Alltag in einer fremden Stadt

von Thomas Büser

Alltag in einer fremden Stadt Tragedia de Oso

Der Arbeitsalltag im Süden - er hat natürlich diverse Ähnlichkeiten mit dem in Deutschland. Es ist aber eben Alltag, und deswegen achtet man nicht auf die Details. Sollte man aber manchmal.

Vor inzwischen zehn Jahren habe ich definitiv meine Zelte in Deutschland abgebrochen und bin nach Madrid übergesiedelt. Damals herrschte Katerstimmung zwischen Flensburg und Berchtesgaden. Die Arbeitslosigkeit war auf hohem Niveau, die gerade von der Schröder-Regierung durchgesetzten Hartz IV-Reformen hatten noch nicht ihre Wirkung entfaltet. In Spanien dagegen Boom und Wirtschaftsrekorde allenthalben, fast ein Jahrzehnt ununterbrochenen Wirtschaftsaufschwungs. Wie trügerisch und vergänglich Pessimismus und Euphorie sind, war dann wenig später zu sehen. Doch zum Glück ist die Wirtschaft nicht alles und schon gar nicht allein ausschlaggebend, wenn es um Umzüge innerhalb der EU geht.Dennoch nimmt der Job und der Kampf ums Überleben einen großen Teil der Zeit in Anspruch. Immer und überall. Da helfen auch tapas, vino tinto und eine deutlich erhöhte Anzahl an Sommertagen nichts. Mein Job bringt es zum Glück mit sich, dass ich mich nicht mit dem Heer der Büroangestellten in den öffentlichen Nahverkehr quetschen muss. Die Urlauber lassen es etwas ruhiger angehen, vor zehn Uhr starten die Touren selten. Mit der Metrolinie 3 (gelb) geht´s dann allmorgentlich in Richtung Sol, einem der neuralgischen Punkte im Madrider Nahverkehrsnetz. Seit einigen Jahren heißt das ganze nun "Vodafone Sol". Merchandising in Zeiten der Finanzkrise, die multinationalen Marken dringen in die kollektive Identität ein. 

Auf dem Weg ans Tageslicht, oben auf dem Platz der Puerta del Sol, wird dann schlagartig klar, dass das Merchandising auf allen Ebenen betrieben wird. Es ist kurz vor zehn. Ein buntes Gewusel an Menschen bevölkert den Platz. Verwirrte Touristen mit Stadtplan werden von pakistanischen Straßenverkäufern umringt. Seit einigen Jahren sind penetrante Quietschteilchen und bunt leuchtende Wurfgeschosse in Mode. Einige retten sich in die Souvenirgeschäfte am Platz, die Aufmerksameren schaffen es sogar in die Traditionsbäckerei "Mallorquina". Ich bedaure beide, denn ich finde weder Porzellannippes oder Real Madrid-Shirts noch Mandel-Marzipan-Gebäck spannend. Jetzt schnell die Calle Mayor überqueren und eine Lücke finden zwischen der endlosen Reihe der passagierlos umherfahrenden Taxis. Durch die Calle de la Sal vorbei an den Schinkentresen des Museo del Jamón. Auf der Plaza Mayor wartet die Gruppe schon, meistens direkt unter dem Reiterstandbild Philipps III. Warum das Maul des Pferds geschlossen ist, verrate ich nicht, dazu müssen Sie sich schon meinen bei Merian erschienenen Reiseführer kaufen. Die ersten Blicke des Publikums sind misstrauisch. Was wird dieser Typ uns erzählen? Ich trage keine Reiseleiter-Uniform, muss mir die Autorität erst noch erarbeiten. Das klappt meistens hervorragend, denn meine Deutschen sind in Urlaubsstimmung und zu Scherzen aufgelegt. Die Zeit vergeht wie im Flug. Habsburgerviertel, Palacio Real, La Latina, Plaza Tirso de Molina, Plaza Santa Ana, Dichterviertel. So viele Stadtbilder, so viele Geschichten. Das lässt die wenigsten kalt. Auch ich habe nach all den Jahren immer noch Glücksgefühle, aber sie werden seltener. 

Jeder Job hat seinen Alltag. Ich habe mich oft gefragt, ob es die durchaus beachtliche Redundanz des Erklärens ist, die einen irgendwann abstumpft. Vielleicht. Aber vielleicht ist es auch die Stadt an sich, die sich rasant verändert. Verliert Madrid seine Einzigartigkeit? Erobern immer mehr uniforme Ramschketten das Zentrum und verdrängen Geschäfte, die bis vor kurzem einzigartig und identitätsstiftend waren? Zum Glück bleibt immer noch der Weg in die Museen. Auch die Kunsthallen wie der Prado oder das Reina Sofía geraten immer mehr zu Kultursupermärkten. Aber angesichts all der zum Greifen nahen Meisterwerke mit ihren Legenden, Martyrien, Porträts und der schier unglaublichen Menge an Geschichte und Geschichten fällt die Abstraktion leichter als auf der Straße. Zu bestimmten Uhrzeiten, meistens unter der Woche ab 16 Uhr nachmittags, ist man sogar relativ sicher vor lauten und viel zu großen Gruppen. Man taucht wirklich ein in eine andere Sphäre. Der Museumskontext hlft dabei wie eine Haube, die über eine untergegangene Welt gestülpt wird.

Nach dem Abschied von der Gruppe verlasse ich den Prado durch den Jerónimos-Ausgang. Hier bietet sich der perfekte Moment, wenn einer der vor dem Museum sitzenden Gitarrenspieler Falla oder Albéniz erklingen lässt. Das ist für mich wirklich Spanien in all seinen herzergreifenden Facetten. Nach diesem kurzen Glücksmoment überquere ich den Paseo del Prado und steige in die Buslinie 45 ein. Der Alltag hat mich wieder. Ich schiebe mich so weit wie möglich nach hinten, ein Sitzplatz ist Illusion. Und zurück geht's nach Hause, vorbei am Atocha-Bahnhof und durch das ans historische Zentrum grenzende Stadtviertel Arganzuela.

Wo sind jetzt hier die Unterschiede zum Alltag in Deutschland? Vermutlich liegen sie ausschließlich in den Details. Leute wie ich erscheinen nicht in den vielen TV-Dokus über gescheiterte deutsche Auswanderer. Ganz einfach, weil Leute wie ich nicht den TV-Auswanderertraum von Malle, Mittelmeer etc. gesucht haben. Die neue Realität muss man sich erkämpfen und erarbeiten. Die Gründe dafür, nicht nach Deutschland zurückzukehren, sind keine Traumstrände und keine Partymeilen. Das sind die Menschen und die vielen kleinen, sich wiederholenden Glücksmomente, die nach und nach ein neues Leben aufbauen. Unmerklich und unspektakulär. Ein Netz der kleinen Dinge, das einen auffängt, aber manchmal auch einsperrt in leeren Ritualen, von denen man sich irgendwie und irgendwann wieder befreien muss.

Neue Menschen, neue Probleme, das bedeutet am Ende auch ein neues Leben. Und nicht der Schmu vom Triumph im Jetset oder dem Karton in der Favela.

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