch die so wichtige Herbstsaison komplett abschreiben. Eine Katastrophe? Natürlich. Vor allem wegen zahlloser Existenzen, die nun auf des Messers Schneide stehen und nur mit eventueller staatlicher Unterstützung überleben werden. Da liegt es nahe, den Schwanengesang anzustimmen, in düsterer Endzeitstimmung zu versinken und sich den guten, alten Vorkrisentourismus wieder herbeizuwünschen.

Wie toll war das damals im historischen Zentrum Madrids!!!! Egal, ob Plaza Mayor, Puerta del Sol, Königspalast oder Paseo del Prado: überall Heerscharen von Touristen, angeführt von ihren nicht lizenzierten und nicht Steuern zahlenden Tour Guides. Überall in den alt eingesessenen Stadtvierteln, von Lavapiés bis nach Huertas und Chueca das Klappern der Rollkoffer, die immer ungestörter über das Kopfsteinpflaster ratterten, denn die Einheimischen waren schon lange aus ihren Wohnungen geklagt oder hatten sich genervt in die Außenbezirke der Stadt verzogen. Ach, welch wehmütige Erinnerungen wecken all die hypermodernen Franchise-Cafeterien, die sich allerorten breit machten und die die altbackene Bar Manolo im Handumdrehen auf den Müllhaufen der Geschichte beförderten.
Nun konnte man auch durchaus im Tourismus tätig sein und all diese Exezze vollkommen krank finden, ein Symbol eines durchgedrehten Kapitalismus. Und eines muss man dem Virus lassen: Es bringt die Missstände schonungslos ans Tageslicht. Auch wenn man sich als Einheimischer darüber freut, endlich wieder mehr oder weniger unbehelligt durch den Retiro-Park spazieren zu können oder sich im Thyssen-Bornemisza eine Rembrandt-Ausstellung ohne kreischende Schulgruppen anzusehen. Die Jubelschreie bleiben einem dann meistens jedoch postwendend im Halse stecken, wenn man durch Stadtviertel läuft, die wie leergefegt wirken. Zwar sind die Touristenscharen weg, aber leider auch fast alle Einheimischen. Airbnb hat es in Zusammenarbeit mit den regionalen Tourismusbehörden geschafft, ganze Straßenzüge zu "säubern", ohne jedoch rechtzeitig für Nachschub zu sorgen.

Und so wird das ganze Desaster einer touristischen Fehlplanung sichtbar, die so oder so ähnlich auch in Barcelona, Paris und eigentlich in fast allen Millionenstädten dieser Welt stattfand. Berufliche Projekte wurden aufgegeben, um eine Touristenwohnung und dann gleich mehr und noch mehr zu vermieten. Die Reisebranche verwandelte sich von einem von vielen Wirtschaftszweigen immer mehr zu dem Wirtschaftszweig schlechthin, fast schon vergleichbar mit einer landwirtschaftlichen Monokultur. Bis das Virus ausbrach und mit ihm fast alles zum Stillstand kam.
Wie geht es jetzt also weiter? Geht es überhaupt weiter? Und da kann die einzig plausible Antwort natürlich nur lauten: Natürlich geht es weiter! Irgendwann wird sich das Virus endlich in einen vergessenen Winkel verziehen, es wird einen Impfstoff geben, die Pandemie wird sich langsam aber sicher totlaufen. Und dann werden die Menschen wieder Lust am Reisen bekommen. Denn Reisen ist ja nicht immer gleichbedeutend mit Partytourismus oder Instagramorgien. Natürlich werden viele Leute wieder reisen, weil sie sich schlicht und einfach zu Tode langweilen, aber viele andere werden auch wieder in ein Flugzeig steigen, weil sie wirkliche Lust haben, Neues zu entdecken, sich ganz altmodisch durch das Kennenlernen einer anderen Kultur zu bereichern. Daran ist nichts Verwerfliches, denn fast alle, die die Flugreisen aus ökologischen Gründen in Bausch und Bogen verbannen, waren in ihrem Leben schon einmal Touristen.

Die viel schwierigere, und auch interessantere, Frage lautet: Wie geht das Tourismusgeschäft weiter? Wird Fliegen teurer, sodass sich nur noch mehr oder weniger vermögende Menschen überhaupt noch eine Reise leisten können? Wieviele Reiseanbieter werden das Massaker überleben? Wird es überhaupt noch Geschäftsreisen geben und wenn nein, was passiert mit all den Hotels, die maßgeblich von diesen Reisen leben? Und werden die Menschen noch in größeren Gruppen verreisen oder wird sich der Trend zum Individualreisen weiter verstärken? Fragen über Fragen, unendlich viele Szenarien, in die jeder nach Wunsch und Laune und oft auch je nach politischer Anschauung so ziemlich alles hineinprojiziert. Für mich als einfachen Tour Guide, der glücklicherweise auch noch in anderen Bereichen aktiv ist und damit nicht ausschließlich vom Tourismusgewerbe lebt, gilt beinahe die Binsenweisheit: Vieles wird anders, aber mit Sicherheit nicht alles. Menschen werden weiter verreisen, sie werden weiter Geschichten hören wollen, aber die Gruppen werden kleiner. Gefahr und Chance zugleich: niedrigere Verdienstspannen einserseits, aber persönlicheres Erlebnis andererseits, für Kunde wie Anbieter. 

Bis dahin heißt es: Durchhalten und neue Ideen entwickeln.

 

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